Ganzheitlicher Ansatz der Segment-Reflektorik

THP 5 20 Page16 Image1Diagnose und Behandlung chronischer Schmerzzustände

Das geliebte Haustier ist in die Jahre gekommen und nicht mehr das, was es noch vor einiger Zeit war. Der Besitzer macht sich Sorgen und möchte wissen, was das Tier hat. Er geht zum Tierarzt oder sucht einen Tierheilpraktiker auf. Ob eine treffende Diagnose und ein zielführender Therapievorschlag herauskommt, hängt von der Erfahrung, aber auch dem diagnostischen Ansatz des aufgesuchten Therapeuten ab. Dieser Artikel beleuchtet den ganzheitlichen Ansatz der Segmentreflektorik.

Der Fall

Hund Chico – Siberian Husky/Deutscher Schäferhund-Mix, männlich, kastiert, 9 Jahre (geb. 10/2010) – zeigt sich in letzter Zeit zunehmend inappetent, hat 3 kg abgenommen, wirkt sehr müde, kann nicht mehr gut Treppe laufen oder ins Auto springen und frisst beim Ausführen ständig Gras, um es nach kurzer Zeit wieder zu erbrechen.
Mit dieser Symptomatik wird der Patient dem Tierarzt mit Bitte um Befundung vorgestellt. Dieser macht eine kurze Anamnese, indem er Herz und Lunge auskultiert, Ohren, Augen und Zähne begutachtet, Stellreflexe überprüft und eine Adspektion von Haut, Haarkleid und Ernährungszustand durchführt. Für eine Blutanalyse wird Blut abgenommen und der Besitzer in den Warteraum geschickt. Als kurze Zeit später das Ergebnis vorliegt, setzt sich der Tierarzt zu Patient und Besitzer und erklärt die Ergebnisse. Alle Blutwerte sind in Ordnung, klinische Untersuchung ohne Befund, der Hund ist aber zu mager, die Oberschenkelmuskulatur zu schwach. Empfohlene Maßnahmen sind das Sammeln einer 3-Tages-Kotprobe zur Überprüfung auf Parasiten sowie die Gabe von Anibidiol plus® (Virbac), einem Cannabidiol-haltigem Pulver zur Schmerzreduktion. Die Verdachtsdiagnose lautet Spondylose im thoracolumbalen Übergangsbereich (Brust – Lendenwirbelsäule), und der Rat: Schonung bis zur vollständigen Versteifung des betroffenen Bereichs der Wirbelsäule. Die Sammelkotprobe wird ein paar Tage später in das Labor geschickt und zeigt keine parasitäre Belastung.
Der Besitzer ist um 200 Euro ärmer, aber wirklich schlauer ist er nicht. Wie lange wird es dauern, bis es dem Hund besser geht? Woher kommt die diagnostizierte Spondylose? Wieso frisst er laufend Gras? Was kann ich tun, um die Schmerzen zu lindern? War die Untersuchung gründlich genug?

THP 5 20 Page17 Image1Zur Klärung dieser Fragen sind einige grundsätzliche Überlegungen anzustellen.
Akuter Schmerz, z.B. posttraumatisch, erfüllt eine lebenserhaltene Schutzfunktion und ist deshalb unbedingt notwendig. Chronischer Schmerz hingegen schränkt die Lebensqualität erheblich ein und führt zur Ausbildung eines Circulus vitiosus (Teufelskreis), in dem selbstverstärkende Mechanismen pathologische Veränderungen des Reizleitungssystems (Neurotom), der Haut (Dermatom), Muskulatur (Myotom), Knochen (Sklerotom) und Eingeweide (Viszerotom) in wechselseitiger Beziehung dieser Kompartimente zueinander ausbilden können. Die Verknüpfung wird als segmentreflektorischer Komplex (nach Bergsmann und Eder, 1977) bezeichnet (Abb. 1). Hinzu kommt, dass eine chronische Schmerzbelastung psychischen Stress auslöst und auch beim Tier zu psychosomatischen bzw. somatopsychischen Pathologien führen kann.

Während die Reizweiterleitung abund aufsteigender Impulse (Efferenzen/Afferenzen) für den Kopfbereich über die am Hirnstamm austretenden Kopfnerven erfolgt, werden die Strukturen des restlichen Körpers über die im Rückenmarkskanal der Wirbelsäule liegenden Spinalnerven angebunden. An den Wirbeln treten die Spinalnerven paarig aus und teilen sich in Äste (Rami) auf (Abb. 2).

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Es wird deutlich, dass hier – begrenzt auf das Wirbelsegment – die zentrale neuronale Versorgung der dorsal (rückenseitig) liegenden Haut und Muskulatur durch den Ramus dorsalis (rückenseitiger Ast) und derselben ventralen (bauchseitig) Anteile durch den Ramus ventralis (bauchseitiger Ast) erfolgt. Weiterhin findet sich die Umschaltstelle zur sympathischen Innervation (nervale Versorgung durch den Symphatikus) der inneren Organe in Form des Ganglion trunci symphatici (Grenzstrang). Der parasympathische Anteil des vegetativen Nervensystems hingegen ist größtenteils segmentunabhängig, da dieser mehrheitlich über den Nervus vagus (X. Kopfnerv) versorgt wird (Abb. 3).

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Head untersuchte bereits 1898 in seiner Dissertation den Zusammenhang zwischen viszeralen (die Eingeweide betreffende) Erkrankungen und Sensibilitätsstörungen der Haut, woraus die „Head-Zonen“ abgeleitet wurden.

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Während diese sich nicht überlappen und den Bezug zum Viszerotom darstellen, wurde auf Grundlage des Verlaufs von Ramus dorsalis (rückenseitiger Ast) und Ramus ventralis (bauchseitiger Ast) sowie ihrer Aufzweigungen (vgl. Abb.2) das Konzept der Dermatome entwickelt. Dermatome überlappen sich und weisen Bereiche auf, die von benachbarten Nervenästen vor- und nachzähliger Wirbelsegmente mit innerviert werden (Überlappungszonen, Abb. 5).

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Beiden Systematiken ist gemein, dass im thoracolumbalen Bereich eine Kaudalverschiebung der Segmente um zwei bis drei Wirbelkörperbreiten in Bezug auf die Lokation des jeweiligen Spinalnervenstamms festzustellen ist. Die ausschließlich von einem Nervenast versorgten Haut- und Muskelbereiche werden als „Autonome Zone“ bezeichnet und stellen ein wichtiges Hilfsmittel zur Diagnose und Behandlung im Kontext Neurotom-Dermatom-Myotom dar. Kibler nannte diese Bereiche „Maximale Reaktionszonen“ (MRZ).
Interessant ist die signifikante Übereinstimmung der aus der TC(V)M stammenden Lokalisierung organbezogener Akupunkturpunkte des Blasenmeridians und der neuroanatomischen Struktur (Abb. 6).

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Zu den eingangs gestellten Fragen ergeben sich folgende Antworten:
Die vom Tierarzt durchgeführte Untersuchung war nicht gründlich genug, um alle akuten/subakuten Probleme und einen kausalen Zusammenhang aller pathologischen Veränderungen zu erkennen.
Neben der klinischen Untersuchung muss zwingend eine Adspektion in Ruhe sowie Bewegung durchgeführt werden. Das ist nicht erfolgt, aber auf diese Weise hätte der Tierarzt erkennen können, dass ein Hochstand der rechten Hüfte und Knackgeräusche im Bereich des rechten Femurkopfes (Oberschenkenlkopf) auftreten. Weiterhin ist im Schritt zeitweise ein TLÜ- Twist (Hangbeinlahmheit der Hinterbeine beidseits) mit Passgang, eine großbogige Kyphose im thoraco-lumbalen Übergangsbereich (TLÜ) sichtbar sowie ein gelegentliches Stolpern ohne klaren Seitenbezug feststellbar. Die Kopfhaltung im Schritt ist eher tief, die Ohren werden tendenziell nach hinten gedreht.
Diese Befunde weisen auf mehrere Probleme im Sklerotom hin. Hüfthochstand (Darm-Kreuzbeingelenk – ISG?), Knacken in der Hüfte (Hüftarthrose?/ Hüftgelenksdysplasie?), TLÜ-Twist und Kyphose (Buckel – Spondylose?), Stolpern (Überlastung Oberschenkelkopf/ Ellenbogen?).
Weitere diagnostische und segmentbezogene Anhaltspunkte hätten über die Hauptfaltenpalpation nach Kibler (kaudo-kranial, also hinten-vorne, vom Kreuzbein bis Hinterhauptsbein) und Druckpunktpalpation nach Kothbauer (siehe Abb. 6) gewonnen werden können.
Das Grasfressen und Erbrechen lässt sich mit den Problemen im TLÜ aus segmentreflektorischer Sicht erklären. Genau in diesem Bereich findet sich der Zustimmungspunkt BL 21 mit Organbezug zum Magen.
Entweder liegt eine chronische Gastritis vor, die eine dauerhafte Verspannung der Muskulatur in diesem Bereich und schlussendlich eine Osteophytenbildung im entsprechenden Wirbelbereich zur Folge hat, oder die Hüftproblematik als primäres Problem bedingt durch unphysiologische Ausweichbewegungen eine Überlastung des TLÜ und daraus folgender Spondylose (Wirbelgelenksarthrose, sekundär) und Irritation der sympathischen, dem Magenbereich zugeordneten Nervenfasern (tertiär). Ich neige zur zweiten Erklärung, weil die Blutuntersuchung keine Auffälligkeiten im Bereich der Entzündungs- und Leberwerte zeigte. Das gelegentliche Stolpern kann als Folge der beschriebenen Kausalkette (Gewichtverlagerung nach kranial, Überlastungssyndrom) erklärt werden.
Die Frage der nötigen Maßnahmen folgt den Verdachtsdiagnosen. Prüfung und gegebenenfalls Mobilisierung des ISG rechts. Stärkung der Muskulatur der Hinterläufe durch isometrische Übungen. Detonisierung der Muskulatur rund um den TLÜ entlang der autonomen Zonen (siehe Abb. 5) durch Massagen, Elektrotherapie, Akupunktur, Vibrationstherapie (Novafon®).
Zur primären Schmerzlinderung kann, wie vom Tierarzt angeregt, auf CBDhaltige Produkte zurückgegriffen werden, aber denkbar ist auch die Stimulation der allgemeinanalgetischen Akupunkturpunkte (Abb. 7).

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In der Verlaufskontrolle muss erneut eine Adspektion in Ruhe und in Bewegung durchgeführt und auf Veränderungen geachtet werden. Eine Erkrankung, die lange Zeit benötigt hat, um sich zu entwickeln, braucht auch ihre Zeit, um durch den kausalen, ganzheitlichen Therapieansatz mit Aktivierung körpereigener Reparaturmechanismen (im Rahmen des Möglichen) auszuheilen. Dafür ist der Erfolg dann aber umso nachhaltiger!

ARNIM NAY

ARNIM NAY TIERHEILPRAKTIKER
TIERPHYSIOTHERAPEUT I.A.

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Ernährungs- und Haltungsberatung sowie Physiotherapie bei Hund und Katze

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