Kräuterkraft: Vom tattrigen Greis zum rüstigen Rentner

201506 Kraeuter1Mein Praxishandy klingelt und am anderen Ende ist die Besitzerin eines neuen Pferdepatienten. Ein 23-jähriger Warmblutwallach steckt scheinbar mitten im altersbedingten Zerfall. Vor Ort finde ich einen hageren, sehr steifen Fuchs vor. Er lebt mit einem sehr umgänglichen Wallach zusammen und teilt sich mit ihm tagsüber einen geräumigen Auslauf mit Unterstand und abends kommt jeder in seine eigene, benachbarte Box. Gutes Heu, Stroh und Wasser stehen immer zur freien Verfügung. Als Krippenfutter gibt es ein paar Krümel voll Hafer, reichlich Heuhäcksel und dazu regelmäßig in Kuren qualitatives Mineralfutter. Außerdem stundenweise Koppelgang auf einer gepflegten Weide mit überständigem Gras. Es gibt also an der Haltung absolut nichts auszusetzen. Bewegung erfolgt für ihn nur noch in kleinen Spaziergängen oder beim gelegentlichen Spiel mit seinem Kumpel. Auf Nachfrage erklärt mir die Besitzerin, dass die Intervalle von Zahnbehandlungen, Impfungen (nur Tetanus), Wurmkuren wie auch Schmied regelmäßig eingehalten werden. Aktuelle Blutwerte liegen vor und sind ohne jegliche Auffälligkeit. Dennoch berichtet die Besitzerin, dass sie das Gefühl habe, er baue stetig weiter ab.

Erster Eindruck

In der Tat wirkt der Wallach sehr desinteressiert, lustlos und müde. Er ist ziemlich eingefallen und auch ein wenig mager trotz seines leichtfuttrigen Charakters. Seine Arthrose mache ihm vermehrt zu schaffen und auch das Immunsystem sei nicht mehr so ganz auf der Höhe, erzählt mir die Besitzerin. So habe er Probleme mit steifen Bewegungen, erkältetem Husten und leide auch sehr unter Wetterumschwüngen, verbunden mit teils heftigem Schwitzen. Mir fällt sofort auf, dass er sehr stumpfes und talgiges Fell hat und trotz des täglichen Auslaufs und der sauberen Nachtbox ziemlich streng riecht. Eine unangenehme saure, aber auch bissige Mischung, die mir in die Nase steigt. Nach ausgiebiger körperlicher Untersuchung zeigt sich lediglich, wie bereits angekündigt, eine altersentsprechende Arthrose hauptsächlich im Bereich der Fessel-, Tarsal- und Carpalgelenke.

Individuelles Behandlungsschema

201506 Kraeuter2Basierend auf der Anamnese und in Absprache mit seiner Besitzerin stelle ich für ihn ein individuelles Behandlungsschema mit Kräutern zusammen. Wegen des matten Eindrucks, des unschönen Fells und des aufdringlichen Körpergeruchs erscheint mir die Anregung der Leber-/Gallenblasensekretion und natürlich auch der Nieren-/ Blasenleistung als erster Schritt wichtig. In zeitlichem Abstand widme ich mich dann seiner mangelnden Konstitution mittels einer kleinen Immunkur. Über eine Dauer von insgesamt vier Wochen möchte ich seine ausscheidenden Körperfunktionen anregen, sich der verbliebenen Reste und Schlacken zu entledigen. Da die Niere/Blase zuerst angeregt werden sollte, um dann auch mit den Leber-/Gallesäften gut fertig zu werden, beginnen wir mit einer morgendlichen Gabe von 50% Goldrutenkraut, 25% Birkenblättern und 25% Brennnesselblätter. Alle drei Kräuter sind für ihre nierenanregende und harntreibende Wirkung bekannt. Jedoch ist hierbei die Goldrute die wohl wirksamste Pflanze für diesen Zweck, weshalb ich ihren Anteil entsprechend hoch wähle. Dazu als Ergänzung die Birke, da sie einen zusätzlichen blutreinigenden Effekt mitbringt. Und die Brennnessel, die durch ihren Kieselsäuregehalt festigende Eigenschaften für Knochen, Sehnen und Bänder mitliefert. Angefüttert wird die Mischung behutsam mit etwa einem Drittel der für seine Größe bestimmten Kräutermenge, um dann erst am dritten Tag auf die volle Menge hochdosiert zu werden.
Zusätzlich dazu erhält er eine abendliche Gabe für die Leber-/Gallenblasensekretion in Form von 20% Mariendistelsamen, 70% Löwenzahnkraut und 10% Artischockenblätter. Auch hier fördern alle drei Kräuterbestandteile die Verdauung. Die Mariendistel ist hierbei jedoch die bedeutendste Pflanze in Sachen Leberwirksamkeit. Da wir hier die Samen verwenden, rate ich der Besitzerin, die Samen direkt vor der Verfütterung mit einer kleinen Küchenmaschine zu schroten. Dadurch können die Wirkstoffe auch beim alten Pferd mit mangelnder Kauleistung gut verstoffwechselt werden. Der Löwenzahn besitzt obendrein stoffwechselanregende Eigenschaften und die Artischocke hat eine regenerierende Wirkung auf geschwächte Leberzellen. (Der Anteil der Artischocke kann z. B. bei Jakobskreuzkrautbelastung, Medikamentengaben etc. bei Bedarf erhöht werden. Jedoch hat sich gezeigt, dass die Akzeptanz der flauschigen Blätter bei größeren Mengen sehr schlecht wird.) Auch hier wird mit einem Drittel angefüttert, sodass die eigentliche Menge erst am dritten Tag im Trog landet.

Wiedervorstellung

Nach erfolgter vierwöchiger Kräutergabe der zweite Termin – die Besitzerin ist hellauf begeistert. Der Wallach ist viel wacher, die Fellqualität hat sich verbessert und auch der strenge Geruch ist verschwunden. Angesichts dieser tollen Erfolge bleiben wir der Kräutertherapie treu und widmen uns nun auch seiner Arthrose und der altersschwachen Konstitution.

Nächster Behandlungsplan

Aufgrund der geriatrischen Schwäche und somit sicher auch seiner sinkenden Herzleistung fällt die Entscheidung auf eine Mischung aus 50% Weißdorn, 20% Mädesüß und 30% frisch geschroteter Schwarzkümmelsamen. Der Weißdorn hat herzkräftigende und durchblutungsfördernde Eigenschaften. Mädesüß hält die Verdauung in Schwung und ist nebenbei auch leicht schmerzlindernd, während der Schwarzkümmel das Immunsystem stärkt und die Erkältungsneigung mildert. Eine Anfütterung erfolgt auch hier über drei Tage bis zur vollen Dosierung und über einen Zeitraum von ebenfalls vier Wochen.

Zusätzlich Hagebutte und Ingwer

201506 Kraeuter3Dazu empfehle ich der Besitzerin, sich ganze Hagebuttenfrüchte und gemahlene Ingwerwurzel für ihn zu besorgen. Hagebutten sind gerade für ältere Pferde besonders wertvoll, da sie aufgrund ihres hohen Mineral- und Vitamingehaltes die Konstitution stärken und so auch Arthrosen positiv mit beeinflussen. Ingwer hat eine blutverdünnende, entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung, welche ebenfalls beim alten Pferd sehr gute Dienste leistet. Zudem hat Ingwer trotz seiner Schärfe eine magenberuhigende und appetitfördernde Wirkung, was seinem doch mageren Ernährungszustand zuspräche. Diese beiden Supplemente sollen ihm dann in den klirrendkalten Winterperioden oder während extremer Wetterwechsel in Herbst und Frühjahr verabreicht werden. Von den Hagebutten darf kurweise über z. B. vier bis sechs Wochen eine Handvoll täglich verfüttert werden. Vom Ingwerpulver sind je nach Zustand zwischen einer langfristigen Erhaltungsmenge von 10 g bis zu einer kurzzeitigen Menge von 100 g für eine akute Schmerzsymptomatik pro Tag möglich. Beides sollte stets angefüttert werden, wobei man beim Ingwer besonders langsam vorgehen und in der ersten Woche nur in täglichen Schritten von maximal 5 g hochdosieren sollte.

Nach dem Jahreszeitenwechsel

Die Besitzerin meldete sich nach einem halben Jahr und einem vergangenen Winter bei mir und bedankte sich für die tolle Behandlung. Ihr Fuchs sei dank der Kräutertherapie ohne „Wehwehchen“ und Mühen durch den Jahreszeitenwechsel gekommen und ist dabei so wach und lauffreudig wie schon seit Jahren nicht mehr. Damit ist wieder die beeindruckende Kraft und Wirkung der Kräutertherapie bewiesen.

PATRICIA TRÖMER PATRICIA TRÖMER
TIERHEILPRAKTIKERIN, TIERPHYSIOTHERAPEUTIN, TIERERNÄHRUNGSBERATERIN

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