Dingos und die Geduld des Forschers

THP 5 19 final korr Page34 Image1Erfahrungswoche auf der Eberhard-Trumler-Station

Als Hundehalter versuche ich mich immer für die Hunde interessant zu machen. Als Hundetrainer empfehle ich das auch allen Hundebesitzern. Doch bei den Dingos bemühte ich mich, mich ihnen so langweilig wie möglich zu präsentieren, damit sie sich schnell an mich gewöhnen. Wer mich kennt, der weiß, wie solche Zurückhaltung meiner Natur widerspricht und mir alles andere als leicht fällt. Aber es ist wichtig, damit die Tiere sich in ihrem Alltag von meiner Wenigkeit nicht beeinflussen lassen und in meiner Anwesenheit unverfälschtes Verhalten zeigen.

Es blieb mir nur zu hoffen, dass die Quantentheorie, die lautet, dass durch die Beobachtung einer Gegebenheit der Beobachter diese beeinflusst, bei Dingos keine Geltung hat. Doch auch wenn die Tiere die Quantenphysik nicht kennen, machten sie es mir nicht leicht: Die kleinste Bewegung meinerseits zog die Aufmerksamkeit der Hunde sofort auf mich. Da bleibt noch die Frage, wer wen beobachtete?

THP 5 19 final korr Page35 Image6Das Interesse der Tiere an mir war zwar schmeichelhaft, aber leider auch kontraproduktiv. Wie der Menschenaffenforscher Frans de Waal in seinem Buch „Der Affe in uns“ schrieb, ist das einzige Kompliment, nach dem ein Wissenschaftler sich sehnt, das, dass Tiere ihn wie ein Möbelstück behandeln. Dafür muss man sich aber auch wie ein Möbelstück benehmen, und das bedeutet, sich still und unbeweglich zu verhalten, für eine ziemlich lange Zeit. Einem Menschen fällt es schwer, alle für Körperbewegungen zuständigen Muskeln in den Zwangsurlaub zu schicken und lediglich Tätigkeiten des autonomen Nervensystems zu tolerieren. Vor allem, wenn dieser Mensch der Autor dieser Zeilen ist, der zwar ruhige Stunden auf dem Sofa sehr schätzt und sich diese auch regelmäßig gönnt, aber als ehemaliger Tänzer, Sportlehrer und Kampfkünstler einen ausgesprochen aktiven Lebensstil pflegt.

Paul Boese hat einmal gesagt: „Die Natur blüht bei Geduld auf, der Mensch bei Ungeduld.“
Nun, um die Natur zu beobachten, musste ich ein Teil von ihr werden: Also „undercover“ arbeiten. Das dumme an der Sache war, dass Geduld noch nie meine Stärke war. Hier wurde die Natur zu meinem großen (und vor allem geduldigen) Lehrer; und sie zeigte mir, dass sich Geduld lohnt.

THP 5 19 final korr Page36 Image2Nicht immer, doch oft genug hatte ich eine bestimmte Vorstellung davon, was ich an einem Tag sehen, beobachten und filmen wollte. Meistens gingen diese „Tagesziele“ in Erfüllung, aber so gut wie nie gleich am Morgen, sondern oft erst nach langem Warten – und das bis fast zum Aufgeben der Hoffnung. Es war, als ob die Tiere zuerst prüfen wollten, ob ich den vertrauten Einblicken in ihr Leben würdig bin. Sich als „würdig“ zu erweisen, hieß, stundenlang mäuschenstill zu sitzen, zu warten und zu hoffen. Auch zu frieren, Sonnenbrand zu bekommen und je nach Wetterlage und eigener Dummheit sich unpassend bekleidet zu haben. Zugegeben: Je länger ein Ereignis auf sich warten ließ, desto größer war die Freude, es erleben zu dürfen. Ich spürte nicht nur Freude, sondern auch eine gewisse Portion Stolz, nach solchen Prüfungen tatsächlich „würdig“ zu sein und die Szenen aus dem Leben bestimmter Tierarten hautnah mitzuerleben.

Wie banal und alltäglich auch immer die Verhaltensweisen der Tiere sind, wenn sie diese dir vorführen, fühlst du dich vom Vertrauen, das dir zuteil wird, auf das Tiefste gerührt und weißt das wirklich zu schätzen. So erging es mir bei allen Tieren, die mir Einblicke in ihr Privatleben schenkten. Der Preis dafür erwies sich später als große Gabe: Ich wurde vielleicht nicht unbedingt zu einem besseren Menschen, aber mit Sicherheit zu einem geduldigeren. Dafür danke ich der Natur und allen Tieren, die mich für diese Eigenschaft – auch gegen meinen Willen – einem harten Training untergezogen haben. Letztendlich saß ich so ruhig und so lange vor dem Dingogehege, dass die Hummeln mich bestäuben wollten.

Von diesen Erfahrungen inspiriert, verfasste ich ein Gedicht zum Thema Geduld. Ich übernachtete bei einem Bauern, einige Kilometer von Wolfswinkel entfernt, sodass ich auf dem Hin- und Rückweg, den ich zu Fuß bestritt, genug Zeit zum Dichten hatte.

Daraus ist Folgendes entstanden: Wie oft in meiner wilden Jugend, von Lebenshektik voll erfasst, hab ich so manche Chance verpasst. Geduld ist mehr als eine Tugend. Sie ist der Schlüssel, hinzufügend der gut zum Schloss des Lebens passt. Ich konnte nicht in meiner Jugend zu lange warten – Zeit war Geld. Geduld, die allerbeste Tugend, verschafft dir Zugang zu der Welt.

LAN HERZHOV
LAN HERZHOV

HEILPRAKTIKER FÜR  PSYCHOTHERAPIE
HUNDETRAINER
TIERPSYCHOLOGE

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