Das Monster vom Sommerloch: Alligatorschildkröte Lotti

Foto: Reptilienauffangstation München Stephan MüllerIm August 2013 geisterte sie durch die Medien: Lotti, die „Alligatorschildkröte“, die noch niemand zu Gesicht bekommen hat.

Im Oggenrieder Weiher in der Gemeinde Markt Irsee wurde Anfang August ein 8-jähriger Junge beim Baden im See von irgendetwas so heftig in den Fuß gebissen, dass er drei Stunden lang operiert werden musste: Die Achillessehne war zweifach durchtrennt und in der Fußsohle klafften zwei tiefe Löcher. Nach dem Unfall wurde das betroffene Kind umgehend medizinisch versorgt und der behandelnde Chirurg wies zurecht darauf hin, dass es sich um eine Bisswunde handeln könnte, dass die Verletzung aber weder durch Müllgegenstände (Glasscherben, Konservendosendeckel etc.) verursacht zu sein schien noch zu den gängigen und bekannten Bissbildern passe.

Daher wurde direkt nach dem Unfall und der Intervention seitens des behandelnden Chirurgen die Expertise der Auffangstation für Reptilien, München e. V., einer durch den Freistaat Bayern geförderten Institution unter wissenschaftlicher Leitung, eingeholt. Die Auffangstation ist bundesweit anerkannt und für ihre Kompetenz geschätzt. Im Team arbeiten zwei staatlich anerkannte und vom Freistaat Bayern und dem Bundesumweltministerium berufene Sachverständige für Reptilien, unterstützt durch eine Crew von Reptilienfachtierärzten und Zootierpflegern. Nach Einsendung von Bildmaterial und Chirurgen-Aussage konnte eine Einschätzung getroffen werden, die besagte, dass eine Verletzung durch ein Tier nicht ausschließbar sei. Die triangelförmigen Verletzungen zwischen Ferse und beidseits des Knöchels verlaufend ebenso wie das Vorhandensein eines Gegenbisses auf der Fußsohle und die Schilderung des Jungen, dass er einen Schlag verspürt habe, während er bewegungslos im Wasser stand, ließen den Schluss zu, dass es sich um eine Bissverletzung durch ein Tier handeln könnte. Der „normale“ in einem deutschen Weiher lebende Raubfisch, wie Wels/Waller, Hecht, der heimische Flusskrebs oder der neozootische, amerikanische Signalkrebs, würden keine solchen Bissspuren hinterlassen, wie sie am betroffenen Jungen vorgefunden worden sind. Eine Glasscherbe attackiert nicht aktiv, ebenso wenig wie eine Blechdose oder anderweitiger Metallmüll, wie man ihn nur allzu oft in Gewässern vorfindet. Ebenso potenziell infrage kommende Säugetiere wie Biber, Bisamratte oder der ebenfalls nicht ursprünglich heimische Nutria sind im Irsee’er Weiher nicht bekannt. Ein Krokodilbiss kam wegen des vollkommen andersartigen Verletzungsbildes gleichermaßen nicht infrage, wenngleich „Sammy“, der vor Jahren entlaufene Kaiman, nach wie vor im Gedächtnis der Menschen geblieben ist. Weitaus passender erschien daher, dass die Verletzung möglicherweise durch eine größere Schildkröte verursacht wurde.

Hierbei kamen nur wenige Arten infrage, da insbesondere an der Fußsohle des Kindes tiefe Einstichstellen zu finden waren, wie sie durch einen Unterkieferhaken, der bei einigen Schildkröten vorhandenen ist, verursacht werden können. Das Gros derjenigen Arten, die solche Kieferhaken aufweisen, wie Schlammschildkröten, Großkopfschlammschildkröten, kleine und große Kreuzbrustschildkröten und Großkopfschildkröten, schieden durch ihre geringe Körper- und Kopfgröße aus. Es blieben also letzten Endes nur die Schnappschildkröte, Chelydra serpentina, und die Geierschildkröte, Machrochelys temminckii, als potenzielle Verursacher übrig.

Umgehend wurden Suchmaßnahmen durch die Verantwortlichen der Gemeinde in Irsee eingeleitet. So wurde der gesandete Zugangsbereich für Badegäste, in dem der Unfall passierte, abgesucht und abgetaucht – ergebnislos. Weder konnte ein Tier, noch Glasscherben, Blechteile oder andere „geeignete“ Materialien gesichtet werden, lediglich ein ca. kindskofpgroßer Stein wurde gefunden, der jedoch als Ursache für die Verletzung nicht infrage kam. Das Baden im Weiher wurde durch die zuständige Gemeindeverwaltung sofort untersagt.

Foto: Natalia KettingerIn der Folge wurde der See durch Öffnen des Stauwehres abgelassen, alle Fische, Flusskrebse und Teichmuscheln wurden gefangen und in einem 1 km entfernten Weiher eingesetzt. Die Feuerwehr und viele Freiwillige durchsuchten die Uferböschung und den Randbereich des stark schlammigen Teiches nach „Lotti“, wie das „nebulöse Tier“ alsbald getauft und als Monster von den Medien verkauft wurde. Im Verlauf weniger Tage baten die Verantwortlichen aus Markt Irsee, die Münchener Reptilienauffangstation um praktische Hilfe bei der Suche. Daraufhin rückten acht Mitarbeiter aus, um sich vor Ort ein Bild machen zu können, wo Lotti sich versteckt haben könnte. Im Rahmen dieser Begehung wurde ein sehr langes und ausführliches Gespräch mit den Mitarbeitern der Auffangstation, der Gemeindeverwaltung, dem zuständigen Landratsamt, dem Naturschutz, dem Veterinäramt, der Feuerwehr und dem Fischereiverein geführt, die Hilfestellung leisten sollten bei der Koordinierung der Maßnahmen, basierend auf der Biologie und dem natürlichen Verhalten der Schildkröten.

Der Zugang zum Weiher wurde für die Bevölkerung von Irsee und die angereisten Schaulustigen gesperrt. Die Presse, die an diesem Tag – man glaubt es kaum! – Drohnen über dem Gelände kreisen ließ und teils stundenlang live vom Weiher vor Ort berichtete, erhielt begrenzten Zugang. So mancher „Crocodile Hunter“, viele „Experten“, Schildkrötenjäger und andere hilfsbereite Personen bis hin zu Esoterikern und Geistheilern trieben sich am Weiher herum, sodass keine Ruhe mehr einkehren konnte.

Foto: Natalia KettingerDass das Suchen erfolglos blieb, lag sicherlich einerseits am Gelände und den Schlammmassen im Weiher, aber nicht zuletzt auch daran, dass das potenziell dort vorhandene Tier beunruhigt wurde und sich folgerichtig in der Unmenge von Verstecken und Höhlen im Weiherrandgebiet, im Schlick oder in den angrenzenden Moorwiesen versteckt hielt. Daher wurde bei einer erneuten Besprechung, gemeinsam mit der Auffangstation, dem Gemeinderat des Marktes Irsee und der Verwaltung beschlossen, ein letztes Mal den Weiher Ende September abzugehen und danach das Wasser wieder anzustauen, den Fisch-, Krebs- und Muschelbesatz wieder einzubringen und die moorigen, schlammigen und mit Segge und Schilf bewachsenen Rand- und Uferbereiche des Sees für Besucher unzugänglich zu machen. Nebenbei sollten in unregelmäßigen Abständen Reusenfallen eingebracht werden, um das Tier ggf. doch noch und primär aus Tierschutzgründen fangen zu können. Der Zugangs- und Einstiegsbereich für Badegäste sollte abgesichert und für das Tier unattraktiv gemacht werden. Nicht zuletzt wurde eine Hinweistafel, die über die Lebensweise und die minimale Gefahr, die von „Lotti, der Monsterschildkröte aus Irsee“ ausgehen könnte sowie auf das richtige Verhalten im Falle einer Begegnung oder Sichtung hinweist, erarbeitet und aufgestellt. Baden sollte weiterhin möglich sein, analog zu den tausenden von Gewässern in den USA, in denen eine friedliche Koexistenz der Schildkröten mit den Badegästen sehr wohl und unfallsarm möglich ist.

Wie aber soll eine Schnapp- oder Geierschildkröte in einen Allgäuer Teich gelangen?

Foto: Agency Animal PictureDie Frage ist recht einfach zu beantworten, bedarf jedoch einer kurzen Vorgeschichte: Bis in die 1990er-Jahre hinein waren die meist importierten Wasserschildkröten für den Heimtiermarkt Rotwangen-Schmuckschildkröten, Trachemys scripta elegans, neben einigen anderen, weniger häufig importierten Spezies. Die Tiere wurden fast schon industriell auf riesigen US-amerikanischen Farmen gezüchtet, teils als „Pets“ oder zum Zwecke des Verzehrs verkauft und in Massen exportiert. Als niedliche, fünfmark- oder zweieurostückgroße Babys mit brillanter Färbung wurden sie als Massenware verramscht und sehr oft unüberlegt gekauft. Sehr rasch wuchsen die Überlebenden (ca. 50 bis 80 Prozent überlebten die Strapazen nicht!) heran, entwuchsen ihren palmenverzierten Plastikwännchen oder kleinen Aquarien, verloren die prächtige Färbung, machten viel Dreck und Arbeit, verursachten Kosten und wurden auch noch bissig. Ergo mussten sie weg. Der Zoohandel nahm die schwer verkäuflichen großen Tiere nicht zurück, Zoos hatten berechtigtermaßen kein Interesse, engagierte Privathalter waren rasch überbelegt, und so wurden die Tiere ausgesetzt. Weltweit finden sich heute mehr Rotwangenschildkröten in den natürlichen Biotopen als dort heimische Arten! Es kam zu einer Ächtung der Unterart in der EU, eine Listung im Anhang B der EG-Artenschutz-Verordnung folgte und das Kontingent für diese eine Form, später gefolgt von weiteren, wie den Zierschildkröten, wurde auf Null festgelegt. Somit wurde der Import dieser Arten völlig gestoppt, Nur Nachzucht und Haltung bereits vorhandener Tiere blieb weiterhin erlaubt. Andere Arten folgten binnen Jahresfrist und nahmen den Platz der Rotwange im Tierhandel ein, allerdings teils weit weniger geeignete, weil anspruchsvollere und größer werdende Arten, und eben auch Schnapp- und Geierschildkröten.

Diese wurden als braune, niedliche, streichholzschächtelchenkleine „Aliens“ verkauft und waren jahrelang für wenig Geld zu bekommen. Die notwendige Aufklärung und Beratung für den meist ahnungslosen Neubesitzer fehlte allerdings. So wiederholte sich das Drama von damals mit neuen Akteuren wieder und wieder, Aussetzungen erfolgten bis hin zu derart drastischen Ausmaßen, dass in Frankreich ganze Seengebiete elektrisch abgefischt und „entschildkrötet“ werden mussten. Bald darauf, so schien es, erging über das Bundes-Naturschutz-Gesetz und die Bundes-Artenschutz-Verordnung ein Haltungs-, Besitz-, Zucht- und Vermarktungsverbot für die als gefährliche Faunenverfälscher mit Invasionspotential eingestuften Schnapp- und Geierschildkröten (§ 3 BArtSchV - Bundesartenschutzverordnung), die sich teilweise bereits gut etabliert hatten. Zudem kamen die beiden Arten in damals acht von 16 Bundesländern auf die Liste potenziell gefährlicher und daher bewilligungspflichtiger Tierarten. Ein Dilemma, da man nun seine unlieb gewordenen Tiere nicht einmal mehr an Liebhaber abgeben konnte. Nicht angemeldeter Altbestand wurde de jure illegal und musste unter Zwang abgegeben werden. Also wanderten nach wie vor – und in immer größer werdenden Zahlen – Tiere in die heimischen Gewässer. Dort können die Tiere durchaus jahrelang überleben, die hiesigen Winter sind weniger kalt als jene in den Ursprungsgebieten mit kontinentalem Klima, Nahrung gibt es ausreichend, von der unvorsichtigen Ente über den Fisch bis zur Napfschnecke. Eine Ansiedlung im Sinne der Heimischwerdung mit regelmäßiger und ausreichend hoher Vermehrung und sich selbst erhaltender Population hingegen scheint mehr als zweifelhaft. Dennoch bedeutet das schiere Überleben nicht, dass dadurch auch Wohlbefinden zwingend eingeschlossen wäre. Viele Tiere leiden unter unserem atlantischen und wechselhaften, meist sommerkühlen Klima und werden krank. Das Tierschutzproblem und das nicht von der Hand zu weisende ethische Dilemma stehen hierbei sicherlich im Vordergrund. Man darf getrost davon ausgehen, dass einige Hundert der damals ausgesetzten Tiere, nebst einiger illegaler Nachzügler, bereits seit mehr oder minder langer Zeit mehr oder weniger gut und dauerhaft – aber seltsamerweise ganz ohne Zwischenfälle und Unfälle – und fast immer unbemerkt in deutschen Gewässern überlebten und nach wie vor leben. So befand sich „Eugen“, eine Geierschildkröte, die im Dornacher Weiher nahe München gefangen wurde, nachweislich mehr als sieben Jahre in diesem Bade- und Fischgewässer.

Lebensraum und Lebensweise

Foto: Reptilienauffangstation MünchenSchnappschildkröten (Chelydra serpentina) und Geierschildkröten (Macrochelys temminckii) gehören zur Familie der Alligatorschildkröten und leben in den südöstlichen USA. Einzelne Exemplare wurden auch in Kanada gesichtet. Sie kommt aber auch in Mittelamerika vor, wobei die Geierschildkröte sich meist auf den Südosten der USA beschränkt. Schnappschildkröten werden bis zu 40 kg schwer bei einer Panzerlänge von 50 cm, bei Geierschildkröten sind bis zu 1 m große und 100 kg schwere Tiere bekannt. Sie sind sehr (defensiv-)aggressiv: Wenn sie sich bedroht fühlen, beißen sie zu, aber sie greifen normalerweise nicht aktiv und offensiv an. Mit ihren massigen Kiefern können sie sehr tiefe Wunden setzen, Finger oder Zehen eines Menschen quetschen oder abbeißen. Beide Arten sind vorwiegend Fleischfresser, sie ernähren sich von Fischen, Wasservögeln, Kleinsäugern, Amphibien, Reptilien, Krebsen, Schnecken, Mollusken bis hin zu – im Fall der Geierschildkröte – anderen Schildkröten etc. Im Gegensatz zu Geierschildkröten sind Schnappschildkröten verhältnismäßig gute Schwimmer, die durchaus auch aktiv ihrer Beute nachstellen und das Wasser auch gelegentlich zum Sonnenbaden und für kürzere Überlandstrecken verlassen. Geierschildkröten hingegen sind reine Lauerjäger. Meist liegen sie am Grunde von Gewässern, oft in Ufernähe, und verlassen sich auf ihre bizarre Körperform und die an Schlamm erinnernde Färbung ihrer Haut und ihres Panzers. Sehr häufig sind sie mit Algen bewachsen und optisch kaum von angeschwemmtem Totholz oder einer Gesteinsformation zu unterscheiden. Die Fortbewegung erfolgt zumeist laufend am Grund der Gewässer, die Tiere schwimmen so gut wie nie im freien Wasser, verlassen das Wasser eigentlich nur unter Zwang und zur Eiablage, und selbst das lebensnotwenige Sonnenbad zur Thermoregulation findet liegend im flachen Wasser statt. Trocknen jedoch die Gewässer aus, vergraben sich die Tiere wenige handbreit tief im Schlamm und sind dort vor Austrocknung geschützt. Dort können sie wochen- bis monatelang regungslos verharren, brauchen weder Nahrung aufzunehmen, noch zu trinken, lediglich die Nasenöffnungen ragen aus dem Schlamm hervor. Sie haben an ihrer Zunge einen meist rosafarbenen, wurmförmigen, aktiv beweglichen Fortsatz, mit dem sie Beutetiere “angeln“: Dabei liegt die Geierschildkröte am Grund eines Sees mit aufgerissenem Maul. Perfekt getarnt ist das einzig sichtbare der kleine rosa Wurmfortsatz an der Zunge. Versucht nun ein Fisch, diesen vermeintlichen Wurm zu fressen, schnappt die Schildkröte blitzschnell zu.
Während Geierschildkröten in ihrem Heimatland derzeit als gefährdet bis stark gefährdet und vom Aussterben bedroht eingestuft werden, kommen Schnappschildkröten meist noch recht häufig vor, gelten jedoch z. B. in Kanada ebenfalls als stark gefährdet.

Problemstellung

Foto: Reptilienauffangstation MünchenAufgrund ihrer enormen Größe und hohen Beißfreudigkeit sind Alligatorschildkröten keine leicht zu haltenden Tiere. Sie brauchen viel Platz und äußerst sachkundige Halter. Entkommene oder ausgesetzte Tiere überleben je nach klimatischen Bedingungen auch in Deutschland in Teichen viele Jahre lang – allerdings sind die langen, wechselhaften, nasskalten Herbst- und Frühlingsmonate auf Dauer für ihren Stoffwechsel ungesund: Leberversagen ist oft die Folge. Die normale Lebenserwartung einer gesunden Schnapp- oder Geierschildkröte beträgt viele Jahrzehnte. Viele Schnapp- und Geierschildkröten, die als Jungtiere im Zoohandel (von unsachkundigen Menschen) gekauft wurden, die sich nicht ausreichend über die als Babys wirklich sehr niedlich aussehenden Schildkröten informiert hatten, wuchsen ihren Haltern zu schnell über den Kopf und wurden dann kurzerhand in öffentlichen Gewässern „entsorgt“ – gern euphemistisch als „in die Freiheit entlassen“ betitelt. Jahrelanges Leiden bis zum gnadenvollen Eintritt des Todes ist die Folge. Ein Reptil als wechselwarmes Tier ist darauf angewiesen, mithilfe der Sonne seine Körpertemperatur soweit zu erhöhen, dass der Metabolismus richtig ablaufen kann und Stoffwechselendprodukte und anfallende toxische Substanzen ungewandelt und ausgeschieden oder z. B. in der Leber abgebaut werden können. Kann das Reptil – wie z. B. im Winter – aufgrund geringerer Sonneneinstrahlung und kalter Lufttemperaturen, seine Körpertemperatur nicht erhöhen, hält es Winterruhe. Ist die Temperatur wie im Herbst und Frühling noch nicht ausreichend kalt für einen echten Winterruhezustand, aber auch nicht ausreichend warm, dass das Reptil seine Körpervorzugstemperatur erreicht, so laufen zwar Stoffwechselprozesse ab, können aber nicht bis ganz zum Ende ausgeführt werden. In der Folge bilden sich toxische Stoffe im Körper, die sich besonders in der Leber des Tieres anreichern und betroffene Organe bis zum Organversagen schädigen.

In Deutschland gibt es daher, wie bereits erwähnt, seit 1999 ein Haltungs-, Besitz-, Vermarktungs- und Nachzuchtverbot. Nicht überraschend ist, dass viele Privathalter, natürlich erst nach und nach, häufig über die Medien mitbekommen haben, dass dieses Gesetz in Kraft getreten ist. Was also tun mit all den inzwischen illegalen Tieren? Genehmigungen für die Haltung wurden nur für rechtzeitig angemeldete Altbestände erteilt; Neugenehmigungen und Ausnahmeregelungen sind nach Angabe des Bundesumweltministeriums nicht vorgesehen. Normale Tierheime sind zur artgerechten Unterbringung von Reptilien normalerweise nicht in der Lage, zur artgerechten Haltung von solchen großen, durchaus als potenziell gefährlich anzusehenden Schildkröten noch viel weniger. Häufig haben sie also weder die Genehmigung zur Haltung von Reptilien nach § 11 TschG noch die nötige personelle und infrastrukturelle Ausstattung. Die wenigen spezialisierten Auffangstationen und zoologischen, wissenschaftlich geführten Institutionen, die Genehmigungen haben, diese Tiere legal zu halten, sind in der Regel hoffnungslos überfüllt. Wohin soll man mit Tieren, die fast so alt oder gar älter werden können als ein Mensch, strikt einzeln gehalten werden müssen, da sie untereinander in höchstem Maße unverträglich sind, die aber so groß werden, dass ein Glasaquarium nicht mehr ausreicht und die nicht an Privathalter innerhalb Deutschlands weitervermittelt werden dürfen?
Somit entledigen sich immer noch Einzelne ihrer illegalen Schildkröten, indem sie sie in Teichen aussetzen. Dies ist natürlich nicht weniger illegal (Verstoß gegen Tierschutzgesetz § 1, 2 und § 3 Pkt. 4 ff), vollkommen verantwortungslos und verwerflich! Sie muten den Tieren damit nicht nur ein leidvolles Dasein zu, sondern schädigen auch das einheimische Ökosystem.

Denkanstöße für Tierschutz und Politik

Wie man sehr schön an der Problematik der Schnapp- und Geierschildkröten sehen kann, führt ein in letzter Zeit immer wieder, leider auch von Deutschen Tierschutzbund und vielen Tierschutz- und Tierrechtsvereinigungen und nicht zuletzt als Wahlkampfparolen von einigen Parteien proklamiert, gefordertes generelles Haltungsverbot für sogenannte Exoten zu überhaupt nichts und trägt schon gar nicht zum Tierschutz bei.
Verantwortungsvolle Tierhalter werden damit in die Illegalität getrieben, die Tiere werden trotzdem weiterhin gehalten und es ändert auch nichts an der Tatsache, dass es immer Menschen geben wird, die sich ihrer Verantwortung entledigen, indem sie Tiere aussetzen. Vor allem regelt es nicht, was in der Folge mit all den nicht mehr legal zu haltenden Tieren geschehen soll. Wer soll sich 80 Jahre lang um alle Griechischen Landschildkröten kümmern, die nicht mehr an Privathalter vermittelt werden dürfen? Was für eine Lebensqualität haben diese Tiere noch, wenn sie in Boxen untergebracht werden müssen? Wäre es ethisch richtig und im Sinne des Tierschutzes, ein generelles Exotenhaltungsverbot auszusprechen, Tiere aus wirklich guten Haltungen, die es zu Genüge gibt, wegzunehmen und dann in maßlos überfüllten Stationen einzupferchen? Mit Sicherheit nicht! Zudem muss zwingend unterschieden werden zwischen tiergerechten und tierschutzkonformen Tierhaltungen und jenen, die – bereits zur Genüge abgedeckt durch die Vorgaben des Tierschutzgesetzes, sofern diese Vorgaben richtige und nachhaltige Anwendung finden – verhaltenswidrig und nicht artgerecht sind. Dass letztlich in Bezug auf potenziell art- und tiergerechte Haltung kein Unterschied besteht zwischen Wildtieren und domestizierten Tieren, weder biologisch noch ethisch, zeigt deutlich eine Arbeit der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT, 2012).

Das Monster vom Oggenrieder Weiher ist also in keinster Weise „Lotti“, sondern der veranwortungslose Besitzer, der aber wahrscheinlich ein Opfer nicht sachgerechten Tierhandels wurde!

DR. MARKUS BAUR DR. MARKUS BAUR
FACHTIERARZT FÜR REPTILIEN LEITER DER AUFFANGSTATION FÜR REPTILIEN, MÜNCHEN E. V.

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE:

  • Tierernährungsberatung
  • Reptilienmedizin
  • Verhalten
  • Tierschutz, Artenschutz
  • Gefahrtiere, Gefahrtierschulungen und Sachkundenachweise
  • Sachverständiger (BMU) für Reptilien


ISABEL GREFEN ISABEL GREFEN

TIERÄRZTIN IN WEITERBILDUNG ZUR FACHTIERÄRZTIN FÜR REPTILIEN, EHRENAMTLICH IN DER AUFFANGSTATION FÜR REPTILIEN, MÜNCHEN E. V.

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE:

  • Tierernährungsberatung
  • Reptilienmedizin
  • Wildtiere
  • Verhalten
  • Tierschutz

< zurück