Miasmen in der Homöopathie: Serie – Teil 3

201705 Miasmen1Nach den alten und den neuen Miasmentheorien (Nr. 3/17) und der Mutter aller übrigen Miasmen, der  Psora (Nr. 4/17), widmen wir diese Ausgabe dem nächsten großen von Hahnemann beschriebenen  Miasma: der Sykose. Sie unterscheidet sich sehr deutlich von der Psora: Während die Grundidee aller  psorischen Erkrankungen ein „zu wenig“ ist, geht es bei der Sykose um den Überschuss. 

 

Die Sykose

„Man kannte bisher nur die Syphilis einigermaßen als eine solche chronisch-miasmatische Krankheit, welche ungeheilt nur mit dem Ende des Lebens erlischt. Die, ungeheilt, gleichfalls von der Lebenskraft unvertilgbare Sykosis (Feigwarzenkrankheit) erkannte man nicht als eine innere chronisch miasmatische Krankheit eigener Art, wie sie doch unstreitig ist, und glaubte sie durch Zerstörung der Auswüchse auf der Haut geheilt zu haben, ohne das fortwährende, von ihr zurückbleibende Siechtum zu beachten.“
(Organon 6, §79)

201705 Miasmen2Tripper als Grunderkrankung

Sykose ist wie die Psora ein natürliches chronisches Miasma. Und wie Hahnemann oben im §79 beschreibt, hat der Organismus gegen sie kein natürliches Abwehrmittel zur Verfügung. Wenn die Sykose nicht behandelt wird, stirbt der Organismus daran. Für Hahnemann sind die Gonorrhoe bzw. ihre spezifischen Erreger der Auslöser der Erkrankung. Er nennt die Erkrankung Feigwarzenkrankheit – es handelt sich um Tripper. Dieser ist durch Geschlechtsverkehr übertragbar und tritt einige Wochen nach Infektion durch Ausfluss aus der Harnröhre in Erscheinung – Schmerzen hat der Patient zunächst keine. Im weiteren Krankheitsverlauf kann es zur Bildung von weichen, blumenkohlartigen Zuwächsen kommen, den Feigwarzen, die ebenfalls feuchtes, meist übelriechendes Sekret absondern. Diese Warzen gehören zu den für eine sykotische Erkrankung typischen Lokalsymptomen. Hahnemann betrachtete die Sykose noch als relativ unwichtige Erkrankung und erwähnte sie in seinem zweiten Hauptwerkt, den „Chronischen Krankheiten“, nur kurz. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sie sich aber zu dem Miasma, mit dem die meisten Menschen und Tiere belastet sind. J. H. Allen, einer der Urväter der Miasmentheorie (1850-1925), schätzte, dass im Humanbereich ca. 80 % aller Männer an Sykose erkrankt sind. Diese unglaubliche Ausweitung der Krankheit hat seine Ursache zum einen in dem immer freieren Umgang mit Sexualität, zum anderen in der intensiven Anwendung von unterdrückenden Medikamenten, um die Symptome zu beseitigen. Der Erreger der Gonorrhoe ist Neisseria gonorrhoeae (Gonokokken).

Sykose ist sehr ansteckend. Noch bevor ihre Symptome (Warzen, Absonderungen etc.) sichtbar werden, ist der gesamte Organismus von ihr durchdrungen. Sykose ist von Anfang an chronisch. Sie ist eine Grunderkrankung mit Folgen für nahezu alle Bereiche des Körpers, häufig von einer Gonokokkeninfektion begleitet. Aber auch ohne jemals mit diesem Erreger in Kontakt gekommen zu sein, ist es möglich, dass ein Organismus von Sykose befallen wird.

ERWORBENE SYKOSE 

  • Die Übertragung geschieht durch Geschlechtsverkehr 
  • Ansteckung ist dynamisch – im Moment der Ansteckung wird der ganze Körper durchdrungen 
  • Die Sykose kann als Gonorrhoe auftreten oder auch ohne den Krankheitserreger 
  • Von Anfang an chronisch und schreitet bis zum Lebensende weiter fort 
  • Wird in dem Stadium erworben, in dem sich der Überträger befindet 
  • Kann nur mit antimiasmatischen Arzneien geheilt werden

HEREDITÄRE SYKOSE 

  • Kann nicht durch Geschlechtsverkehr übertragen werden – hat keine Erreger; Gonokokken sind nicht nachweisbar 
  • Steigert beim Träger die Empfänglichkeit für die erworbene Form der Sykose und den Ausbruch der akuten Gonorrhoe 
  • Die Krankheit verläuft nicht mehr geordnet in Stadien – in demselben Organismus können Beschwerden aus jedem Stadium manifest sein 
  • Kann aktiv oder latent sein; durch exzessive Lebensweise wird die latente Sykose wieder aktiv

Die Sykose bereitet den Boden für eine endlose Reihe von Erregern vor, u.a. 

  • Chlamydien 
  • Papillomavirus 
  • Herpes-Virus

Mit den damit verbundenen Folgen und Erkrankungen sind wir Tierheilpraktiker in der Praxis täglich konfrontiert.
Wie bei der Psora dient auch bei der Sykose das Lokalsymptom dazu, die Krankheit zu beschwichtigen und die Balance wiederherzustellen. Wird das sichtbare Symptom aber durch äußere Maßnahmen vertrieben (unterdrückt) und beseitigt, können sich in Folge viele verschiedene chronische Krankheiten daraus entwickeln.
Wie bei allen anderen Erkrankungen kann auch Sykose akute Symptome zeigen oder lange im Körper schlummern (latente Sykose). Sie kommt dann zum Vorschein, wenn der Organismus besonderem Stress ausgesetzt ist und/oder das Immunsystem schwächer wird.
Sykose gibt es nicht nur in der durch sexuellen Kontakt erworbenen, sondern auch in der ererbten (hereditären) Form. Sie wird in jenem Stadium auf das Neugeborene übertragen, in dem sich der Träger befindet.

Stadien der Sykose und ihre Symptome

Woran können wir erkennen, ob einer unserer Patienten an einer Erkrankung sykotischen Charakters leidet? Das ist gar nicht so leicht, weil – wie oben beschrieben – die Sykose eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Symptomen in ganz unterschiedlichen Körperteilen produzieren kann. Es ist nicht einfach, aber es ist möglich. Bei einer erworbenen sykotischen Erkrankung durchläuft der Organismus immer drei Stadien. Jedes Stadium ist durch unterschiedliche Symptome charakterisiert.

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1. Stadium: „Es ist rot und juckt“. Aus der Harnröhre fließt Sekret, ödematöse Schwellungen, Verklebungen am Penis, Tiere lecken sich häufig, haben häufigen Harndrang, der Ausfluss riecht unangenehm.

2. Stadium: Zunächst sind vorrangig die Geschlechtsorgane betroffen, aber der Ausfluss wird zäher, schleimiger, eitriger. Es kommt zu Entzündungen, v.a. der Schleimhäute (z.B. Prostatitis, Zystitis etc.). Harnröhre, Scheide, Gebärmutter und Bauchhöhle sind die bevorzugten Lokalisationen der Beschwerden. Im weiteren Verlauf passiert aber das, was die Therapie von sykotischen Erkrankungen erschwert: Die Erreger wandern in nahezu alle Organsysteme aus.

3. Stadium: Dringt die Sykose noch weiter in den Organismus vor, manifestieren sich ihre Symptome im wahrsten Sinne des Wortes. Es kommt zu deutlich sichtbaren Veränderungen im Gewebe: Warzenbildung, Mykosen, Zysten, Verhärtungen, Verwachsungen, Steinbildung, Gicht etc. Vor allem die inneren Organe sind betroffen, sie wachsen oder sie schrumpfen. Die Funktionalität wird eingeschränkt, maligne Entartungen sind möglich.
In allen Stadien ist die Sykose voller Kraft. Intensität und Überschwänglichkeit sind bei den körperlichen und den geistigen Symptomen prägend. Während für die Psora Schwäche charakteristisch ist, wird Sykose von Überschuss gekennzeichnet. Es ist das Miasma des zu viel, zu laut, zu stark.

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Therapie der Sykose

Dazu braucht es nach Hahnemann ein antisykotisches Mittel. Wir können das Repertorium heranziehen, um einen ersten Überblick über Mittel zu bekommen, die sykotische Symptome heilen können. Es gibt eine entsprechende Rubrik: Allgemeines – Sykose. Das Hauptmittel ist Thuja. Auch für die Sykose gibt es neben dem pflanzlichen Mittel Thuja eine Nosode, die das sykotische Miasma repräsentiert: Medorrhinum. Thuja und Medorrhinum zeigen in ihrem Arzneimittelbild eine Vielzahl sehr typischer Symptome. Wenn wir bei einem Patienten das erste Anamnesegespräch durchführen und den Verdacht haben, dass das sykotische Miasma eine Rolle spielt, ist es besonders wichtig, die Krankengeschichte möglichst genau aufzunehmen. Wir müssen aus dem Tierbesitzer alle verfügbaren Informationen über frühere Erkrankungen des Tieres herauskitzeln, ihre Ausprägungen hinterfragen, mögliche unterdrückende Maßnahmen auflisten – kurz gesagt: Wir arbeiten hier als Homöopathie-Detektive. Warum? Weil uns viele dieser Erkrankungen im Laufe des Heilungsprozesses wieder begegnen werden und wir sie als solche erkennen müssen, um das nächstfolgende Mittel zu bestimmen. Die Grundregel ist: Alles, was unterdrückt wurde, kommt im Zuge der Heilung wieder an die Oberfläche. Und da heißt es auch gegenüber dem Tierbesitzer klaren Kopf zu bewahren, aufzuklären und nicht vorschnell neue Verordnungen zu machen.

In der nächsten Ausgabe befassen wir uns mit dem dritten der großen Miasmen, mit der Syphilis und ihrer Paradearznei, Mercurius Solubilis.

MMAG. ISOLDE HEIMMMAG. ISOLDE HEIM

TIERHEILPRAKTIKERIN,
HUMANENERGETIKERIN

TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE

  • Tierhomöopathie
  • Traditionelle Chinesische Tiermedizin
  • Phytotherapie
  • Tierpsychologie
  • Dozentin der Paracelsus Schulen

KONTAKT
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STECKBRIEF THUJA OCCIDENTALIS – LEBENSBAUM201705 Miasmen7

SIGNATUR
Thuja ist das pflanzliche Hauptmittel des sykotischen Miasmas. Seine Hauptmerkmale sind gestörter Stoffwechsel, mangelnde Ausscheidungen, diverse Ansammlungen und Entartungen, Gewächse, Tumore und Warzen mit dem typischen „blumenkohlartigen Aussehen“.

SCHWERPUNKT
Stoffwechselorgane (Haut, Leber/Niere) mit Erscheinungen eines toxischen Stoffwechsels (z.B. Rheuma, Verdauungsbeschwerden) und anschließender Zellvermehrung (z.B. Hautwucherungen), Schleimhäute v.a. im Urogenitaltrakt, Darm.

CAUSA
Unterdrückte Hautausschläge und Warzen. Impfungen, unterdrückende Therapien und unterdrückende Haltung (zu viele Vorschriften, Einschränkungen, Pflichten).

KOPF-ZU-FUSS-SCHEMA

GEIST/GEMÜT 

  • Mangelndes Selbstvertrauen,
  • Gefühl der Wertlosigkeit, wird durch ansprechende Selbstdarstellung kompensiert (Maske, Lügen, Täuschung)
  • Abneigung gegen Fremde, Reserviertheit, zieht sich zurück (kein Schmusetier) 
  • Gewissenhaft, liebt Routine, langsam beim Lernen, wenig Offenheit, nicht kooperativ mit Tierbesitzer oder Tierheilpraktiker 
  • Reaktionsmuster: ohne Pathologie -> unauffällig, angepasst, leichte Tendenz sich abzugrenzen; frühe Pathologie -> aggressiv, stur; späte Pathologie -> zurückgezogen, ängstlich, depressiv

KOPF 

  • Trockene/s Haare/Fell, weiße Schuppen, Warzen oder Tumore auf Gesicht oder Augenlidern

HAUT 

  • Weiche, schwammige Hauttumore, Kondylome – Warzen aller Art oder jede andere Form von Hauttumoren 
  • Schweiß nur an unbedeckten Stellen, Hautausschläge nur an bedeckten Stellen

VERDAUUNGSSYSTEM 

  • Verstopfung mit vergeblichem Drang, Analfissuren 
  • Durchfall wässrig, gelblich, heftig herausströmend

UROGENITALTRAKT

  • Kondylomata der Genitalien. Herpes, Nieren- und Blasensteine 
  • Harnwegsinfekte, Absonderungen aus der Harnröhre dick, milchig/gelb

EXTREMITÄTEN 

  • Nägel deformiert, spröde, verkrüppelt, Warzen an Händen und Fingern/Pfoten 
  • Arthritis, Arthrosen, Zwischenzehenekzeme, Pilzbefall der Nägel

ALLGEMEINSYMPTOME 

  • Gelblich-grüne Schleimabsonderungen, Schweiß ist fettig, riecht übel oder süßlich

MODALITÄTEN

  • Agg: Feuchte Kälte, Hitze, periodisch 3:00 – 15:00 Uhr, Urinieren 
  • Amel: Freie, ergiebige Sekretion, Niesen, Wärme, Berührung, Reiben, Bewegung

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