Problem Haltungsfehler - Sachkundenachweis zur Tierhaltung

THP 5 18 final Page16 Image1Ein Plädoyer für und eine Forderung an die Politik: Einführung der verbindlichen Verpflichtung zum Ablegen eines Sachkundenachweises zur Tierhaltung!

In meiner tiertherapeutischen Praxistätigkeit mischt sich in die oft so beglückende Erfahrung, wie gut Tiere im Vergleich zum denkenden und lenkenden Menschen therapiefähig sind und wieviel Hilfreiches an unseren Tierpatienten getan werden kann, immer wieder auch Ratlosigkeit über die Halter.

Pferd

Mit erschreckender Regelmäßigkeit treffe ich auf Pferdehalter, denen nicht einmal die Grundbedürfnisse ihrer Tiere bekannt sind – auch solche nicht, die im Tierschutzgesetz für die Pferdehaltung festgelegt sind. Die Einschätzung, wie viel Geld monatlich für eine tatsächlich befriedigende Pferdehaltung aufzuwenden ist, gelingt oft gar nicht. Viele künftige Pferdebesitzer, die das Glück auf dem Rücken des Pferdes suchen, sind beim Ankauf des Pferdes und später gefährlich naiv, und das zunächst so geliebte Tier leidet jahrelang still und qualvoll und endet später als Wurst.
Wer keine Reiterabzeichen anstrebt, kann ohne jeden Sachkundenachweis ein Pferd halten – ein untragbarer Zustand! Zumindest der „Basispass Pferdekunde“ sollte meiner Meinung nach zur generellen Pflicht werden.
Die Prüfung zum Erwerb des Basispasses besteht aus zwei Parts. Im praktischen Teil zeigt der Prüfling, dass er den sicheren Umgang mit dem Pferd beherrscht:

  • Annähern an ein Pferd 
  • Führen, Vorführen und Anbinden eines Pferdes 
  • Passieren anderer Pferde 
  • Loslassen des Pferdes auf der Weide bzw. dem Paddock 
  • Pferdepflege einschließlich Anlegen von Beinschutz 
  • Ausrüsten eines Pferdes einschließlich Satteln und Trensen 
  • Pferdeverhalten erkennen und vertrauensbildende Maßnahmen durchführen 
  • Grundtechniken des Verladens eines Pferdes 
  • Box- und Paddockpflege

Der theoretische Teil der Prüfung enthält Fragen zu folgenden Themen: 

  • Pferdeverhalten 
  • Artgemäßer Umgang mit dem Pferd einschließlich ethischer Grundsätze 
  • Fütterung und Fütterungstechniken 
  • Grundlagen der Pferdegesundheit 
  • Stallräume, Nebenräume und Bewegungsflächen

Ich bin der Meinung, dass diese Inhalte noch um eine realistische Kostenaufstellung erweitert werden sollten.

Hund

THP 5 18 final Page19 Image1Gefährlich im wahrsten Sinne des Wortes für Hund, Halter, Mitmenschen und Mithunde ist auch das, was viele Hundehalter als angemessenen Umgang mit ihrem Hund betrachten.
Auch hier fängt es mit den häufig fahrlässig spärlichen kynologischen Kenntnissen an, geht über keine oder falsch verstandene Erziehung bis hin zum Vermenschlichen des Hundes als Partner- oder Kindersatz. Immer wieder begegnen mir solche Hunde mit sich ähnelnden Krankheitsbildern, z.B. der IBD (inflammatory bowel disease), einer chronischen Darmentzündung. Das Tier ist im Dauerstress, weil es einerseits Partnerersatz sein soll, andererseits dadurch keine klare Führung durch seinen Menschen erfährt. Die Arbeit des Therapeuten wird häufig erschwert, weil der Hundepatient einfachsten Appellen nicht folgt, sich z.B. nicht auf Anforderung ablegen kann oder das Vorführen für eine aussagekräftige Ganganalyse nicht möglich ist. Ich plädiere daher dringend bundesweit für einen „Hundeführ(er)schein“ (nicht zu verwechseln mit der Begleithundeprüfung), wie z.B. bereits in Niedersachsen umgesetzt.

Als erstes deutsches Bundesland hat Niedersachsen zum 1. Juli 2013 die Pflicht zu einem Hundeführerschein (Sachkundenachweis) für Hundehalter eingeführt. Jeder Ersthundehalter muss noch vor Anschaffung eines Hundes einen theoretischen Test bestehen. Mit dem Hund muss er innerhalb des ersten Jahres zudem eine praktische Prüfung ablegen. Anerkannt werden Hundeführerscheine des BHV, BVZ, DHVE, IBH, der TAG-H sowie die Abschlussprüfung zum Tierpfleger.
Generell ist ein Hundeführerschein ein Befähigungsnachweis für Hundehalter. Da es keine bundesweit einheitlichen Richtlinien gibt, legen Vereine und Verbände die Prüfungsinhalte individuell fest. Dennoch ähneln sich Ablauf und Anforderungen weitestgehend.

In einer theoretischen und einer praktischen Prüfung werden sowohl Hund als auch Hundehalter geprüft. Mitentscheidend ist auch das Zusammenspiel beider in verschiedenen Alltagssituationen.
Der theoretische Teil der Prüfung besteht aus 35 Multiple-Choice-Fragen. Die Themengebiete reichen von Sozialverhalten über Kommunikation, Erziehung und Ausbildung bis hin zur Haltung, Pflege, Gesundheit und rechtlichen Gesichtspunkten. Der Test dauert 60 Minuten und es müssen mindestens 80 Prozent der Fragen richtig beantwortet werden.

Im praktischen Prüfungsteil wird z.B. auf eine Freifläche oder in ein Café gegangen, also an Orte, an denen der Hund mit vielen Menschen konfrontiert ist und Ablenkungen durch andere Hunde, Jogger oder Radfahrer entstehen. Hier wird darauf geachtet, wie der Hund auf diese Reize reagiert, wie der Halter sich im Umgang mit dem Hund verhält und ob Kommandos wie „Sitz“, „Platz“ oder „Bleib“ funktionieren. Auch vorausschauendes Verhalten wird bewertet. Bereits das Verlassen des Autos durch den Hund bei der Ankunft wird vom Prüfer beobachtet und beurteilt. Diese praktische Prüfung kann bis zu drei Stunden in Anspruch nehmen. Viele Hundeschulen bieten Vorbereitungskurse zum Hundeführ(er)schein. In meiner Praxis beobachte ich mit zunehmendem Schrecken, wie Veränderungen der Gesellschaft sich auch auf die Tierhaltung auswirken. Menschen können sich verbal mitteilen und Trost durch andere erfahren. Nicht so unsere Tiere. Sie unterstehen unserer Verantwortung, können sich kaum wehren, keine Telefonseelsorge anrufen und nicht mal selbstständig den Kühlschrank öffnen. In diese Betrachtung beziehe ich die anderen Haustiere wie Katzen und Heimtiere mit ein. Ein verpflichtender Sachkundenachweis für die jeweilige Spezies könnte im positiven Sinne dazu führen, dass nur noch Personen ein Tier halten, die diese Verantwortung für das ihnen anvertraute Wesen auch hinlänglich übernehmen können und den auch unbequemen Erfordernissen einer artgerechten Tierhaltung gerecht werden wollen. Und damit komme ich zu einem weiter stetig wachsenden Problem:

Durch den ständigen Gebrauch digitaler Medien, die es immer und überall möglich machen, Fehler zu übertippen und Unerwünschtes einfach wegzuklicken, hat die Frustrationstoleranz vieler Mitmenschen offenbar abgenommen. Das fördert die Bequemlichkeit, nur noch in seiner Komfortzone zu verharren. Als Therapeut wird man häufig damit konfrontiert, dass unbequeme Befunde einfach negiert werden und Hinweise zu Haltermitarbeit oder Veränderungen des häuslichen Tierumfeldes, die den Therapieerfolg erst nachhaltig machen würden, schlecht oder gar nicht angenommen werden. Einfache Lösungen wie „Renken Sie doch bitte den rausgesprungenen Wirbel wieder ein – so wie Tamme Hanken“ werden hingegen viel eher angefragt und erwartet.
Wünschenswerte Maßnahmen, welche die Situation des Tieres verbessern würden, wie z.B. eine Gewichtsreduktion, eine besser angepasste Pferdeausrüstung oder das Verlegen rutschfester Läuferbrücken und Treppenbeläge, werden meist nicht umgesetzt. Und eine Bemerkung hierzu bei Folgebesuchen ist erst recht unerwünscht. Dagegen ist die Compliance der Halter für manuelle Heilverfahren, z.B. osteopathische Techniken oder die Anwendung physikalischer Geräte, die dem Tier natürlich sichtlich wohltun, deutlich größer – der ganzheitliche Anspruch an ein generelles Richtigstellen aller das Tier betreffenden relevanten Faktoren als Grundvoraussetzung für die Mobilisierung der Selbstheilungskräfte bleibt aber so leicht auf der Strecke.
Darüber will ich all die wunderbaren Halter, die sich mit viel Einsatz und durch ihr offenes Ohr mit ständig wachsendem Sachverstand liebevoll um ihre Tiere kümmern, nicht vergessen. Gerade sie und unsere Tierpatienten sind es, die mich und sicher auch meine Kollegen nach solchen Rückschlägen immer wieder und weiter motivieren.

AGLAIA SCHIEBEAGLAIA SCHIEBE
DIPL.-BIOLOGIN
TIERPHYSIOTHERAPEUTIN, TIERHEILPRAKTIKERIN
EIGENE PRAXIS IN  TÜBINGEN

TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE

  • Physiotherapie
  • TCVM
  • Ernährungsberatung
  • Akupunktur
  • Dozentin der Paracelsus Schulen

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