Neu: Große Fachausbildung Tierphysiotherapie & TCMV

Foto: msgrafixx – ShutterstockMEHR WISSEN HEISST BESSER THERAPIEREN

An den meisten namhaften Ausbildungsstätten für Tierphysiotherapeuten wird auf eine fundierte tiermedizinische Grundausbildung in Anatomie und Pathologie Wert gelegt, wobei in der Pathologie und der Einführung in die Physiologie naturgemäß der Hauptfokus auf den Bewegungsapparat gerichtet ist. Ist diese Herangehensweise bzw. sind diese Inhalte der üblichen Lehrpläne für Physiotherapeuten am Menschen eine ausreichende, praxisnahe und -taugliche Ausbildung, stellt sich dies in der Tierheilkunde-Praxis anders dar.

Plädoyer für eine nicht isoliert betrachtete Tierphysiotherapie

Die Physiotherapie kann man in der Tierheilkunde nicht vergleichbar isoliert betrachten wie im humanen Gesundheitswesen. Im humanen Bereich wird der Physiotherapeut in den allermeisten Fällen auf Verschreibung eines Arztes konsultiert. Der Einsatz erfolgt in der Regel nach einer OP bzw. bei chronischen Prozessen als flankierende Maßnahme zur Verbesserung von Beweglichkeit und Allgemeinbefinden. Eine Erstkonsultation findet nur äußerst selten statt. Die diagnostischen Fähigkeiten des Physiotherapeuten müssen nicht zwingend besonders ausgezeichnet sein, weil er den Patienten bei Unklarheiten, Schmerzen oder zusätzlichen Erkrankungen befragen kann und bei entsprechendem Verdacht oder bei Bedarf wiederum an den überweisenden Arzt verweist. Es wird daher aus gutem Grund für eine kassenabrechenbare Erstkonsultation auch zwischenzeitlich eine eigene Zusatzqualifikation, die des „Sektoralen Heilpraktikers für Physiotherapie“, angeboten.

Ganz anders die Situation im Veterinärbereich

In den seltensten Fällen wird ein Tier-Patient vom Arzt nach einer OP oder zu flankierenden Maßnahmen an den Tierphysiotherapeuten empfohlen! Es handelt sich in den meisten Fällen um eine haltermotivierte Erstkonsultation! Dabei kann es sich ganz konservativ um Fragen des passiven und aktiven Bewegungsapparates handeln, z. B. um Aufbau nach einer OP. Und natürlich kann der Halter auch – oft subjektiv gefärbt – Auskunft über den Patienten geben. Die Fähigkeit, in übergeordneter, ganzheitlicher Betrachtungsweise den Patienten durch eine umfassende Anamnese zu untersuchen, Befunde und Ergebnisse sachlich richtig einordnen und interpretieren sowie Differentialdiagnostik betreiben zu können, macht hier aber einen ausgezeichneten Diagnostiker mit fundierten Kenntnissen zu allen Funktionen eines Organismus notwendig. Würde man, wie häufig gewünscht, nur die Physiotherapie – und hierbei möglichst noch nur die Handgriffe in der Praxis am Tier – lehren bzw. erlernen, wäre das der Weg zum häufigsten Fehler. Nämlich ohne Anamnese, Befund und Diagnose bei Störungen des Bewegungsapparates sofort physiotherapeutisch „drauflos“ zu therapieren – übrigens ein häufiger Vorwurf, den Tierärzte gerne gegenüber Haltern zum Thema Tierphysiotherapeuten benutzen. Wir werden aber ganz im Gegenteil vom Hilfe suchenden Tierhalter in aller Regel als Alternative zum vielleicht bis dahin enttäuschend erlebten Tierarzt wahrgenommen und haben daher eine enorme diagnostische Beratungsverantwortung, die mit einer diagnostischen Verantwortung einhergeht.

Mehr Wissen heißt besser therapieren

In meiner Berufstätigkeit kommt es praktisch nie vor, dass ich ausschließlich physiotherapeutisch am Tier tätig werden muss. Meist ist eine Fragestellung zum Bewegungsapparat nur der Türöffner für andere, oft internistische Probleme. Da hat das Pferd plötzlich COB (Chronisch obstruktive Bronchitis) oder KPU (Kryptopyrrolurie) oder der Hund leidet an Futtermittelallergie. Da bei der Gesunderhaltung die Ernährung eine ganz entscheidende Rolle spielt, kann ich mir einen Patientenbesuch, ohne dass die Fütterung zur Sprache kommt und häufig optimiert werden muss, gar nicht vorstellen. Dazu sind jedoch entsprechende umfassende Kenntnisse zur Tierernährung vonnöten. Nebenbei bemerkt ist hier die Compliance der Halter bei den entsprechenden Vorstellungsgründen, die sie zu uns führen, oftmals besser, als beim Routinebesuch in der Tierarztpraxis.

Auch fundierte Kenntnisse zu parasitären Erkrankungen sind bei einem – auch durch den Klimawandel und größere allgemeine Mobilität bedingten – deutlich gewachsenen Parasitendruck unverzichtbar. Unzählige Beispiele zeigen, dass man selbst bei einer scheinbar klar physiotherapeutischen Fragestellung zum Bewegungsapparat über den Tellerrand schauen muss und mit umfassenden tiermedizinischen Kenntnissen zu Differenzialdiagnosen kommt, die die sofortige Einleitung ganz anderer Maßnahmen bedürfen. So beruhen mannigfaltige Lahmheiten auf Endoparasiten – man denke z. B. an die intermittierende Lahmheit auf der Hinterhand bei Pferden, die einen Befall mit Strongylus vulgaris (großer Palisadenwurm) aufweisen, oder an die vielen zentralnervösen Störungen mit Paresen, welche durch Protozoen, bakterielle oder Virusinfektionen hervorgerufen werden können.

Ganzheitliche Betrachtung

201506 Wissen2Die Interpretationsfähigkeit von Blutbildern oder Ergebnissen einer vorangegangenen Urin- oder Kotuntersuchung und damit auch tieferer Kenntnisse zur Pathologie des Inneren wird dringend benötigt, weil sie wertvolle Hinweise auf die Genese eines sekundären Problems des Bewegungsapparates liefern, welche aber systemisch internistisch behandelt werden müssen – man denke z. B. an Werte, die ein raumforderndes Tumorgeschehen anzeigen, an Dysfunktionen der hormonellen Steuerung und den entsprechenden Stoffwechselerkrankungen etc. Mit dieser Erkenntnis und der wachsenden Erfahrung der Anforderungen in der Praxis ergab sich für mich der Wunsch, einen erweiterten ganzheitlichen Ansatz in den Untersuchungsgang wie auch in die weiteren Therapiemöglichkeiten am Tier mit aufzunehmen – neben all den hilfreichen Anleihen, welche die Physiotherapie ohnehin auch bei der Osteopathie oder der Chiropraktik macht.

201506 Wissen3Die Traditionelle Chinesische Medizin (in der Tierheilpraxis TCVM) ist aus vielen Gründen die ideale Ergänzung, schon deshalb, weil viele ihrer Indikationen sich mit den Ansätzen der Physiotherapie decken. Wenn wir neben dem segensreichen Einsatz chinesischer Kräuter an die Tuinamassage, die Akupunkturanwendung mit Nadel, Laser oder Moxa denken, so ist eine solche Behandlung mit Schmerzmanagement sowie mit spasmolytisch wirkenden Punkten im Vorfeld einer physiotherapeutischen Maßnahme ungemein hilfreich. Ebenso ist bei chronischen Prozessen eine Behandlung nach chinesischer „Syndrom-Diagnose“, ergänzend zur Symptombehandlung der Physiotherapie, der kurative Ansatz, eine entstandene Problematik von deren Wurzel her zu therapieren und oftmals damit nieren- oder leberschädigende Dauermedikationen zumindest reduzieren zu können.

Teambereitschaft

201506 Wissen4Einen Beruf lernt man nicht in der Ausbildung, sondern dort wird die theoretische Grundlage für eine „Berufung“ gelegt. Damit diese aber den geschilderten Anforderungen unserer Tierpatienten und deren bei uns hilfesuchenden Haltern gerecht werden kann, habe ich ein daran orientiertes Curriculum für die neue große Fachausbildung „Tierphysiotherapie und TCVM“ zusammengestellt. Und damit bin ich bei einer weiteren Fähigkeit, die wir im Sinne unserer Tierpatienten mitbringen sollten: gute Teamfähigkeit. Einigkeit besteht zwar darüber, dass interdisziplinäre Zusammenarbeit zum Wohl des Tieres unabdingbar ist, nur bleibt das allzu oft ein Lippenbekenntnis. Dass wir eine gute Zusammenarbeit mit dem Tierarzt brauchen, ist noch jedem klar – aber oft ist eine Empfehlung an eine Tierheilpraxis mit anderer Ausstattung oder Spezialisation zur Weiter- oder begleitenden Behandlung angezeigt. Meiner Erfahrung nach verliert man dadurch keine Kunden, sondern gewinnt das Vertrauen und weitere Kunden dazu, wenn die Halter erfahren, dass hier das Wohl ihres Tieres und keine wirtschaftlichen Interessen im Vordergrund stehen. Aus der Teambereitschaft entsteht oft eine auch wirtschaftlich tragfähige Zusammenarbeit, wobei unterschiedliche Neigungen und Spezialisierungen zusammenfinden, aber z. B. ein erforderliches Equipment nur einmal angeschafft werden muss und gemeinsam genutzt werden kann.

Lehrauftrag

Da die „Große Fachausbildung Tierphysiotherapie (Hund/Katze/Pferd) und TCVM“ (sie kann auch modular nacheinander gebucht werden) an mehreren Paracelsus Schulen angefragt wurde, bot es sich – auch aus zeitlichen Gründen – an, ein Team aus Dozenten zusammenzustellen, die sich durch ihre umfassenden Kenntnisse mit der gleichen Begeisterung und Motivation zur Aufgabe machen wollen, dieses breiter angelegte Curriculum zu unterrichten. Genau dieses habe ich mit meinen Mitstreiterinnen Kathi Abt und Elena Malizki gefunden.
Wir freuen uns, Sie in dieser Ausbildung begrüßen zu dürfen!

AGLAIA SCHIEBE AGLAIA SCHIEBE
DIPL.-BIOLOGIN, TIERPHYSIOTHERAPEUTIN, TIERHEILPRAKTIKERIN

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TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE

  • Physiotherapie
  • TCVM
  • Ernährungsberatung
  • Akupunktur
  • Dozentin an den Paracelsus Schulen

Foto: © Tsushyb – Fotolia, pashabo – Shutterstock

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