Rassebedingter Stress: Gedanken vom tier-menschlichen Diwan

Foto: ©ms-grafixx.de - FotoliaMonika Heike Schmalstieg im Interview mit Tanja-Maritta Bick, Tierheilpraktikerin aus Nordstemmen, die mit Akupunktur, Blutegeltherapie, Ernährungsberatung, Heilpilzen und Stresspunktdiagnostik/Massagen Pferde begleitet und durch ihre homöopathische und phytotherapeutische Behandlungen erfolgreich tätig ist. Sie schließt im Januar 2014 eine zusätzliche Ausbildung zur Pferdeosteopathin ab und besitzt ein polizeiliches Führungszeugnis zum Führen gefährlicher Hunde.

Schmalstieg: Welche Hunderassen haben Sie bislang gehabt?

Foto: BickBick: Wir haben aktuell eine französische Bulldogge, ein Jahr alt. Zuvor hatten wir über 13 Jahre lang eine American Staffordshire Terrier Hündin. Davor eine Fox-Terrier-Mix Hündin, davor Spitz und Spitzmischling.

Schmalstieg: Wie hat Ihr Umfeld auf die Hunde reagiert?

Bick: Sehr unterschiedlich sind die Reaktionen beim Vergleich der Rasse Französische Bulldogge zum Staffordshire Terrier. Da die Bulldogge mit dem „Kindchen-Schema“ ausgestattet ist, worauf sich freundliche Ansprachen des Umfelds äußern, waren es vorher verachtende Blicke für den American Staffordshire und uns.

Schmalstieg: Wie haben die Eltern reagiert, wenn Sie Ihre Kinder in den Kindergarten/in die Schule mit Hundebegleitung brachten?

Bick: Zum Kindergarten habe ich unsere American Staffordshire Hündin gar nicht erst mitgenommen. Manchen Situationen ist man von vornherein schon aus dem Weg gegangen.

Schmalstieg: Sind Ihnen die Menschen auf der Straße generell vorurteilhaft mit Stress begegnet?

Foto: BickBick: Zuerst nicht. Es hieß „Was für ein hübscher Hund! Welche Rasse? Kennen wir gar nicht“. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr. Dann wurde in Hamburg ein kleiner Junge von zwei American Staffordshire Terriern angegriffen und überlebte dies leider nicht. Diese Hunde waren bei Kellerhaltung mit lebenden Katzen gefüttert worden und wurden nur für Hundekämpfe missbraucht. Als sie dem Besitzer entwischten, veränderte das das Leben tausender Familienhunde aus diesen Rassekategorien. Die öffentliche Reaktion ist ja bekannt: Rasseliste mit Gefährlichkeitsstufen, permanenter Maulkorbund Leinenzwang, sonst hohe Strafen. Wesenstest (Befreiung vom Maulkorb oder Tötung bei Nichtbestehen), Sterilisationszwang, uvm. Dazu die Macht der Presse, monatelang immer wieder auf der Titelseite tat den Rest. Ich habe ein polizeiliches Führungszeugnis zum Führen gefährlicher Hunde. Wollte ich mir auch mal einrahmen! Es war diskriminierend. Die Leute sind vor uns umgekehrt, sie haben uns beschimpft und wie Aussätzige behandelt.

Schmalstieg: Wie war das Wesen/Verhalten der Staffordshire Hündin?

Bick: Sie war immer freundlich, liebte Menschen und Tiere. Niemals aggressiv. Sie kämpfte um Sofa- und Bettplätze und gewann auch diese. Kämpfen für Herzensplätze brauchte sie nicht lange. Die hohe Schmerz- und Reizschwelle der Rasse ist sehr vorteilhaft bei Kindern. Staff´s sind sehr kinderlieb. Trotz allem gehört diese Rasse in liebevolle, erfahrene Hände. Sie sind selbstbewusst und wesensstark, Terrier und Kraftpaket.

Schmalstieg: Welches Ereignis ist Ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben?

Bick: Der Wesenstest. Uns war klar, dass sie besteht, aber dennoch diese Angst, falls nicht. Einschläfern wäre die Konsequenz gewesen. Etwas Lustiges, wo sie in der Silvesternacht eine brennende Rakete mit ins Haus brachte. War ja ein Stöckchen dran. Angst hatte sie ja nicht vor Knallern. Sie trabt durch den Garten und hat etwas im Maul. Legt mir ein lebendes Vogelküken unversehrt und durchgeleckt vor die Füße. Warum hat sie es nicht gefressen?

Foto: © Agency Animal PictureSchmalstieg: Ist Ihnen ein gravierender Unterschied aufgefallen, seit Sie die Französische Bulldogge führen?

Bick: Die entgegenkommenden Menschen lächeln und sprechen uns an: „Wie niedlich und so lieb“. Sie darf vorm Kindergarten warten, geht dann noch mit der „Großen“ mit zur Schule. Keine Probleme im Urlaub, Zoo, Restaurant usw.

Schmalstieg: Was genau hat sich verändert?

Bick: Die beliebte Französische Bulldogge wirkt allein durch ihr äußeres Erscheinungsbild vertrauenswürdiger und hat es einfacher mit Kontakten. Sie darf mit allen Hunden spielen, kaum jemand hat Angst vor ihr. Ebenfalls ist für uns vieles einfacher. Jetzt kann unser Hund auch mit in den Urlaub, was z. B. in Dänemark mit sogenannten Kampfhunden nicht möglich ist.

Schmalstieg: Ist Ihr Leben nun entspannter?

Bick: Auf jeden Fall. Trotz allem werden wir bestimmt irgendwann wieder einen American Staffordshire Terrier bei uns haben.

Schmalstieg: Was würden Sie Hundebesitzern mit sogenannten Listenhunden raten?

Bick: Viele Haltungsbedingungen wurden wieder entschärft, aber in den Köpfen der Menschen sitzt noch einiges fest. Ich würde alles empfehlen, wobei diese Rassen nicht auffallen. Wenn ich nicht 100 prozentig weiß, wie mein Hund reagiert, gar nicht erst ausprobieren. Den Hund entsprechend der Situation lieber einmal mehr anleinen, um Konfrontationen aus dem Weg gehen. Gute Erziehung und Sozialverhalten. Nicht provozieren und nicht provozieren lassen. Ein erhabenes Lächeln bringt manchmal mehr. Ein positives Bild bewirken, um diese Rassen wieder mehr bei uns zu haben. Ansonsten jede Minute genießen!

Schmalstieg: Halten Sie es für wichtig, auch Nichthundebesitzer aufzuklären?

Bick: Ja, sehr wichtig. Bei falschem Verhalten gegenüber Hunden kommt es oft zu Missverständnissen und Beißunfällen. Die Erfahrung und das Wissen über die „Hundesprache“ fehlt. Besonders im Umgang mit Kindern heißt es Unfälle zu vermeiden.

Schmalstieg: Können Sie sich vorstellen, ein Merkblatt „Wie verhalte ich mich, wenn mir ein Hund begegnet“ zu entwerfen, um es in Ihrer Praxis über die Tierpsycholgie zu publizieren?

Bick: Gute Anregung, kann ich mir sehr gut vorstellen und werde es schon bald entwerfen. Danke.

Schmalstieg: Gerne, vielen Dank für das wertvolle Gespräch. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und freue mich auf das Merkblatt für Nichthundehalter/innen.


Fazit

Foto: © Erik LamGefahr für den Rassehund als Lebewesen kann bestehen, wenn er aufgrund bestimmter Merkmale zum Prestigeobjekt (Modehund, Statussymbol) wird. Häufig bleibt die Gesundheit und die Befindlichkeit des Hundes auf der Strecke. Es betrifft auch das einzelne Individuum und kann Auswirkungen auf die jeweilige Population haben, wie beim Mops.
„Das Wesen des Hundes ist die Gesamtheit seiner angeborenen und erworbenen Verhaltensweisen, sowie seiner augenblicklichen inneren Zustände, mit welchen er auf die Umwelt reagiert.“ (Zitat aus: Das Wesen des Hundes, Weidt, H., Berlowitz, D.)

Die Symbiose Hund-Mensch und Umwelt ist immer ganzheitlich zu betrachten. Darum rate ich Ihnen: Überlegen Sie stets genau, in welchem Umfeld Sie mit Ihren persönlichen Lebensbedingungen stehen. Passt ein Hund da rein, und wenn ja, welche Rasse mit ihren speziellen Eigenschaften. Eine alte deutsche Weisheit sagt: Ein Hirte soll niemals von einem Jäger einen Hund kaufen, sowie der Jäger niemals vom Hirten einen Hund nehmen sollte.
Ein genaues Rasseporträt und intensive Aufzuchtinfos vom Züchter können bei der Auswahl helfen. Es erspart Ihnen und den Tieren viel Stress und Missverständnisse und bereitet ein fröhliches Leben vor.

Ihre Monika Heike Schmalstieg
Präsidentin des VDT e.V.

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