REHA-SPORT FÜR HUNDE: Modernes & schonendes Bewegungstraining

Hunde im Seniorenalter oder mit  Bewegungsbeeinträchtigung

Foto: FischerSport mit dem Hund ist bei vielen Haltern sehr beliebt. Doch nicht selten beobachtet man, dass Hunde eher wie Sportgeräte eingesetzt wer den, d.h. ohne Warm-up vor und ohne Cool down nach dem Sport. Dies birgt nicht nur ein ho hes Verletzungsrisiko, sondern fördert auch ei nen schnelleren Verschleiß. Verletzungen und ein fortgeschrittenes Alter schränken die Belastbar keit des Bewegungsapparates ohnehin mehr und mehr ein. Das Gewebe und der Halteapparat wer den schlaffer, die Muskulatur reduziert sich und die Gelenke zeigen arthrotische Veränderungen. Schließlich treten Schmerzen auf, die das Be wegungsausmaß und die Bewegungslust weiter mindern. Es resultiert ein „Circulus vitiosus“ (Teu felskreis). Bei diesem pathophysiologischen Prozess beeinflussen sich gestörte Körperfunktio nen gegenseitig, sodass Erkrankungen bestehen bleiben oder sich sogar verschlimmern. Meist ist dies ein schleichender Vorgang, der von den Besitzern erst im fortgeschrittenen Stadium wahrgenommen wird bzw. erst dann, wenn die Hunde bereits eine deutliche Schonhaltung zeigen. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Kreuzbandabriss bei Hunden.

Die ersten wahrnehmbaren Anzeichen von Verschleiß oder einem beginnenden Alterungsprozess sind kürzere, langsamere Spaziergänge und verminderte Spiellaune. Bei weiterem Fortschreiten zeigen sich dann Probleme beim Aufstehen, Hinlegen, dem Überwinden von Treppen und anderen Hindernissen. Als letzte Konsequenz kann es zur Verweigerung bisher freiwillig ausgeführter Aktivitäten kommen. Sind von tierärztlicher Seite keine anderen Maßnahmen vorgesehen, wird in der Regel ein NSAID (non-steroidal anti-inflammatory drug) oder pflanzliches Medikament empfohlen, das Schmerzen und mögliche Entzündungen hemmt. Zur Unterbrechung des Circulus vitiosus ist dies durchaus sinnvoll. Doch um den Bewegungsapparat wieder zu stabilisieren, sollte zeitgleich mit einer Bewegungstherapie begonnen werden. Als Erstmaßnahme sind gezielte tierphysiotherapeutische Maßnahmen ratsam. Um die Beweglichkeit dauerhaft und so lange wie möglich zu erhalten, wird die regelmäßige Teilnahme an einem speziellen Reha-Sport empfohlen. Im Humanbereich zeigt sich die Bedeutung des Reha-Sports darin, dass die Teilnahme ärztlich verordnet und von den Krankenkassen übernommen wird. Für den Menschen werden 50 Übungseinheiten innerhalb von 18 Monaten rezeptiert (zu Beginn der Maßnahme werden 2 Trainingseinheiten pro Woche empfohlen, in der Folge mindestens 1). Reha-Sport für Hunde ist ganz ähnlich aufgebaut, es findet ein Gruppentraining statt, das im Vergleich zu tierphysiotherapeutischen Einzelanwendungen auch den Geldbeutel des Tierhalters schont. Im RehaSport trainiert und therapiert der Halter nach fachkompetenter Anleitung seinen Hund selbst und mit ihm gemeinsam. Dies motiviert den Hund zusätzlich, denn er sieht das Training als spielerische Unternehmung mit seinem Menschen. Die dadurch gewonnene Lebensfreude unterstützt nach wissenschaftlichen Ergebnissen die Heilungserfolge ganz wesentlich.

Welchen Hunden wird  Reha-Sport empfohlen?

Foto: FischerReha-Sport ist für alle Hunde gedacht, die Funktionsstörungen des Bewegungsapparates oder Belastungsschmerzen zeigen. Besondere Aufmerksamkeit benötigen angeborene Fehlstellungen und erworbene Verletzungen. Denn selbst kleinste Schonhaltungen verursachen früher oder später Folgeschäden, die sich meist schwerwiegender auswirken als die Ursache selbst. Dies gilt es frühzeitig zu verhindern. Eine gezielt eingesetzte Bewegungstherapie kann weiteren Einschränkungen oder Sekundärproblemen vorbeugen und die Beweglichkeit möglichst lange erhalten.

Egal welche Ursache eine Erkrankung hat, welchen Körperteil sie betrifft und wie sie sich auswirkt, die Aufmerksamkeit sollte immer auf den ganzen Bewegungsapparat gerichtet sein. Nicht nur der erkrankte Bereich benötigt besondere Fürsorge, sondern auch die Körperareale, die durch eine Gewichtsverlagerung überlastet werden. Um dies beurteilen zu können, werden anatomisches Grundwissen und Erfahrung in der Gangbildanalyse (Adspektion in der Bewegung) verlangt.

Erholungsphase,  Regenerationsphase  und Genesungs- bzw.  Rekonvaleszenzphase

Foto: FischerNach jeder erfolgten Aktivität spielt die anschließende Erholungsphase eine wichtige Rolle. Diese Zeit benötigt der Körper, um Reparaturprozesse zu vollziehen, damit das Leistungsniveau erhalten bleibt oder sogar verbessert wird. Bei älteren Hunden ist die Erholungsphase noch weit wichtiger, denn der Zeitaufwand, den der Körper zur Regeneration betreiben muss, wird mit zunehmendem Alter immer größer. Dies gilt besonders für Tiere, die eine Verletzungspause hinter sich haben. In der Erholungsphase sollte eine völlige Aktivitätspause oder maximal eine schonende Ausgleichsaktivität mit Entspannungseffekt erfolgen (langsames Spazierengehen). In der Regeneration werden zwischen den leistungsorientierten Trainingseinheiten gezielt solche Trainingsmaßnahmen durchgeführt, die sich nur auf den Bewegungsablauf konzentrieren. Diese Übungen werden langsam und mit geringer Intensität ausgeführt (Reha-Sport).

Werden im Sport Erholungsphasen und Regenerationsphasen auf Dauer nicht berücksichtigt, kann es zu Überbelastung kommen, die sich in Störungen der Bewegungsfunktion zeigen. Ein Auslöser für Überlastung kann aber auch psychischer Stress sein. Hunde, die ständig von ihrem übereifrigen und ehrgeizigen Besitzer angetrieben werden, empfinden dies durchaus als Belastung. Erst recht dann, wenn die abverlangte Leistung vom Hund nicht erbracht wird und sich dies im unzufriedenen Verhalten des Besitzers widerspiegelt. Zu den absoluten Stresssituationen gehören außerdem tierärztliche Behandlungen wie Operationen und dauerhaftes Schmerzempfinden. Natürlich nehmen auch bestimmte Anforderungen in der häuslichen Situation Einfluss. Ein ständiges Übermaß an Stresshormonen kann ebenso zu Beeinträchtigungen führen. Um Stress abbauen zu können, muss ein Ausgleich geschaffen werden. Hunde reagieren sehr sensibel, und die Auswirkungen einer Überlastung, gleich welcher Art, zeigen sich stets längerfristig. Reha-Sport wirkt sich auf alle Funktionsstörungen positiv aus.

Eine besonders sensible Phase ist die Zeit der Genesung bzw. Rekonvaleszenz unmittelbar nach einer Verletzung oder Operation. Hier entscheidet sich, wie schnell und effektiv der Körper den Heilungsprozess vollzieht. Medizinisch wird die Genesung in unterschiedliche Zeitspannen unterteilt, und jede Phase ist für ganz spezielle Reparatur- und Umbauprozesse verantwortlich: 

  • ENTZÜNDUNGSPHASE, die sich durch Schwellung zeigen kann (bis 7 Tage) 
  • REPARATURPHASE, in der neues Kollagen gebildet wird (bis 8 Wochen) 
  • UMBAUPHASE, in der das neue Gewebe widerstandsfähig und ausgerichtet wird (bis 1 Jahr)

Je nachdem, welches Körpergewebe verletzt ist, werden andere Heilungszeiten angesetzt. Muskelverletzungen benötigen mindestens 3 Wochen, Sehnenverletzungen mindestens 6 Wochen und bei Gelenkverletzungen sind für den robusten Gewebeaufbau mindestens 3 Monate erforderlich. Diese Genesungszeiten sollten unbedingt beachtet werden, denn jede vorschnelle Belastung verzögert nicht nur den Heilungsprozess, sondern kann weitere Schäden verursachen. Besonders bei Hunden, die ein geringes Schmerzempfinden haben, sind die Hundehalter verleitet, den Hund zu früh zu fordern.

Werden bei Gelenkerkrankungen die Heilungsprozesse gestört, sei es durch zu wenig oder zu viel Belastung, kann der Heilungserfolg negativ beeinflusst werden und stellt eine Entstehungsursache für Arthrose dar. Auch nach der empfohlenen Heilungsphase sollte der Aufbau langsam und kontrolliert erfolgen. Aus den genannten Gründen gehören Heilungsphasen immer in fachliche Hände. Bereits in den ersten Tagen bzw. in der ersten Woche nach einem Trauma oder einer OP sollte das Tier entsprechend therapiert werden. In dieser Zeit werden hauptsächlich schmerzlindernde und lymphfördernde Maßnahmen eingesetzt. Die Rehabilitation verläuft langsam aufbauend und kann je nach Krankheitsbild einige Wochen bis Monate dauern. Im Laufe der Genesungsphase folgen dann mobilisierende und stabilisierende Techniken. Ein erfahrener Therapeut kann sowohl das Schmerzempfinden einschätzen als auch entscheiden, wie weit bereits Belastung erfolgen darf und welche Maßnahmen den Heilungserfolg optimal unterstützen.

Reha-Sport schließt sich als letzte Behandlungsmaßnahme zur weiteren Stabilisation an und kann fortan als erhaltende Dauertherapie erfolgen. Zwischen den Trainingseinheiten sollten mindestens 2 Tage liegen, denn das Absolvieren der Übungen wird als Reizsetzung verstanden, worauf der Körper in den nächsten 1 – 2 Tagen mit Umbau- bzw. Aufbauprozessen reagiert. Zu häufiges und zu intensives Training kann zu Überforderungsreaktionen führen und ins Gegenteil umschlagen. Die verbesserte Mobilität schenkt dem Hund wieder mehr Lebensqualität und der gemeinsamen Unternehmung von Mensch und Hund wieder mehr Lebensfreude.

Aufbau und Ablauf  des Reha-Sports

Der Reha-Sport ist auf die Bedürfnisse von Hunden im Seniorenalter, Hunden mit Handicap oder im Stadium einer fortgeschrittenen Genesungs-/Rehaphase zugeschnitten. Das Training wird vom Aufbau und Ablauf an die unterschiedlichen Erkrankungsmuster angepasst.

INDIKATIONEN 

  • Natürlicher Alterungsprozess 
  • Verschleißerscheinungen durch Über- oder Unterbelastung (Immobilität) 
  • Gelenkfehlstellungen (angeboren oder erworben) 
  • Wirbelsäulenerkrankungen (Bandscheibenschäden, Spondylosen)
  • Unfälle, Verletzungen, Operationen 
  • Neurologische Probleme und Lähmungen 
  • Muskuläre Probleme als Folgeerscheinung

Der Ablauf der unterschiedlichen Übungen wird als Zirkeltraining aufgebaut. Jede Station stellt ganz spezifische Anforderungen an Beweglichkeit, Motorik, Gleichgewichtssinn, Muskulatur und Ausdauer. Das Trainingsziel ist der Erhalt bzw. die Verbesserung der Beweglichkeit, des Gangbilds, der Kraft, Kondition, Konzentration und auch der Lebensfreude. Die Übungen werden langsam und mit ganzer Aufmerksamkeit durchgeführt. Schnelligkeit ist fehl am Platz, denn sie würde eine Schonhaltung sogar noch fördern. Je nach Konstitution des Hundes werden einige Übungen mit gelenkschonender Unterstützung des Menschen ausgeführt. Die Trainingsintensität ist von der individuellen Kondition eines jeden Hundes abhängig. Hund und Besitzer bilden ein gemeinsames Trainingsteam, wobei die Übungen stets von einem fachkompetenten Therapeuten oder Trainingsleiter betreut werden müssen. Die teilnehmenden Hundehalter sollten immer darüber aufgeklärt werden, dass der Reha-Sport zwar eine sinnvolle Ergänzung zur tierärztlichen Behandlung darstellt, diese aber nicht ersetzen kann.

Das Training unterteilt sich in 3 Phasen: Aufwärmphase, Zirkeltraining, Entspannungsphase.

AUFWÄRMPHASE
Um den Körper auf die Bewegung vorzubereiten, werden vor dem Zirkeltraining Aufwärmübungen durchgeführt. Ziel ist es, Durchblutung und Stoffwechsel anzuregen und damit das Verletzungsrisiko zu minimieren. Eingesetzt werden anregende Massagetechniken, Dehnübungen und isometrische Muskelanspannungsübungen.

ZIRKELTRAINING
Die einzelnen Stationen werden so aufgebaut, dass ein gerade geforderter Bewegungsablauf an der nachfolgenden Station nicht beansprucht wird und sich regenerieren kann. Alle Stationen sollten ohne Unterbrechung hintereinander bewältigt und lange Pausen zwischendurch vermieden werden. Für Hunde mit schlechter Kondition genügt 1 Durchlauf, und mit gesteigerter Fitness kann der Parcours bis zu 3 Mal hintereinander bewältigt werden.

EMPFOHLEN WERDEN 10 AUFEINANDER FOLGENDE STATIONEN MIT UNTERSCHIEDLICHER INTENSITÄT

  • Schulung des Gangbilds und der Motorik (Cavaletti, Airex-Matten) 
  • Kraftübungen zur Bewältigung des Alltags (Treppenstufen, flache AWand) 
  • Sensomotorische und propriozeptive Übungen für das Gleichgewicht (Wackelbretter, Wippe) 
  • Sensibilitätsübungen zur Schulung der Koordination und Feinmotorik (wechselnde Untergründe) 
  • Übungen zur Steigerung der Lebensfreude (Tunnel mit großem Durchmesser)

ENTSPANNUNGSPHASE
Der von der Bewegung aufgewärmte Körper wird mit sanften Massagetechniken langsam zur Ruhe gebracht. Sobald sich eine Entspannung einstellt, können Grifftechniken angewandt werden, die den Lymphabfluss stimulieren. Dies fördert den Abtransport von Schlackstoffen und unterstützt das Immunsystem. In der kalten Jahreszeit sollte der Hund auf dem Nachhauseweg vom Reha-Sport einen Hundepullover oder -mantel tragen. Das schützt den Körper, die sensible Wirbelsäule und die Gelenke von Hüfte und Schulter vor zu starkem Auskühlen.

Tipps

Da das Wetter speziell für beeinträchtigte Hunde eine große Rolle spielt (sie leiden bei zu heißem Wetter oder direkter Sonne und sie kühlen an kalten Tagen oder bei Regen schnell aus), ist ein Training im Innenbereich empfehlenswert. Um genügend Trainingsstationen anbieten zu können, sollte der Trainingsraum mindestens 50 m2 groß und in jedem Fall mit einem rutschhemmenden Boden ausgestattet sein. Vor dem ersten Trainingstermin sollte man mit Mensch und Hund einen Einzeltermin vereinbaren, um in aller Ruhe die Massage- und Dehntechniken sowie die Trainingsstationen einüben zu können. So können sich Besitzer und Patient in entspannter Atmosphäre mit allem vertraut machen und beim nächsten Training als vollwertige Gruppenmitglieder teilnehmen.

Für den Alltag empfiehlt man dem Hundehalter für seinen Hund eine moderate Bewegung ohne abrupte Bewegungsabläufe (keine „stop and go“- Spiele und keine Bewältigung übermäßiger Hindernisse). Auch wenn Schwimmen gerne als gelenkschonendes Training empfohlen wird, sollte man wissen, dass die Viskosität der Gelenkschmiere (Synovia) durch sehr kaltes Wasser negativ beeinflusst wird. Gegen rutschige Bodenbeläge (Parkett, Fliesen) kann der Hund Antirutschsocken tragen, das verhindert das Ausrutschen und weitere Verletzungen. Selbstverständlich sollte bei Hunden mit Problemen am Bewegungsapparat eine Gewichtsanpassung ans Idealgewicht erfolgen, um einer Überbelastung dieser Art dauerhaft vorzubeugen. Enzyme wie Bromelain und Papain können die Regeneration unterstützen (Gabe auf nüchternen Magen). Teilweise ist der Bedarf an Vitamin E und Vitamin C etwas erhöht, auch hier kann auf entsprechende Nahrungsquellen geachtet werden.

Foto: © Kosmider – FotoliaTeil 2 in der nächsten Ausgabe mit dem Thema: Den Bewegungsapparat unterstützende Ernährung.

SABINE FISCHER


SABINE FISCHER

TIERHEILPRAKTIKERIN


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