Reptilien als Patienten

THP 5 18 final Page36 Image1Hunde und Katzen als Haustiere empfinden wir alle als normal, ein Reptilienhalter hingegen wird gerne schräg angeguckt. Nichtsdestotrotz erfreut sich die Haltung von Reptilien, seien es Echsen, Schlangen oder Schildkröten nach wie vor  großer Beliebtheit. Das ist auch völlig in Ordnung, sind es doch wunderschöne und faszinierende Wesen. Im Gegensatz zu  Hund und Katze gibt es allerdings mehrere Tausend Reptilienarten, die unterschiedlichste, teils sehr spezielle Ansprüche  an die Haltung stellen, denen der Besitzer nachkommen muss, damit die Tiere gesund bleiben. Deswegen ist es unabdingbar, dass beim Reptilienhalter entsprechende Sachkunde vorhanden ist, um die jeweilige Art tier(schutz)gerecht zu  halten. Die Auffangstation für Reptilien, München e.V. beherbergt aktuell 1.300 Tiere, hauptsächlich Reptilien, aber auch  Amphibien, Fische, Avertebraten und exotische Säugetiere bei einer Vermittlungsquote von etwa 2 : 1 (Aufnahme : Vermittlung). Viele der Reptilien kommen mit direkt oder indirekt haltungsbedingten Schä- den und Krankheiten bei uns an, darunter fallen nicht nur typische Technopathien wie  Krallenverletzungen und -abrisse durch Hängenbleiben im Lüftungsgitter, Bissverletzungen durch Vergesellschaftung und falsche Gruppenzusammensetzung, sondern auch Organschäden wie z. B. Leber- und Nierenschäden durch falsche Fütterung oder schlechtes Klima- und Temperaturmanagement. Hinzu kommt, dass Reptilien als Wildtiere jegliches  Unwohlsein so lange verbergen, bis sie wirklich schwerkrank sind. Bis also dem Halter  auffällt, dass sein Tier krank ist, ist es oft schon 5 vor 12 oder noch später. In so einem  Zustand kann, wenn überhaupt, oft nur noch ein spezialisierter Tierarzt helfen, da häufig verschreibungspflichtige Medikamente oder Operationen vonnöten sind und nicht  noch mehr Zeit verloren gehen darf.

THP 5 18 final Page37 Image1Als Tierarzt oder Tierheilpraktiker muss man also, wenn man Reptilien gut behandeln will, primär erst mal in der Lage sein, die Haltung einzuschätzen. Dazu gehört eine fundierte Kenntnis der Bedürfnisse der speziellen (Unter-)Art, die Ansprüche an Makro- und Mikroklima, Lebensraum, Fütterung und Art der Futteraufnahme. Ist das Tier ein Pflanzenfresser, also herbivor, und frisst es Blätter, Gras oder Wildkräuter? Darf es Obst oder Gemüse fressen? Ist es omnivor oder carnivor oder frisst es nur Fisch, Insekten oder nur Eier wie die afrikanischen Eierschlangen (Dasypeltis) und erkennt alles andere gar nicht als Futter? Manche Reptilien ernähren sich fast hauptsächlich von anderen Reptilien. Wie findet die Futter- und die Wasseraufnahme statt? Ist das Tier ein Lauerjäger, frisst es Blätter, indem es hoch oben im Baum sitzt, oder grast es am Boden? Ist es eher ein „Rasenmäher“ oder ein Substratselektierer? Chamäleons trinken gewöhnlich nur Wasser in Form von Tropfen, die an Blättern oder anderen Gegenständen herunterhängen. Wird ihnen Wasser lediglich in einer Wasserschale angeboten, können sie verdursten oder hochgradige Nierenschäden davontragen.
Was für klimatische Gegebenheiten benötigt die Art, braucht sie einen Winterschlaf, welche Unterschiede im Tag-Nachtrhythmus sind wichtig, auch auf den Jahresverlauf betrachtet, was Tageslichtlänge, Temperatur und Luftfeuchtigkeit angeht? Gerade viele Wüstentiere verbringen den heißen Teil des Tages in Erdhöhlen, in denen es vergleichsweise kühl ist und annähernd 100 Prozent Luftfeuchtigkeit herrscht, während es an der Erdoberfläche absolut trocken und sehr heiß ist. Es ist also unabdingbar, dass ganz genau auf das Mikroklima geachtet wird. Wenn ein Mensch lediglich an „Wüste“ denkt, kommt dabei Sand und trockene Hitze heraus. In diesem Lebensraum allein kann kein Lebewesen überleben. Es braucht Rückzugsräume, in denen es abkühlen und sich rehydrieren kann. Wird ihnen diese Möglichkeit nicht geboten, bekommen sie Haut- und Organprobleme.
Wie ist das Sozialverhalten? Der Großteil der Reptilien lebt eher solitär mit wenig Toleranz für weitere Artgenossen auf engem Raum und im eigenen „Revier“. Leider vermenschlichen viele Halter ihre Tiere und halten mehrere Tiere einer Art zusammen, damit die Tiere nicht „einsam“ sind. Das führt zu massivem chronischen Stress mit all den Folgeerkrankungen, die man auch von anderen Tieren kennt (z. B. Anfälligkeit für Krankheiten durch dauerhafte Ausschüttung immunsuppressiver Stresshormone), aber auch zu handfesten Verletzungen durch Beschädigungskämpfe, da die unterlegenen Tiere nicht in der Lage sind, sich tatsächlich aus dem Geltungsbereich des überlegenen Tieres zurückzuziehen, wie sie das in freier Wildbahn tun würden. Wenn es soweit kommt, hat man als Halter die vielen subtilen Warnsignale leider übersehen. Häufig beobachten wir gravierende Biss-, Abschürf- oder Rammverletzungen bei europäischen Landschildkröten. Bartagamen erreichen die Auffangstation nur selten im Vollbesitz all ihrer Körperanhänge: Oft fehlen nicht „nur“ Schwanzspitzen, sondern ganze Gliedmaßen, auch schon im Jungtieralter. Da die Tiere sehr klein sind, blutet es nicht unbedingt viel. Außerdem können Reptilien nicht schreien, sie leiden stumm. Deswegen fällt es manchen Besitzern nicht auf oder wird als Bagatellverletzung abgetan. Die Schmerzen darf man sich aber wohl gleichermaßen heftig vorstellen, wie wenn man uns einen Arm abbeißen würde! Verallgemeinernd kann man sagen, dass ein allein gehaltenes Reptil nicht einsam ist und nicht unter der Einzelhaltung leidet. Ein Tier, das gezwungenermaßen in einer Gruppe lebt, in der weder das Raumangebot, echte Ausweichmöglichkeiten noch das Geschlechterverhältnis auch nur annähernd stimmen, leidet hingegen massiv. Nicht nur deutlich sichtbare Verletzungen können die Folge sein, sondern auch viel unauffälligeres Leiden: Weibliche Tiere können eine Legenot entwickeln, weil sie nicht in der Lage sind, stressfrei ihre Eier zu legen, oder weil das dominante Tier den Eiablagehügel für sich beansprucht und dort kein anderes Tier duldet. Wasserschildkröten können ertrinken, wenn nur eine Ausstiegsmöglichkeit zum Landteil vorhanden ist und das dominante Tier niemanden vorbeilässt. Gleichermaßen kann das unterlegene Tier auf dem Landteil verdursten oder überhitzen, weil es nicht wieder ins Wasser gelassen wird. Wenn der Besitzer kein genaues Auge auf diese Aktivitäten hat, und den meisten Menschen fällt es nun mal nicht auf, kommt es zu schweren Leiden und Schäden am Tier.

Wichtig ist auch die Beachtung anderer Verhaltensweisen: Ist die Art tag-, nacht- oder dämmerungsaktiv, ein Baumbewohner, Wald-, Regenwald-, Trockenwald- oder Steppenbewohner, oder eher grabend unterwegs, hat sie einen hohen Bewegungsdrang? Wie sieht der natürliche Lebensraum des Reptils aus? Eine Griechische Landschildkröte wird sich auf einem Stück Rasen nicht wohlfühlen, im ursprünglichen Herkunftsgebiet lebt sie in macchiaartigen Gebieten, also Arealen, die dicht mit Sträuchern bewachsen sind, unter denen sie gute Deckung hat, oder inmitten von hohen Gräsern und Kräutern. Sie wird sich freiwillig nur selten in offenes Gelände wie einen Rasen begeben. Offene Fläche ohne Deckungsmöglichkeiten bedeutet Stress. Die Wahrnehmung ihrer Umwelt ist für Reptilien anders als unsere: Durchsichtige Hindernisse werden nicht als Barrieren erkannt, das gilt für Glasscheiben ebenso wie für Kaninchen- oder Maschendraht. So kommt es, dass Wasserschildkröten ständig an den Scheiben entlangschwimmen; unterschwimmbare Landteile ohne Luftblase zwischen Wasseroberfläche und Landteil können zur tödlichen Falle werden. Landschildkröten sieht man an Zäunen „patrouillieren“ und immer wieder den Kopf durch die Maschen schieben, beim Versuch, durch den Zaun zu kommen, was zu Hautabrissen führen kann, wenn sie stecken bleiben oder sich erschrecken und den Kopf schnell zurückziehen. Das kleine Einmaleins der Reptilienmedizin ist also eine umfassende Anamnese zu den Haltungsbedingungen, und um diese angemessen beurteilen zu können, muss man als Tierarzt oder Tierheilpraktiker über fundierte Kenntnisse verfügen. Erst danach kann man sich an das große Einmaleins wagen: Die reptilienspezifische Anatomie, Physiologie und Pathologie. Wer also Reptilien ernsthaft als Patienten in Erwägung zieht, muss sich zuallererst einmal vertraut machen mit der Biologie und Ökologie dieser faszinierenden Tierklasse.

DR. MARKUS BAURDR. MARKUS BAUR

FACHTIERARZT FÜR REPTILIEN
LEITER DER AUFFANGSTATION FÜR REPTILIEN,  MÜNCHEN E. V.

TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE

  • Tierernährungsberatung
  • Reptilienmedizin
  • Verhalten
  • Tier- und Artenschutz
  • Gefahrtiere, Gefahrtierschulungen, Sachkundenachweise
  • Sachverständiger (BMU)  für Reptilien

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ISABEL GREFENISABEL GREFEN

FACHTIERÄRZTIN FÜR REPTILIEN


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GESCHENK-TIPP: TIERKALENDER

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Die Redaktion von "mein Tierheilpraktiker" hat etwas Bezauberndes für Sie gefunden!

Markus Baur, Leiter der Auffangstation für Reptilien, München e.V., über Isabel Grefen und deren Kalender mit Tierzeichnungen

MIT LEBENDIGEM GLANZ IN DEN AUGEN

THP 5 18 final Page39 Image1Isabel Grefen, eine junge Tierärztin aus München, hat ein Hobby, das Berufung ist: Kunst!
Mit ihrer Begabung schafft sie es, in präziser Arbeit mit Buntstiften, Aquarellfarben, in Acryl und als Skizzen Momente aus dem Leben der Tiere einzufangen.
Es sind keine Tierportraits, die sie malt; sie fängt einen Augenblick ein, verleiht den Tieren auf Papier einen Hauch von Leben, der nicht nur die individuellen Eigenheiten der Wüstenluchs-Dame „Kalaharia“ oder der Nil-Weichschildkröte „Ramses“ den eindeutigen Wiedererkennungseffekt beschert, sondern auch Erinnerungen, einen gemeinsamen Augenblick mit dem dargestellten Tier im Betrachter wachruft. Jedes der Tiere existiert in der Realität, jedes der Tiere, die sie malt oder zeichnet, blickt einen an, frei nach dem Titel des nachdenklichen Tierbuches von E. Bothe: „Tiere sehen uns an“.

Viele der Tiere leben wahrhaftig in der Obhut der Auffangstation für Reptilien in München, wo die Künstlerin sich ehrenamtlich engagiert.
Und für diese Auffangstation hat sie Bilder „gezaubert“ und zur Verfügung gestellt, die einen zeitlosen Kalender zieren, einen Geburtstagskalender, der neben dem Management von Daten und Festlichkeiten vor allen Dingen Freude an der lebendigen, uns ansehenden Kreatur, an der Schönheit von Augenblicken mit Tieren schenken soll. Der Erlös aus dem Verkauf dieses Kunstkalenders wird der Auffangstation und ihrer Arbeit, ganz besonders jenen, die sich in ihrer Obhut befinden, den Tieren nämlich, zugutekommen.
Ich selbst bin das, was man einen Kunstbanausen nennen mag, jemand, der weder Stile erkennt, noch feinsinnig mit den Inhalten oder der Machart auch nur das Geringste anzufangen weiß. Aber ich bin jemand, der sein Leben mit Tieren verbringen darf, der ihnen in die Augen blickt. Ich bin Tierarzt und Tierfreund mit Leib und Seele, kann aber ebenso wenig meine wissenschaftliche Ausbildung wie meine Zugeneigtheit zu den Tieren und meine Offenheit zum Dialog mit ihnen verleugnen. Und ich will es gar nicht. Was also hat einer wie ich zu einem Kunstkalender zu sagen? Nur so wenig, dass mich Isabels Tiere ansehen, dass ich sie wiedererkenne, dass sie Kleinigkeiten widerspiegeln, wie den Schalk im Blick eines Weißbüschel-Äffchens oder den Ausdruck in den Augen des Schneeaffen, die ich an den Lebenden sehen darf, und daher ist es für mich hohe Kunst, die bezaubert.
www.grefenart.de

Der Kalender mit 13 wunderschönen Tierzeichnungen  von Isabel Grefen erscheint im November und ist über reptilienauffangstation.de erhältlich. Der Verkaufserlös geht vollumfänglich an die Auffangstation für Reptilien, München e. V.

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