(M)ein Herz für Hühner: Martina, die begeisterte Hühnerhalterin

201705 Huhn1Martina Seifen-Mahmoud ist begeisterte Hühnerhalterin

Hühner sind zum Essen da! 17,5 Milliarden Eier werden jährlich in Deutschland konsumiert und 630 Millionen Hühner zum Verzehr geschlachtet. Eine Massenproduktion, die keinen Raum lässt für die besonderen  Eigenschaften des Gallus gallus domesticus, des Deutschen Haushuhns. Doch da ist noch viel mehr, wie  ich seit Jahren feststellen kann.

Sechs Hühner und ein Hahn gehören zu unserem Haushalt. Sie leben in einem abgetrennten Teil unseres Gartens auf 20 Quadratmetern mit Hühnerhaus. Jeden Abend öffnen wir ihr Gatter und sie dürfen im großen Garten für zwei Stunden herumlaufen. Sie kennen die Uhrzeit genau und stolzieren schon vorher ganz aufgeregt auf und ab. Dann gibt es für sie so manche Leckereien, die, sobald sie hingestellt werden, vom Hahn mit lautem Gegacker kommentiert werden. Dabei nimmt Friedolin, so sein Name, ein Stück Salat, eine Brotkrume oder ein Korn in den Schnabel und füttert seine Hennen. Das hat etwas sehr Rührendes, Fürsorgliches – wenngleich sich seine Mädels nach kurzer Zeit abwenden, um sich selbst aus dem Futternapf zu bedienen oder einfach nur im Gras pickend herumzulaufen.

201705 Huhn2Ich setze mich gerne zu ihnen und beobachte sie. Das hat etwas sehr Friedliches und Entspannendes, fast wie eine Meditation. Denn Hühner sind alles andere als dumm. Die Redewendung vom „dummen Huhn“ muss jemand entwickelt haben, der weder Hühner hatte noch mochte. Hühner sind von Natur aus sehr scheu, doch es gibt Unterschiede. Einige sind mutiger als andere und kommen gleich auf einen zugelaufen. Sie haben auch ein gutes Gedächtnis, z.B. Charlotte, unser recht properes braunes Huhn. Vor einem Jahr verhielt sie sich plötzlich auffällig: Sie torkelte. Bei genauem Hinsehen entdeckten wir, dass ihr linkes Auge beschädigt war. Sie konnte es nicht öffnen. Und da im kleinen Kopfbereich alles sehr eng beieinander liegt, litt sie unter Gleichgewichtsstörungen. Auch ihr Kamm wirkte merkwürdig schlapp und fiel herunter, anstatt nach oben zu zeigen.

201705 Huhn3Wir haben sie dann aus der Gruppe herausgeholt und ihr in unserem Keller eine Art Krankenstation eingerichtet. In einer großen Kiste haben wir ein Strohbett zubereitet und das Auge täglich mehrmals mit kolloidalem Silber behandelt. Da sie nichts essen und trinken mochte, haben wir außerdem das Silberwasser tropfenweise oral eingeführt. Kolloidales Silber stelle ich seit vielen Jahren selbst her. Es ist ein natürliches Antibiotikum, das auch unseren Doggen und uns selbst schon viele wertvolle Dienste geleistet hat, sei es um eine Wunde zu desinfizieren oder um Erkältungen zu kurieren. Und es wirkte auch bei Charlotte. Nach zwei Tagen des Bangens ging es ihr langsam besser. Sie sprang aus ihrer Strohkiste und lief im Keller hin und her. Auch fraß sie etwas von den Körnern, die wir ihr hingestellt hatten. Wir behandelten sie sieben Tage. Dann wirkte sie so fit, dass wir sie wieder zur Gruppe lassen konnten. Das funktionierte erstaunlich gut, und nach kurzer Zeit war sie wieder komplett integriert. Leider hat sie trotz allem einen kleinen Schaden davongetragen. Sie sieht schlechter als die übrigen und braucht etwas länger, um das Futter zu finden. Aber sonst geht es ihr gut. Die Pflege hat sie mir nicht vergessen. Von allen Hühnern ist sie die Zutraulichste, sie lässt sich auf den Arm nehmen und läuft stets als Erste auf mich zu. Das ist sehr süß und alles andere als dumm.

201705 Huhn5Überhaupt hat jedes Huhn seinen eigenen Charakter. Hanni und Nanni, die beiden weißen Hühner, kamen als letzte zur Gruppe. Sie machen alles gemeinsam. Hanni ist die Frechere von beiden, erobert sich stets ihr Futter, notfalls, indem sie die anderen verscheucht. Eine Ausnahme ist Nanni, die Schüchternste von allen. Sie darf mit Hanni aus einem Napf fressen. Ob es daran liegt, dass wir beide Hennen zeitgleich aus demselben Geflügelhof erstanden haben? Auch der Hahn nimmt Nanni regelmäßig unter seine Fittiche, indem er sich neben sie platziert und dafür sorgt, dass sie in Ruhe picken kann.

Dann ist da noch Henriette, das zweite braune und ebenfalls propere Huhn, die gerne Seite an Seite mit Charlotte wandelt, ebenfalls sehr zutraulich ist und sich streicheln lässt. Im Unterschied zu Trudi, dem hellbraunen Huhn, die von eleganter, schlanker Statur ist. Bis heute konnte sie ihre zurückhaltende, scheue Art nicht ablegen. Sie macht lieber einen Bogen, wenn ich gerade in Laufrichtung stehe, als direkt an das Futter heranzukommen. Und nicht zu vergessen unsere „dicke“ Erika – wie Trudi ein hellbraunes Huhn. Sie hat einen kecken Haarschopf auf dem Kopf und ist von allen das kräftigste Huhn. Das liegt daran, dass sie leidenschaftlich gerne frisst. Ihr schmeckt einfach alles. Abends, wenn es dämmert und der Hahn zum Nachhausegehen in den Hühnerstall „ruft“, ist sie stets die Letzte. Denn das Verweilen im Garten und ein finales Picken hier und da sind einfach zu schön, um schon schlafen zu gehen.

201705 Huhn4Erzählen möchte ich noch von Friedolin, unserem Hahn. Sicher gibt es schönere Exemplare als ihn. Er ist nicht bunt, hat ein cremefarben-hellbraun gemasertes Federkleid und einen kleinen Minischwanz, anstelle eines Federbuschs. Dafür aber hübsche, puschelige Socken. Doch das ist es nicht, was ihn ausmacht. Es ist sein Charakter, der einfach berührend ist. Er kümmert sich wie ein fürsorglicher Ehemann um alle seine Hühner. Jeder muss etwas essen, darauf achtet er penibel, indem er sie auch gerne füttert. Er selbst frisst längst nicht alles. Kein Brot und keine Nudeln, die die Hühner mit Heißhunger verzehren. Nur ein paar Körner, die mag er gerne. Und mit Obst, Bananen, Pfirsiche und Erdbeeren, kann man ihm eine Freude machen.

Fakt ist, dass er Dreiviertel des Jahres relativ wenig verzehrt und in dieser Zeit den puren Gentleman herauskehrt. Nichts ist ihm zu viel für seinen Harem. Er springt sogar an Sträuchern hoch, um so manche leckere Beere abzurupfen und seinen Hühnern in den Schnabel zu geben. Doch dann wandelt er sich plötzlich für zwei bis drei Monate von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde (jene berühmte schottische Novelle, in der sich der angesehene und liebenswerte Dr. Jekyll regelmäßig in den bösartigen und hasserfüllten Mr. Hyde verwandelt).

Als ich dies das erste Mal beobachtete, war ich schockiert. Nichts war mehr übrig vom liebenswerten Friedolin. Keiner durfte aus dem Napf fressen, der war jetzt nur noch für ihn bestimmt. Er jagt die Hühner einfach fort. Und die kommen ihm auch nicht zu nahe. Alles geschieht nach festen Regeln. Heute weiß ich, dass dies ein lebenswichtiger Vorgang ist. Die Hühner haben Eierpause, jene Zeit im Jahr, in der sie sich regenerieren und neue Eiernetze aufbauen müssen. Während der Hahn gleichfalls die Zeit für sich nutzt, um sich ein Polster anzufuttern, damit er überleben kann.

MARTINA SEIFEN-MAHMOUDMARTINA SEIFEN-MAHMOUD

JOURNALISTIN UND
TIERFREUNDIN

Lebt mit ihrer Familie, ihrem kleinen  Hühnerhof und einem Rudel Doggen im  Dachauer Landkreis. Neben vielen Buchveröffentlichungen über Naturheilkunde und Ernährung arbeitet sie seit 16 Jahren  beim BIO-Magazin, seit drei Jahren als  stellv. Chefredakteurin.

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Fotos: © Seifen-Mahmoud, grafikplusfoto – stock.adobe

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