Miasmen in der Homöopathie: Teil 4 – Syphilis

Foto: DSch – stock.adobe.comDie Syphilis ist das dritte der großen Miasmen, die für Hahnemann die Verursacher aller chronischen  Erkrankungen waren. Mit den ersten beiden, der Psora und der Sykose, haben wir uns in den früheren Ausgaben befasst. Die Psora war für Hahnemann das Grundmiasma, aus dem alle weiteren Pathologien entstehen, sie ist gekennzeichnet vom Mangel, es geht um ein „zu wenig“ im Organismus.  Ganz anders verlaufen Pathologien im sykotischen Miasma. Sykose ist Überschuss, es kommt zu Zubildungen und Wucherungen. Psora verursacht Reizungen, bei der Sykose kommt es zu Stauungen.  Die Syphilis dagegen steht am gegenüberliegenden Ende. Syphilitische Erkrankungen sind destruktiv, zerstörerisch, Körperteile verlieren ihre Funktion, der Organismus wird vernichtet. Auch sykotische  Erkrankungen können letztlich zum Aus für den Organismus führen, sie verlaufen aber langsamer,  schleichend, im Verborgenen. Den Krankheitsprozess der Sykose kann man z. B. an den Leitsymptomen ihres Hauptmittels Thuja nachvollziehen. Auch bei Thuja geht es um Verbergen, Verstecken  (s. dazu insbesondere die Gemütssymptome im Thuja-Steckbrief in der Ausgabe 5/17).

Psora und Sykose haben jeweils sehr viele Erscheinungsformen, es gibt aber keine Erkrankung, die  „Psora“ bzw. „Sykose“ heißt. Ganz anders bei der Syphilis. Sie ist schon seit Hunderten von Jahren als  eigenständige Pathologie bekannt und wurde in der Regel mit mehr schädlichen als nützlichen Medikamenten behandelt. Davon unterscheiden wir in der Homöopathie das chronische Miasma, das  ebenfalls Syphilis heißt. Um die Pathologie und den Verlauf derartiger Erkrankungen zu verstehen,  müssen wir uns mit beiden befassen. Mit der Syphilis, wie sie aus früheren Generationen bekannt ist,  und mit dem daraus abgeleiteten syphilitischen Miasma.

Die Syphilis

Im ursprünglichen Sinn handelt es sich bei der Syphilis um eine sehr ansteckende Geschlechtskrankheit, der als Erreger das Bakterium Treponema pallidum zugrunde liegt. Der Name „Syphilis“ leitet sich aus einem mittelalterlichen Gedicht ab, in dem ein Hirte mit dem Namen Sypilus aufgrund eines Vergehens mit ebendieser Seuche bestraft wurde. Aus dem Namen Sypilus wurde dann später Syphilis. Als Krankheit ist die Syphilis weit verbreitet, im Humanbereich gibt es weltweit jährlich Millionen von Neuinfektionen, die Übertragung erfolgt durch sexuellen Kontakt. Sehr häufig treten syphilitische Erkrankungen gemeinsam mit HIV-Infektionen auf.
Entdecker Christoph Kolumbus wurde zunächst für die rasante Ausbreitung der Syphilis in Europa verantwortlich gemacht. Seine aus Amerika heimgekehrten Matrosen sollen sie in die zahlreichen Hafenkneipen eingeschleppt haben. Mag sein, dass die Ausbreitung durch ihre Liebesabenteuer beschleunigt wurde. Wie Knochenfunde belegen, gab es diese Krankheit aber auch in Europa schon viel früher. Bei Ausgrabungen fand man z.B. Schädel mit zerfressenen und pathologisch verdickten Knochen – nur eines der grausigen Symptome, welche diese Krankheit hervorbringen kann.
Bei der Syphilis geht es um zerstörerische Prozesse und um Degeneration. Gewebe, Organe und Strukturen werden vernichtet. Das Voranschreiten einer syphilitischen Erkrankung ist häufig rasch und unaufhaltsam, die Krankheitsverläufe sind aggressiv und irreversibel.
Die damaligen Ärzte dachten, dass eine derart bösartige Erkrankung mit ebensolchen Mitteln therapiert werden müsse. Die Methode der Wahl waren Kuren mit Quecksilber – dem uns aus der Homöopathie bekannten (Heil) Mittel Mercurius solubilis. Zu Mercurius und seinen Symptomen kommen wir ein wenig später noch im Detail. Bei der Syphilis unterscheidet man zwischen einer erworbenen und einer hereditären (ererbten) Krankheit.

Die erworbene Syphilis

Diese wird durch Geschlechtsverkehr übertragen. Die Krankheit verläuft in mehreren Stadien, die allerdings nicht immer bilderbuchmäßig abzugrenzen sind. Natürlich gibt es individuelle Ausprägungen, sowohl bei Symptomen als auch beim zeitlichen Verlauf. Häufig vorkommender Verlauf:

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PRIMÄRSTADIUM
Ungefähr drei bis vier Wochen nach der Ansteckung erscheint ein zunächst schmerzloses Geschwür (harter Schanker), in der Regel an den primä- ren Geschlechtsorganen des Infizierten. Das Geschwür ist rot und sondert Flüssigkeit ab, die sehr ansteckende Erreger enthält. Wenige Wochen spä- ter kommt es zu Lymphknotenschwellungen. Die Krankheitszeichen heilen in der Folge ab, aber die Ansteckung bleibt.

SEKUNDÄRSTADIUM
Menschliche Patienten klagen über grippeähnliche Symptome wie Gliederschmerzen, Müdigkeit, Fieber etc. Wir können beobachten, dass Lymphknoten anschwellen, auf Haut und Schleimhäuten entstehen Knötchen, Papeln, nässende Bläschen, Exantheme. Die Haare beginnen stellenweise auszufallen („Mottenfraß“), Wimpern und Barthaare werden weniger. Bei genauerer Untersuchung der Mundschleimhäute und der Zunge sieht man weitere Zeichen der Zerstörung: Aphten, Risse an den Mundwinkeln, Längs- und Querfurchen in der Zunge.

TERTIÄRSTADIUM
Bereits im zweiten Stadium der Syphilis-Erkrankung werden die Organe angegriffen. Diese Zerstörung geht im späten Stadium (Tertiärstadium) der Erkrankung weiter. Die Krankheit hat sich im Laufe der Jahre im Körper eingenistet, es sind nicht mehr nur die Eintrittspforten wie Lymphknoten oder Haut in Mitleidenschaft gezogen, sondern auch die inneren Organe: Blut-und Luftwege, Magen, Leber, Muskeln, Knochen – der Körper zerfällt, es entstehen Geschwüre, Knochen zersetzen sich. Die ersten Opfer sind „vorgeschädigte“ Körperteile, d.h. Bereiche, die in der Vergangenheit bereits einmal erkrankt waren. Nach und nach erfasst die Syphilis aber den gesamten Organismus. Eine auch bei unseren tierischen Patienten sehr bekannte und mittlerweile verbreitete Erkrankung, die dem syphilitischen Miasma zugerechnet werden kann, ist die Borreliose. Die Ansteckung erfolgt zwar in diesem Fall durch einen anderen Erreger als im „klassischen“ Fall. Der Verlauf der Erkrankung, die Schübe, die Ruhephasen dazwischen, v.a. die tiefen irreversiblen Schäden an fast allen Körperorganen und Geweben – all das ist syphilitisch.

Die hereditäre (ererbte) Syphilis

Von hereditärer Syphilis spricht man, wenn es keinen Nachweis von Erregern im Blutbild gibt. Für die Schulmedizin gibt es diese Form der Erkrankung gar nicht, sehr wohl jedoch für uns Homöopathen. Wenn es in der Familiengeschichte irgendwann einmal eine Syphilis-Erkrankung gab, dann wird diese Krankheit auch weitervererbt, beim Menschen ebenso wie beim Tier.
Zum Unterschied zur erworbenen Syphilis kann man aber die Symptome nicht mehr einzelnen Stadien zuordnen bzw. ist es möglich, dass Symptome mehrerer Stadien gleichzeitig sichtbar sind.
Die Syphilis kann im Körper schlummern oder aktiv sein. Nicht in jeder Generation kommt es zu akuten Ausprägungen – manchen gönnt die Erkrankung eine „Pause“. Aus diesem Grund ist es in einer homöopathischen Fallanamnese für uns wichtig, Informationen aus früheren Würfen zu erhalten und etwas über Leben und Gesundheit von Wurfgeschwistern zu erfahren. Fakten, die nicht immer einfach zu erheben sind.
Die ererbte Syphilis muss im Laufe des Lebens nicht zwingend ausbrechen. Ob und zu welchen Beschwerden es kommt, hängt von den Lebensumständen sowie körperlichen und psychischen Belastungen ab. Immunität gibt es aber keine.

Symptome und Modalitäten der Syphilis

Syphilitische Symptome verschlimmern sich häufig in der Nacht bzw. zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang. Während bei der Psora Absonderungen in der Regel Erleichterung bringen, ist es bei syphilitischen Erkrankungen genau umgekehrt. Körperausscheidungen verschlimmern die Beschwerden und sind fast immer wundmachend.

KÖRPERLICHE SYMPTOME (EINE AUSWAHL): 

  • Foto: A Dogs Life Photography – FotoliDas syphilitische Miasma geht an die härtesten Substanzen des Körpers, es schädigt Knochen, Zähne und feste Organe 
  • Schwäche und ständiges Dahinkränkeln 
  • Angeborene Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen 
  • Tiere, deren Körperproportionen nicht zusammenpassen, z.B. zu kurzer Hals, überbaute Kruppe, oder Tiere, die Asymmetrien zeigen 
  • Hodenhochstand 
  • Hydrozephalus 
  • Herzklappenerkrankungen 
  • Deformative Veränderungen (HD, ED, Spondylosen) 
  • Die Syphilis schädigt häufig die Sinnesorgane, z.B. mit angeborener Taubheit, Blindheit, unterschiedlichen Farben der Iris

Foto: HeimWeitere Beispiele für Erkrankungen, die dem syphilitischen Miasma zuzurechnen sind: IBD (Inflammatory Bowel Disease), Ulzerosa, Analfisteln, FORL (Feline odontoklastische resorptive Läsionen), Polyarthritis, Borreliose, Osteoporose, Kolitis, aggressive Krebsformen, plötzliches Nierenversagen und Leberversagen. Allen gemeinsam ist das zerstörerische Element und die Tatsache, dass die schulmedizinischen Behandlungsmethoden keine grundlegende Heilung der Erkrankung bringen können.

Foto: HeimAuch bei den für unsere homöopathische Analyse so wichtigen Geistesund Gemütssymptomen gibt es klare Anzeichen für die Aktivität des syphilitischen Miasmas – einige Beispiele: 

  • überdurchschnittliche Aggressivität 
  • extreme Unruhe, v.a. nachts 
  • Abneigung gegenüber den eigenen Kindern 
  • Impulsivität und Unberechenbarkeit, Eifersucht 
  • große und unerklärliche Ängste, Panik 
  • geistige Trägheit, Verwirrtheit, Demenz etc.

201706 Miasmen7Therapie der Syphilis

Syphilis ist eine sehr aktuelle Pathologie: AIDS ist z.B. eine typische Erscheinungsform. In der Humanmedizin dürfen syphilitische Erkrankungen mit Erregernachweis nur von Ärzten behandelt werden, es besteht Meldepflicht. Antibiotika sind zwingend einzusetzen. Nachdem das Treponema pallidum bisher keine Resistenzen entwickelt hat, wird seit über 60 Jahren Penicillin verwendet. Auch Hahnemann war sehr intensiv mit der Syphilis konfrontiert. Die sog. Lues war zu seiner Zeit weit verbreitet. Die schulmedizinischen Methoden, Syphilis zu behandeln, waren damals aber nicht weniger gefährlich als die Erkrankung selbst. Quecksilber war das „Heilmittel“ der Wahl. Man bestrich den Körper des Erkrankten damit, was meist zu einem Ausfall der Körperhaare und Zähne führte. Es kam zu schwersten Organschädigungen. Häufig starben die Patienten nicht an der Syphilis, sondern an Quecksilbervergiftungen.

Antisyphilitische Arzneimittel

Ein Patient, der Symptome des syphilitischen Miasmas zeigt, benötigt ein Heilmittel mit Bezug zu ebendiesem Miasma – ein sog. antisyphilitisches Mittel.
Es gibt eine ganze Reihe Arzneien, die in ihrem Arzneimittelbild syphilitische Symptome aufweisen. Die Parademittel der Homöopathie für syphilitische Zustände sind gemäß Hahnemann Syphilinum und Mercurius.
Syphilinum ist die Nosode des syphilitischen Miasmas, es wird aus den Absonderungen eines syphilitischen Geschwüres bzw. genauer gesagt des syphilitischen Schankers erzeugt. In mancher Literatur wird diese Nosode auch „Luesinum“ genannt. Hahnemann setzte zur Behandlung der Syphilis homöopathisch potenziertes Quecksilber ein – uns Homöopathen als „Mercurius solubilis“ bekannt. Viele Metalle zählen zu syphilitischen Mitteln, allen voran Aurum: Suizidneigung, Herzerkrankungen (Arteriosklerose), nächtliche Knochenschmerzen, Knochenkaries, Hodenatrophie bei Jungtieren und extreme Photophobie sind Leitsymptome von Aurum und Merkmale des syphilitischen Miasmas.
Die meisten Fluorverbindungen haben stark syphilitischen Bezug, z.B. Fluoricum acidum: Leberzirrhose, Struma, Wirkung auf tiefliegende Gewebe, Ulzera und geistige Abgestumpftheit sind nur einige der charakteristischen Symptome dieser Heilmittelgruppe. Wenn man im Repertorium nachsieht, findet man in der Rubrik Allgemeines – Syphilis noch viele weitere Mittel, die dem syphilitischen Miasma zugerechnet werden. Insgesamt sind über 200 Mittel angeführt – und das ist keine abschließende Liste.

Auch bei der Therapie syphilitischer Erkrankungen gelten die bekannten Regeln: Behandelt wird der Patient, nicht ein einzelnes Symptom, die Auswahl des homöopathischen Mittels erfolgt nach dem Ähnlichkeitsprinzip. Das heißt: Grundsätzlich stehen alle Mittel in der Therapie zur Auswahl, egal ob „syphilitisch“ oder nicht. Sollten wir allerdings in der Mittelfindung zwischen zwei Mitteln schwanken, können wir die miasmatischen Schwerpunkte der Heilmittel zur Differenzierung und Mittelfindung heranziehen.
In der nächsten Ausgabe befassen wir uns mit Krebs und dem Krebsmiasma.

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