Anamnese in der Tierheilpraxis – Teil 2

Fotos: © pressmaster – FotoliaIn  Ausgabe  4/16  unseres  Magazins  wurden  die  allgemeinen  Erhebungen  einer  Anamnese  durchgesprochen, die sich auf das bezogen,  was man sehen und den Besitzer  fragen  kann.  Dieser  zweite  Teil  beschäftigt  sich  mit  den  verschiedenen  Untersuchungen,  die zur Vervollständigung  des Anamnesebogens notwendig sind.

Untersuchung der Lymphknoten

Palpieren Sie die einzelnen Lymphknoten möglichst beidseitig mit Ihrem Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger. Beginnen Sie am Ohrgrund mit dem Lymphknoten an der Ohrspeicheldrüse (Ln. parotideus) und arbeiten Sie sich weiter vor zu den Lymphknoten am Unterkieferwinkel (Lnn. mandibularis). Oberhalb vom Buggelenk befinden sich die oberflächigen Halslymphknoten (Lnn. cervicales superficialis), in den Achselhöhlen die Achsellymphknoten (Lnn. axillaris). Die bekanntesten Lymphknoten, die Kniekehlenlymphknoten (Lnn. popliteus), ertasten Sie in der Kniekehle, und die Leistenlymphknoten (Lnn. inguinalis) in der Leiste. Achten Sie bei der Dokumentation auf Größe (im Normalfall sind sie kaum zu tasten), Verschieblichkeit, Druckdolenz und Temperaturunterschiede zur angrenzenden Umgebung.

Untersuchung des Bewegungsapparates

Fotos: © absolutimages – FotoliaFür eine möglichst umfassende Diagnostik des Bewegungsapparates sollten Sie das Tier sowohl im Ruhezustand als auch in der Bewegung genau beobachten. Streichen Sie anschließend mit dem Handrücken den Körper ab – Temperaturunterschiede bemerken Sie so sofort und geben dem Tier nebenbei ein beruhigendes Gefühl.

Untersuchung im Ruhezustand
Je nach Tierart Stand, Aufstehen, Hinsetzen und Hinlegen beobachten. Auf mögliche Deformierungen achten, Rückenform beurteilen (z.B. Deutscher Schäferhund – ihn gibt es aus Zuchtlinien mit geradem oder durchhängendem Rücken). Wie sind beim Pferd Vorder-, Mittel- und Hinterhand ausgebildet? Wenn Sie das Pferd gedanklich dritteln, ist die Hinterhand wesentlich kürzer angelegt, als sie sollte, sodass orthopädische Probleme vorprogrammiert sind? Verlaufen Rücken- und Bauchlinie parallel? Ist der Trapezmuskel ausreichend ausgebildet? Wie ist die Beschaffenheit der Pfoten/Hufe/Krallen? Gibt es Umfangsvermehrungen, Verletzungen akuter oder chronischer Art? Ist ein Belastungsschmerz auszumachen, eine einseitige oder beidseitige Muskelatrophie?

Untersuchung in der Bewegung
Ist Lahmen, Steifigkeit, Bewegungsunfähigkeit erkennbar? Wird das Lahmen nach dem Einlaufen besser/extremer? Welches Bein ist betroffen? Kann das Tier enge Wendungen gehen (Pferd/Hund) und wie benutzt es dabei die Hufe/Pfoten – gibt es einen Überkreuzgang? Wie läuft das Pferd im Schritt auf der Geraden, danach auf der gebogenen Linie; auf hartem und weichem Boden? Im Vergleich derselbe Bewegungsablauf im Trab bzw. Galopp (je nach Krankheitsbild). Wie hält das Tier dabei Rute/Schwanz/Schweif?

Untersuchung des Atmungsapparates

© megaflopp – FotoliaUm aussagekräftige Informationen zum Atmungsapparat zu erhalten, braucht man ein wenig Übung. Die Atmung gehört zu den elementarsten Überlebensfunktionen. Sie ist durch das Heben und Senken des Brustkorbs zu sehen und dort zu ertasten. Verstärkte Atemgeräusche sind akustisch auszumachen. Physiologisch erhöht ist die Atmung bei körperlicher Anstrengung wie einem Ausritt oder Bällchenspielen mit dem Hund; physiologisch reduziert ist sie beim anschließenden Erholungsschlaf.
Untersuchen Sie im Hinblick auf Atemfrequenz, -rhythmus und -tiefe sowie des Atemtyps (abdominale Atmung oder thorakale Atmung). Das Tier atmet im Ruhezustand mit geschlossener Schnauze. Die Atemzüge können durch die Bewegung der Rippen am Ende des Rippenbogens gezählt werden. Wenn das Tier vor Aufregung hechelt und Sie mit Ihrem Stethoskop nicht vernünftig abhören können, bitten Sie den Patientenbesitzer, das Maul des Tieres kurz zuzuhalten (Nase natürlich freihalten und Zunge nicht einquetschen!). Beim Pferd ist die Atmung dagegen nicht, wie oftmals angenommen, über die Nüstern zu eruieren. Am besten stellen Sie sich einfach schräg neben das Pferd, beobachten seine Flanken oder fühlen die Atmung am Rippenbogen. Bei vorhandenem Husten sollten Sie beurteilen, ob dieser feucht/trocken, laut/matt, heiser/bellend oder quälend ist. Prüfen Sie, ob dabei Auswurf vorhanden ist (eitrig/gelblich/grünlich/stinkend) und wann der Husten auftritt (Uhrzeit/Standort).
Die Lungengrenzen untersuchen Sie mit Plessimeter und Perkussionshammer oder mit den Fingern. Es ist wichtig, die Lungengrenzen zu kennen, um eine eventuell überblähte Lunge diagnostizieren zu können. Sind pathologische Atemgeräusche in Form von Reibe-, Knister-, oder Rasselgeräuschen zu hören (feucht/trocken/ blubbernd, pfeifend)?

Tipp aus der Praxis: Bei Atmungsauffälligkeiten erheben Sie eine ausführliche Anamnese. Ein flach, oberflächlich und schnell atmendes Tier kann unter Schock stehen oder im physiologischen Fall ein Wettrennen mit Artgenossen hinter sich haben. Eine stark verlangsamte Atmung kann in der Regenerationsphase nach dem Spiel mit Artgenossen physiologischen Ursprungs sein, im schlimmsten Fall aber die Folge einer Vergiftung mit z.B. Schneckenkorn. Bei einer Kußmaulschen bzw. Cheyne-Stokes-Atmung sollten Sie an Hirnschädigungen, diabetisches Koma und ähnliches denken und entsprechend handeln. Zur Abklärung überweisen Sie an die Tierklinik. Bei rein abdominaler Atmung stellt sich u.a. die Frage nach Flüssigkeitsansammlungen oder Tumoren im Bauchraum: Anzeichen sind z.B. Schmerzen im Thoraxbereich und Druckempfindlichkeit. Auch hier bitte zur Abklärung in eine Tierklinik überweisen.

Vitalzeichen

Bei Kleintieren messen Sie den Puls an der Arteria femoralis in der Leiste, an der Oberschenkelinnenseite Richtung Hüftgelenk, und zwar beidseits, wahlweise auch an der Arteria coccygea an der Schwanzunterseite. Beim Pferd hört man mit dem Stethoskop hinter dem linken Ellbogenhöcker die Herzfrequenz oder fühlt den Puls mit den Fingern am Unterkiefer (Arteria mandibularis). Zählen Sie 15 Sekunden lang die Pulsschläge, dann multiplizieren Sie mit dem Faktor 4 und Sie haben den Minutenwert. Bei der Pulsmessung sollten Sie Frequenz, Regelmäßigkeit und Stärke der Pulsschläge beurteilen. Achten Sie bei den Herztö- nen zusätzlich auf Extrasystolen oder Geräusche.

Untersuchung der Geschlechtsorgane

Die weiblichen Geschlechtsorgane umfassen Eierstöcke, Eileiter, Uterus, Gesäugeleiste inkl. der Zitzen und Vulva, wobei wir als Tierheilpraktiker nur die äußeren Organe untersuchen können. Achten Sie auf Entzündungszeichen, Hautveränderungen, Schmerzsymptomatik, parasitären Befall, Wassereinlagerungen und Abwehrspannungen. Sind die Zitzen vollständig, eingezogen, verkrustet, entzündet, nässend, oder ist ein Milcheinschuss bei Scheinträchtigkeit zu beobachten?
Wenn Sie differenzialdiagnostisch mögliche Erkrankungen der inneren Geschlechtsorgane feststellen, ist die Überweisung zu einem Tierarzt zur Sonographie unerlässlich.

Tipp aus der Praxis: In Obhut des Menschen nehmen viele Stuten nicht gut auf. Im Zusammenhang damit ist oft wässriger bis eitriger Scheidenausfluss zu beobachten. Der Ausfluss hat eine klebrige Konsistenz und haftet im Schweif oder an den Schenkeln. Dies ist oft ein Hinweis auf eine Endometritis – ebenso wie das „Umrossen“ (hier sollte ein Tierarzt mittels Gewebeprobe, vaginaler Untersuchung und Sonographie Klärung bringen, ebenso wie bei einem apathischen Tier mit Abwehrspannung und eitrigem Ausfluss, der eventuell ein Indiz für eine Entzündung des Uterus oder der Ovarien ist). Bei einer Hündin können blutiger oder wässriger Ausfluss aus der Scheide und ausbleibende Läufigkeit ein Hinweis auf Störungen des Hormonzyklus oder eine Pyometra (Gebärmuttervereiterung) sein. Machen Sie deshalb unbedingt ein Blutbild mit Hormonspiegel und Entzündungsparametern.

Die männlichen Geschlechtsorgane bestehen aus den Hoden, Nebenhoden, Samenleitern, Harnröhre, Prostata und Penis (beim Pferd „Schlauch“) mit Vorhaut. Beim Hengst wiegt manchmal der linke Hoden mehr als der rechte und liegt etwas tiefer. Hierbei handelt es sich weder um einen Gendefekt noch um eine Erkrankung. Die Natur hat diese „Anomalie“ so eingerichtet, um das Risiko einer Hodenquetschung zu vermeiden. Achten Sie beim Penis auf Entzündungen. Ist er geschwollen, lässt sich das Präputium (Vorhaut) problemlos zurückschieben bzw. wie ist es beschaffen? Dokumentation eines möglichen Ausflusses im Hinblick auf Konsistenz, Geruch, Beimengungen in Form von Blut. Sind die Hoden tastbar, geschwollen, schmerzempfindlich, größenunterschiedlich?

Tipp aus der Praxis: Leckt sich ein Tier an seinen Geschlechtsorganen, ist dies unter Umständen ein Hinweis auf eine Entzündung, eine Fissur, einen parasitären Befall oder eine Kontaktallergie.

Untersuchung von After und Analdrüsen

Im Normalfall und bei gesunder Ernährung werden die Drüsen beim Koten ausreichend ausgedrückt. Geschieht dies nicht, kann sich der Inhalt entzünden. Erheben Sie eine Anamnese am After in Bezug auf mögliche Risse, Ekzeme, wundmachendes Sekret, Ausfluss oder blumenkohlähnlicher Gebilde. Ist der After geschwollen, gerötet, druckdolent? Eine gewisse Abwehrhaltung ist bei der Untersuchung dieser Regionen allerdings normal. Sind die Analdrüsen gefüllt und druckdolent? Wie sieht der Kotabsatz in Bezug auf Häufigkeit, Menge und Beschaffenheit (Konsistenz, Farbe, Geruch, sichtbarer Eiter, Parasiten, Fremdkörper, sichtbares Blut etc.) aus? Wie hoch ist der Gehalt an unverdauten Bestandteilen? Wenn beim Pferd der Schweif stark verkotet ist, stellt sich die Frage nach Kotwasser.

Tipp aus der Praxis: Ständiges Lecken im Analbereich oder „Schlittenfahren“, im Kreis laufen und nach der eigenen Rute schnappen sind meist Hinweise auf gefüllte/entzündete Analdrüsen oder Wurmbefall. Ist der Kot hart und schmerzhaft beim Absetzen in Verbindung mit mangelnder Bewegungslust, kann dies ebenfalls für gefüllte/ entzündete Analdrüsen sprechen. Frisches, hellrotes Blut im Kot deutet in der Regel auf eine analnahe Blutung hin, z.B. durch eine geplatzte Hämorrhoide, dunkles Blut/Teerstuhl spricht dagegen eher für eine Blutung im Bereich des Darms. Hier unbedingt an ein karzinogenes Geschehen denken und an den Tierarzt zur weiteren Abklärung überweisen.

Untersuchung des Harnapparats

Bei der Untersuchung des Urogenitaltraktes haben Sie, wie oben beschrieben, den Besitzer bereits nach dem Harnabsatz sowie der -menge befragt. Sollte es ihm möglich sein, eine Urinprobe während Ihrer Untersuchung zu bekommen, können Sie den Urin per Urinstreifen untersuchen. Der Harnapparat umfasst die Nieren, die ableitenden Harnwege, Harnröhre, Prostata und Blase. Die Nieren liegen retroperitoneal (außerhalb der Bauchhöhle) zwischen 12. Brust- und 2. Lendenwirbel beiderseits der Wirbelsäule. Die Blase kann man beim Hund und der Katze von hinten oben mit beiden Händen palpieren. Auffallen würde eine Druckdolenz. In diesem Fall wären Zusatzuntersuchungen wie Röntgen, Ultraschall und eine Harnuntersuchung notwendig. Checken Sie außerdem rektal die Prostata (eine leicht fühlbare, gelappte Drüse). Beim Pferd muss eine rektale Untersuchung durch den behandelnden Tierarzt erfolgen.

Untersuchung von Bauch und Verdauungsorganen

Bei der Untersuchung des Bauches sind die Verdauungsorgane und die Befragung der Patientenbesitzer besonders wichtig, denn das Sprichwort „Gesundheit geht durch den Magen“ kommt nicht von ungefähr. Aus naturheilkundlicher Sicht haben viele Allergien ihren Ursprung in einer ungesunden Darmflora, der Organismus ist übersäuert. Die Undulationsprüfung beim Hund und der Katze kann Aufschluss über Flüssigkeiten in der Bauchhöhle geben. Dazu tippen Sie mit den Fingern der rechten Hand den Bauch auf Höhe der Rippen des Tieres an und fühlen an der gegenüberliegenden Seite Schwingungen von freier Flüssigkeit in der Bauchhöhle. Untersuchen Sie den Bauch auf Spannung/Abwehrspannung, Darmperistaltik, Umfangsvermehrungen und tastbare Knoten.

Tipp aus der Praxis: Normalerweise sind die Leberränder unterhalb des Rippenbogens bei Hund und Katze nicht tastbar, es sei denn, das Tier hat eine Stauungs- oder Fettleber. Bei Abwehrspannungen des Unterbauches auch an Gebärmutterentzündungen, Eileiterschwangerschaften, Nierenbeckenentzündungen oder ähnliches denken – unter Umständen Blutentnahme durch Sie und Sonographie durch den Tierarzt. Knoten, die Sie ertasten, befunden Sie hinsichtlich Größe, möglicher Schmerzsymptomatik, Verschieblichkeit und Temperatur im Unterschied zur Umgebung. Nach Absprache mit dem Besitzer können Sie mittels Maßband auch eine Fotodokumentation zu einer möglichen Umfangsvermehrung in die Akten legen.

Neurologische Untersuchung

Hier befunden Sie Bewusstsein und Verhalten. Ist das Tier bewusstseinseingeschränkt? Nimmt es aktiv an der Untersuchung teil oder liegt es apathisch da? Einfache Tests wie z.B. Händeklatschen oder das Rufen der Bezugsperson, die sich hinter einer Tür versteckt hat, geben schnell Aufschluss über den Bewusstseinszustand. Zur Befundung der Oberflächensensibilität piksen Sie die Haut mit einem Bleistift an, die Tiefensensibilität untersuchen Sie mittels plötzlichem Druck Ihrer Hände auf eine Hautfalte. Belastet das Tier alle Extremitäten gleichmäßig? Werden die Extremitäten physiologisch koordiniert oder ist eine Zwangshaltung vorhanden (hier auch die Rute bzw. den Schweif nicht außer Acht lassen). Bei Lähmungen stellt sich die Frage, welche Extremität betroffen ist und wann die Lähmung auftritt: bei Belastung, in Ruhe, auf gerader/schräger Ebene? Bei Lähmungen im Bereich der Wirbelsäule: Wohin strahlt der Schmerz aus, sind Bewegungseinschränkungen und/oder eine beginnende Harn-/Stuhlinkontinenz vorhanden? Denken Sie in diesem Fall beim Hund an Dackellähme (Bandscheibenvorfall). Sind die Lähmungen zentral oder peripher, eher spastisch oder schlaff? Erzählt der Besitzer von Krämpfen/Ataxien? Untersuchen Sie unbedingt auch die Reflexe (Pupillenreflex, Lidschlussreflex, Schluckreflex, Patellarreflex, Umstellreflex)!

Anamnesebogen

Jeder Behandler wird über kurz oder lang seinen eigenen Anamnesebogen entwickeln – eventuell mit Abbildungen, in denen er Störfelder etc. eintragen kann. Fügen Sie alle Ihre Informationen zusammen, lassen Sie auch das psychische Verhalten nicht außer Acht und entwickeln Sie daraus eine fundierte, auf Ihren Patienten individuell angepasste Behandlung.

KRISTINA  VORMWALD
KRISTINA  VORMWALD

TIERHEILPRAKTIKERIN,  HEILPRAKTIKERIN


TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE

  • Behandlung von Erkrankungen des Bewegungsapparates mittels Dorn/Breuß-Therapie, Akupunktur und Ernährungsumstellung
  • Klassische Homöopathie
  • Blutegeltherapie
  • Onkologische Begleittherapien
  • Fachautorin

KONTAKT
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201606 Anamnese5Buchtipp:
Kristina Vormwald, Praxisbuch für Tierheilpraktiker, Sonntag Verlag, 2016.
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