Stresspunktmassage beim Pferd: Stresspunkte 16 – 20

Foto: © purplequeue – FotoliaStresspunkte 16, 17, 18, 19 und 20 beim Pferd

Mit den Stresspunkten 14 und 15 haben wir in der letzten Ausgabe schon einige Stresspunkte der Hinterhand des Pferdes  erläutert. Die Hinterhand ist der Motor; ohne ihn läuft nichts richtig. Manchmal jault das Pferd auf, weil kein Gang eingelegt wurde, manchmal schleicht es im Standgas über den Reitplatz, und ein anderes Mal stottert es (Takt unrein). Fakt ist,  dass eine Fehlbewegung der Hinterhand auch für den Reiter deutlich spürbar ist.

Stresspunkte 16 und 17

Der Stresspunkt 16, der zweiköpfige Oberschenkelmuskel (Biceps femoris), hat die Aufgabe, das Sprunggelenk zu strecken und das Knie zu beugen. Erst mit Hilfe dieses Muskels werden Seitwärtsgänge möglich. Er befindet sich ca. 5 cm neben der Wirbelsäulenmitte (Lenkergefäß) in einer gedachten Mitte zwischen Hüftknochen und Sitzbeinhöcker. Bei Druck auf diesen Punkt versucht das Pferd zunächst auszuweichen. Ist das nicht möglich, kann es schon mal einknicken oder die Kruppe senken. Tut es dies, haben Sie sehr starke Verspannungen gefunden. Bevor ich auf die Behandlung eingehe, möchte ich Ihnen den Stresspunkt 17 nahebringen, denn die beiden Stresspunkte sind in ihrer Wirkungsweise und Behandlung eng miteinander verbunden.
Der Stresspunkt 17, der Bauch des Biceps femoris, ermöglicht die Beugung des Kniegelenkes und des Sprunggelenkes. Er befindet sich in einer seitlichen Rinne, kranial am Oberschenkelknochen gelegen. Hierbei handelt es sich um einen Stresspunkt, der als solcher nicht durch Hautzittern oder Ähnliches zu erkennen ist. Das Pferd knickt lediglich im Bein ein.
Wegen ihrer gemeinsamen Eigenschaften möchte ich die Stresspunkte 16 und 17 zusammen erläutern. In der Praxis sind von diesen Stresspunkten häufiger die sog. Schenkelgänger betroffen. Dabei handelt es sich um Pferde, die eine absolute Aufrichtung haben und keine Hankenfreiheit besitzen. Sie sind nicht in der Lage, einen vernünftigen Schritt zu gehen, und haben das sog. Zackeln. Bekannt geworden ist dies durch eine Reitweise, die als sog. Rollkur durch die Presse ging. Fakt ist, dass diese Pferde mit der Hinterhand am Boden bleiben und auch in höheren Lektionen der Dressur leider allzu oft zu hoch bewertet werden. Empfehlenswert hierzu ist die DVD von Dr. Heuschmann „Stimme der Pferde“.

Ein gut gerittenes Pferd ist ein Rückengänger in einer relativen Aufrichtung. Es ist durchlässig und nimmt die Hilfen seines Reiters an. Dieses Pferd hat Schwung und zeichnet sich durch eine fließende, energetische und elastische Vorwärtsbewegung, die von hinten kommt, aus. So macht das Reiten Spaß! Die Kriterien, nach denen die Jury in einer Dressurprüfung, sei es beim Fahren oder in der Vielseitigkeit, bewertet, sind Takt, Losgelassenheit und Anlehnung. Was aber ist, wenn mein Pferd nicht über diese Reiteigenschaften verfügt? Der erste Schritt muss die Überprüfung der Trainingsmethoden sein. Es bringt nicht viel, die Muskelverspannungen zu lösen und dann das Pferd weiter so zu trainieren wie bisher. Trainingsplan und Reitweise müssen überprüft werden.

Bei Muskelverspannungen haben sich im Laufe der Zeit viele Methoden bewährt. Sehr gute Erfolge lassen sich durch die Behandlung mit Strom erzielen, weil dieser weiter in die Tiefe der Muskulatur eindringen kann als so mancher Therapeut. Bei schweren Fällen habe ich auch schon mit sehr großem Erfolg eine Reitpause von vier Wochen verordnet und Blutegel an den betroffenen Stellen angesetzt. Auch warme Wickel ohne Öle helfen, die verspannte Muskulatur vor einer anschließenden Massage zu lockern und weicher zu machen. So ist es möglich, bessere Ergebnisse zu erzielen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass alle Reitsparten von diesem Muskelproblem betroffen sind, unabhängig davon, ob es sich um Profi- oder Freizeitreiter handelt.

Stresspunkt 18

Der Stresspunkt 18, der Wadenmuskel (Gastrocnemius), unterstützt die Beugung des Kniegelenkes und streckt wie der Biceps femoris das Sprunggelenk. Ist dieser betroffen, kann das Pferd nicht gut stehen. Das liegt in diesem Fall nicht daran, dass das Pferd es nicht kann, weil es so nervös ist, sondern eher an der Tatsache, dass das Stehen die Muskulatur zu sehr anstrengt. Das Pferd versucht sich dieser unangenehmen Situation zu entziehen, indem es ständig vor, zurück und zur Seite zappelt. Schon beim Putzen lassen Probleme an diesem Stresspunkt das Pferd nervös auf und ab laufen. Auch erschwert dieser Bewegungsdrang das Halten und Grüßen und stellt Reiter und Pferd schon mit dem Beginn einer Dressuraufgabe vor große Herausforderungen. Die Pferde spüren den Drang, sich immer zu bewegen, da Bewegung die Probleme der betroffenen Muskulatur erleichtert. Manchmal helfen den Muskeln Magnesiumgaben.

Für Sie als Therapeut ist dies allerdings ein sicheres Zeichen, dass der Stresspunkt 18 verspannt ist. Er befindet sich von hinten gesehen an der kaudalen Seite des Kniegelenkes in einer Rinne. Dieser Punkt ist schwer zu behandeln, da er zum einen sehr sehnig ist und sie als Therapeut zum anderen in der Schlagrichtung der Hinterbeine stehen.
Was ist also zu tun? Ein guter Anfang ist gemacht, wenn das Pferd zwei Wochen keine Sprünge macht und nur leichte Arbeit in allen Grundgangarten im Verhältnis 3:2:1 (Schritt, Trab, Galopp). Bewährt hat sich außerdem eine Dehnung des Hinterbeins nach kranial in ventrale Richtung zum gegenüberliegenden Vorderbein. Auch Schüttelungen im Innenschenkelbereich des Pferdes mit der flachen Hand lassen sich gut anwenden. Zwei- bis dreimal wöchentlich ausgeführt sollte eine schnelle Wiederherstellung möglich sein.

Stresspunkt 19

Der Stresspunkt 19, der Halbsehnenmuskel (Semitendionsus), unterstützt die Streckung des Sprunggelenkes und derHüfte. Gleichzeitig beugt erdas Knie und dreht das Hinterbein. Er befindet sich auf der Höhe des Schweifansatzes seitlich gelegen. Sichtbar werden Probleme dadurch, dass es dem Pferd an Raumgriff fehlt. Des Weiteren bereitet ihm die Streckung des Kniegelenkes im Schritt Schwierigkeiten. Bei Springpferden sagt man, sie springen wie eine Badewanne oder machen hinten nicht auf. Das ist keine Absicht, die Pferde können das Kniegelenk nicht strecken. Eine Aufdehnung des Muskels erfolgt, indem ich das Hinterbein anhebe und mit leichten Schüttelungen nach vorne bewege. Eine Massage mit kleinen Kreisen entlang der Muskulatur ist sehr effizient und hilfreich. Da die Massage auch für den behandelnden Therapeuten anstrengend ist, sollte sie pro Seite 20 Minuten nicht überschreiten. Falls das Pferd sich mehrfach widersetzt, ist ein Tierarzt zurate zu ziehen, da es sich möglicherweise um eine schwere Verletzung der Sehnen oder des Muskels handeln könnte. Dies bitte unbedingt vom Fachmann abklären lassen.

Stresspunkt 20

Der Stresspunkt 20, der halbhäutige Muskel (Semimembranosus), ermöglicht die Streckung des Hüftgelenkes und die Dehnung des Hinterbeins. Er befindet sich auf halber Strecke in einer gedachten Linie vom Stresspunkt 19 zum Sitzbeinhöcker. Pferde mit Problemen dieses Muskels können keine engen Wendungen vollziehen. Ich lasse die Pferdebesitzer in der Gangwerksbeurteilung immer eine 8 laufen, um zu sehen, ob die Pferde unter den Schwerpunkt treten können. Der Muskel ist auch dafür verantwortlich, ob Seitengänge gelingen. Ist dies nicht mehr der Fall, sind Probleme des Muskels wahrscheinlich. Dieser Punkt ist sehr empfindlich und es kommt gelegentlich zu heftigen Abwehrreaktionen. Deswegen: Vorsicht auch bei Pferden, die Sie kennen!
Die Dehnung des Muskels erfolgt wie bei Stresspunkt 19, und es finden Reibungen mit der Muskelfaser statt. Dazu sind wärmende Öle hilfreich. Vom Longieren in zu kleinen Zirkeln und engen Wendungen in Führanlagen ist abzuraten. Wenn es sich nur um eine Muskelverspannung handelt, ist Reiten mit Bergauftendenz die sinnvollere Alternative. Bei Zerrungen braucht das Tier Ruhe.
Nächstes Mal widmen wir uns den Stresspunkten 21 – 25.

CORNELIA LEETZCORNELIA LEETZ
DIPLOM-AGRAR- ÖKONOMIN
TIERHEILPRAKTIKERIN
PRAXIS IN GROSS DRATOW

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