FALLBEISPIEL: Mit dem Wissen wächst der Zweifel

Fotos: © Griebel(JOHANN WOLFGANG VON GOETHE)

In meiner Tätigkeit als Dozentin an der Paracelsus Schule gebe ich meinen THP-Schülern immer den Rat, dass sie mutig handeln sollen, ruhig zweifeln dürfen, aber immer von dem überzeugt sein müssen, was sie tun. Gerade in der Akupunktur und auch in der Homöopathie ist es wichtig, diese Überzeugung in die Therapie mit einzubringen, denn die Weitergabe unserer positiven Energie spielt bei der Behandlung unserer Patienten eine wichtige Rolle. In Notfallsituationen handle ich mutig und entschlossen, aber im Nachhinein kommen mir auch Zweifel, ob alles richtig war. Sicherlich steht dies bei einer vollständigen Genesung nicht zur Debatte. Aber gerade bei einer Verzögerung des Heilungsprozesses oder bei einem aussichtslosen Fall zweifeln wir oft an unseren Fähigkeiten. Dies ist aber auch nützlich, denn so therapieren wir umsichtig, werden nicht überheblich und finden den richtigen Weg zum Erfolg. Dass das Unmögliche, trotz aller Zweifel und Verunsicherungen durch andere, möglich werden kann, beschreibt das nachfolgende Fallbeispiel. Es zeigt, welche bemerkenswerte Wirkung die Akupunktur in einer Notfallsituation hat. Das soll meinen Schülern Mut machen, auch am Anfang ihrer Tätigkeit als Tierheilpraktiker das zu tun, was sie in der jeweiligen Situation für das Richtige halten.

Fotos: © Sergey Nivens - FotoliaIn der Akupunktur gibt es verschiedene Notfallpunkte. Zur Wiederbelebung wird jedoch LG 26 auf dem Lenkergefäß genannt. LG 26, Ren Zhong, wirkt stark energetisierend und regt den Qi-Fluss an. Ren Zhong macht wach und gibt Kraft, stärkt die Konzentration, hilft bei Kreislaufschwäche, Ohnmacht, Kollaps und bei Schmerzanfällen. Die Wiederbelebung kann aber auch im Sinne von „wieder leben“ interpretiert werden. Dies wird auch durch die Übersetzung des chinesischen Namens deutlich: „Die Mitte des Menschen“. Mit Punkten auf dem Lenkergefäß können auch Fieberkrankheiten, übermäßige Erregbarkeit, Steifheit der Wirbelsäule, tonischer Krampf der Rückenmuskulatur und Symptome von Krankheiten des zentralen Nervensystems behandelt werden. Das Lenkergefäß, auch Du Mai (Der General) genannt, wird den außerordentlichen Leitbahnen zugeordnet. Die außerordentlichen Leitbahnen, die auch als Wundermeridiane bezeichnet werden, stellen ein übergeordnetes Regulationssystem der 12 Hauptmeridiane dar. Sie haben abgesehen vom Lenkergefäß (Du Mai) und dem Konzeptionsgefäß (Ren Mai) keine eigenen Punkte, sondern liegen auf den 12 Hauptmeridianen. Diese Meridiane dienen als Reservoir, die das Jing einsammeln und wieder zur Niere bringen. Die Nieren sind der Sitz des Jing, welches die Essenz unseres Lebens und die Basis von Reproduktion und Entwicklung ist. Jing begleitet uns unser ganzes Leben. Jing kann man sich auch als Rucksack vorstellen, den man bei der Geburt geschnürt bekommt. Bei schlechter Ernährung ist auch der Rucksack schlecht gefüllt und wird zusätzlich durch übermäßigen Stress schneller aufgebraucht. Die Öffnung eines solchen Wundermeridians kann eine Schleuse im Körper öffnen und einen grundlegenden Mangel beheben.

Fallbeispiel

Foto: Sven Cramer - FotoliaDie 18-jährige Stute koppte seit dem Fohlenalter und war anfällig für Koliken. Aufgrund ihrer Sehnenprobleme wurde sie nur noch geführt und durfte ihre Zeit auf der Koppel genießen. Ab und zu wurde sie aber auch ins Gelände geritten und von der Besitzerin liebevoll gepflegt. Nachdem ihre Muskulatur immer mehr abbaute und sie trotz normalen Fressverhaltens abmagerte, wurde eine Blutkontrolle veranlasst. Dabei wurde das Equine Cushing Syndrom festgestellt und medikamentös behandelt. Eine alternative Therapie lehnte die Besitzerin ab, obwohl sie bei anderen Behandlungen der Akupunktur und Homöopathie vertraute. Die Erkrankung konnte damit eingedämmt werden, doch kam es immer wieder zu Koliken und auch diffusen Lahmheiten, die erfolgreich mit homöopathischen Mitteln behandelt werden konnten. Eines Morgens beim Füttern haben wir die Stute völlig panisch vorgefunden. Sie ließ sich durch nichts beruhigen und wanderte ruhelos in ihrer Box umher. Diese Stresssituation dauerte wohl schon länger an, da alles verwüstet und die Stute komplett durchgeschwitzt war. Die Beine offen vom Schlagen und die Augen blutunterlaufen. Die Schleimhäute waren zyanotisch, das Pferd zitterte vor Erschöpfung und war am ganzen Körper eiskalt. Sie zeigte außerdem kolikartige Symptome und stand kurz vor dem Zusammenbruch. Ich rief sofort die Tierärztin und versorgte das Pferd bis zu deren Eintreffen mit Homöopathie. Da sich nach der Mittelgabe keine Besserung einstellte, akupunktierte ich den Notfallpunkt LG 26 (Ren Zhong). Kurz darauf beruhigte sich das Tier, die Atmung normalisierte sich etwas und auch das Zittern ließ nach. Als die Tierärztin eintraf, spritzte sie nach der Untersuchung verschiedene Schmerzmittel und legte eine Infusion. Ich erzählte ihr, dass ich akupunktierte, um die Stute bis zu ihrem Eintreffen zu stabilisieren. Da die Tierärztin ebenfalls Akupunktur in ihrer Praxis betreibt, klärte sie mich auf, dass dieser Punkt nicht so effektiv sei und andere besser wirken und hat diese auch gleich genadelt. Jetzt kamen mir doch Zweifel, ob ich alles richtig gemacht hatte oder eventuell durch Nadelung anderer Punkte schon eine deutlichere Verbesserung hätte erzielen können. Die Tierärztin wollte nochmals zur Kontrolle vorbeischauen und bat mich, die Infusion abzunehmen, wenn diese durchgelaufen sei. Kaum war sie jedoch aus dem Hof gefahren, legte sich die Stute vor Erschöpfung hin und konnte aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen. Ich nadelte wieder LG 26 und innerhalb einer Minute stand die Stute wieder auf ihren Beinen. Sie fing wieder an unkontrolliert hin und her zu laufen, konnte aber von den Besitzern geführt werden. Ich gab zusätzlich verschiedene Mittel und wir massierten den Bauchraum mit Hilfe des Neuro Stim. Doch alle Bemühungen waren erfolglos. Der Kreislauf erholte sich nicht und das Tier wurde immer schwächer. Als die Tierärztin nach zwei Stunden wieder kam, sonderte die Stute zusätzlich hellrotes Blut aus dem After ab. Die Schleimhäute waren immer noch zyanotisch und die Darmperistaltik fast erloschen. Die Tierärztin erklärte der Besitzerin, dass keine Heilung mehr möglich sei und die Stute auch keine Operation überstehen würde. Das Pferd machte uns auch durch seinen Blick und seine Körperhaltung mehr als deutlich, dass es endlich erlöst werden wollte. Dann brach sie erneut vor Schwäche zusammen und blieb in der Reithalle liegen. Jeder Versuch, aus eigener Kraft und auch mit unserer Hilfe wieder aufzustehen, schlug fehl. Deshalb riet die Tierärztin, die Stute noch in der Halle einzuschläfern, um ihr weitere Schmerzen zu ersparen. Aber auch jetzt half ihr der Notfallpunkt LG 26 ein letztes Mal in ihrem Leben, alle Kräfte zu mobilisieren. Innerhalb einer Minute stand sie auf und wir konnten sie zur Koppel führen, um ihr einen würdevollen Abschied zu ermöglichen.

SILKE GRIEBELSILKE GRIEBEL
TIERHEILPRAKTIKERIN IN EIGENER PRAXIS MIT PENSIONSPFERDESTALL

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