Verständnis der Pferde: Der Weg zu mir und meinem Pferd

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Der Weg mit Pferden ist der Beginn meines Weges hin zu Selbsterkenntnis und zu einem tiefen Verständnis des Lebens, ein Weg, der mich von Grund auf verändert hat. Ich möchte ihn mit Ihnen teilen. Vielleicht finden Sie manches Bekannte wieder. Vielleicht macht Ihnen das Gelesene Mut, auf Ihrem eigenen Weg weiterzugehen.


Wohin führt das?

Im Sommer 2008 verbrachte ich sehr viele Stunden jeden Tag bei meinem Pferd. Da es mitunter sehr heiß war, konnte ich erst in den Abendstunden reiten – so kam es, dass ich einfach nur auf der Wiese saß und die Pferde beobachtete. Während dieser ausgedehnten Zeit, die ich im Stall und auf der Weide verbrachte, spürte ich eine Verbundenheit mit ihnen, die ich nicht in Worte fassen, nicht begreifen konnte. Ich spürte nur, es gibt sehr viel zu entdecken und zu erfahren, mit und durch die Pferde. Was es jedoch sein sollte, wusste ich an diesem Punkt meiner Reise noch nicht.


Ich genehmige mir drei Monate Nichtstun

Ich hatte mir in den Sommermonaten eine „Auszeit“ gegönnt, da ich mich beruflich in einer „Sackgasse“ befand. Ich musste etwas verändern, wusste jedoch nicht was und wie. Es wurde mir klar, dass ich in den letzten 15 Jahren immer wieder die gleichen Fehler gemacht hatte. Ich bewegte mich beruflich im Kreis und war ziemlich unbefriedigt über meine Situation. Das „Nichtstun“ war mitunter sehr schwierig. Mein Verstand rebellierte anfangs ohne Unterbrechung. Ständig beschuldigte er mich der Faulenzerei und malte mir in den grausamsten Szenen aus, wohin dies alles führen würde: nämlich in den Ruin. Ich bin mehr als die Stimme, die mir Angst machen wollte. Nach einiger Zeit gelang es mir immer besser, mich von meinem Verstand zu distanzieren. Ich erkannte, dass ich viel mehr bin als diese Stimme, die mir ständig Angst machen will. Bereits im Vorjahr hatte ich eine ganz leise Stimme vernommen, ganz tief in meinem Inneren, die mir zuflüsterte, dass ich beruflich etwas mit Pferden machen solle. Doch die laute Stimme meines Verstandes „unterwanderte“ sofort diese ganz zarte Stimme mit den Argumenten, dass man mit Pferden kein Geld verdienen könne und ich weder über die fachlichen Kompetenzen noch über die notwendigen finanziellen Mittel verfüge, um irgendetwas mit Pferden anzetteln zu können. So gab ich dieser zarten Stimme zunächst keinen Raum. Sobald der Gedanke an eine Arbeit mit Pferden hochkam, stand auch schon mein Verstand parat, alle diesbezüglichen Gedanken zu zerstreuen.


Mich mit dem Funken des Ganzen verbinden

Der Wunsch, etwas mit Pferden unternehmen zu wollen, wurde jedoch immer stärker. Bis ich mir sagte: Wenn es sein darf, dann werden sich die Dinge fügen. In den unzähligen Stunden des „Nur-da-Sitzens“ spürte ich diese tiefe Verbundenheit mit meinem Pferd – ich konnte mich mit dem „Funken des Ganzen“ in meinem Pferd verbinden und somit Zugang finden zu meinem eigenen „Funken“.
Der Entschluss stand fest: Ich wollte beruflich etwas mit Pferden machen. Mein Verstand rebellierte nach wie vor, da ich auf Verstandesebene weder erkennen konnte, wie diese berufliche Tätigkeit aussehen könnte, noch welchen Weg ich zu beschreiten hatte. Und doch wollte ich mich ganz und gar dem Leben hingeben und mich ihm, mit dem Wunsch, beruflich etwas mit Pferden zu realisieren, anvertrauen. Überhaupt habe ich festgestellt, dass die meisten sorgenvollen Gedanken keinen „festen Boden“ haben, es scheint mir vielmehr so zu sein, als wolle der Verstand oder das Ego durch eine geistige Beschäftigungstaktik, die in sorgenmachenden Gedanken besteht, nur eines erreichen: den Menschen in den eignen Grenzen gefangen halten. Ich aber will meine Grenzen durchbrechen und mich auf den Weg machen. Nachdem ich im Internet einen geeigneten Ausbildungsweg gefunden hatte, der auch meinem nicht allzu reichen Erfahrungsschatz im Umgang mit Pferden entsprach, buchte ich den ersten Kurs. Es handelte sich um ein Bodenarbeitsseminar mit eigenem Pferd. Der gesamte Ausbildungsweg sieht vor, das Pferd als Spiegel zu betrachten und so, als „Coach“ ausgebildet, dem Klienten die Möglichkeit zu geben, sich in der Interaktion mit dem Pferd zu erkennen und die Grenzen des eigenen konditionierten Verstandes zu durchbrechen, um ein erfülltes und von äußeren Umständen unabhängiges, glückliches Leben zu führen. Der Kurs fand in Augsburg statt und ich lebte in Italien. Aber der Entschluss stand fest, ich wollte lernen, zunächst meine eigenen Grenzen zu durchbrechen, um dann im Anschluss interessierten Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst aus den Grenzen ihres Verstandes zu befreien. Dieser Weg erschien mir höchst passend, da ich mich seit fast 20 Jahren mit dem Thema „Persönlichkeitsentfaltung“ beschäftigt und in der Vergangenheit Kurse mit Lizenz in des Alpha Trainings organisiert hatte. Das war für mich eine Art „Beweis“, dass ich auf dem richtigen Weg war, dass dieser Ausbildungsweg eine Form der Fortführung dessen war, was ich bisher getan hatte.


Mein Pferd geht nicht in den Hänger…

Ich organisierte alles für die lange Reise mit meinem Pferd. Am Tag der Abreise war ich bereits gegen fünf Uhr morgens im Stall, um es zu verladen. Da ich am Vorabend leichte Zweifel hatte, ob sich mein Pferd wohl verladen lassen würde, sollte sich genau dieses Szenarium einstellen. Mit meinen Zweifeln und meiner Unsicherheit hatte ich natürlich genau das herbeigerufen, was ich unter allen Umständen zu vermeiden suchte: Probleme beim Verladen. Mein Pferd stellte sich stur. Nach ungefähr zwei Stunden geduldiger Versuche musste zu guter Letzt die Stallmannschaft einspringen. Mit vereinten Kräften und Zuhilfenahme „konventioneller“ Maßnahmen schafften wir es schließlich. Es wurde mir an dieser Stelle wieder einmal deutlich vorgeführt, wie sehr ein Pferd die seelische Verfassung der Menschen aufnimmt und getreu umsetzt. In anderen Situationen, in denen für mich nicht der kleinste Zweifel bestand, dass mein Pferd auf den Hänger gehen würde, hatte es sich nämlich ohne die geringsten Probleme verladen lassen.


Intensive zehn Tage

Ich wusste, dass es sich in dem Seminar in erster Linie darum handeln würde, eine Verbindung zum eigenen Pferd herzustellen. Wir sollten lernen, richtig zu kommunizieren, uns über die Körpersprache unseren Pferden verständlich zu machen – und es ging natürlich auch darum, die Techniken zu erlernen, wie mit einem Pferd am Boden gearbeitet wird. Dabei stand das Thema „Selbsterfahrung und Persönlichkeitsentwicklung“ im Mittelpunkt.
Warum?
Warum habe ich die Strapaze einer langen Reise mit meinem Pferd auf mich genommen? In den Monaten vor dem Bodenarbeitsseminar hatte ich auf „eigene Faust“ herumexperimentiert. Ich hatte fast alles gelesen, was es an Literatur bezüglich „Bodenarbeit“ und „Natural Horsemanship“ gab und hatte geglaubt, ich könne das Gelesene einfach ausprobieren und umsetzen. Doch musste ich zu meinem Erstaunen feststellen, dass sich dies nicht so einfach gestaltete. Ganz besonders faszinierte mich das Buch „Mit Pferden tanzen“ von Klaus Ferdinand Hempfling. Es war genau das, wonach ich hungerte: Eine innige Beziehung zum eigenen Pferd herstellen. Das Buch beschreibt in sehr schöner Weise, wie dies zu erreichen ist. Da ich jedoch die Erläuterungen eher oberflächlich umsetzte, erhielt ich auch sehr schnell eine entsprechend eindeutige Reaktion von meinem Pferd. Ich habe einen Bayern Wallach, der über ein sehr ausgeglichenes Gemüt verfügt. Er ließ so ziemlich alles über sich ergehen. Dies sage ich heute aus meiner neu gewonnen Einsicht heraus. Damals war mir nicht klar, dass es sich um ein Pferd handelte, das sich irgendwie arrangiert hatte. Er hat sich nicht wirklich auf den Menschen eingelassen, sondern sein Programm abgespielt oder eben soweit mitgemacht, wie es für ihn erträglich war. Wurden jedoch die Grenzen seiner Geduld und Hinnahme überschritten, dann reagierte er kurzzeitig auch mal mit „Rebellion“. Ansonsten ging er mit Gleichmut und geduldiger Akzeptanz auf das ein, was von ihm verlangt wurde.


Desaster im Picadero

Eines Nachmittags versuchte ich wieder voller Tatendrang umzusetzen, was ich am Vortag gelesen hatte. Ich hatte den von Herrn Hempfling empfohlenen „Picadero“ mit Flatterband abgegrenzt, um mit meinem Pferd frei, ohne Seil, zu arbeiten. Ich wollte erreichen, dass mein Pferd auf leiseste Körpersignale reagierte und meinen Anweisungen folgt. Heute weiß ich nur zu gut, dass ich mich damals wie eine „Vollidiotin“ benommen habe. Ich war also im Zentrum des abgesteckten 11,5 x 11,5 Meter großen „Picadero“ und wollte mein Pferd in den Trab versetzen. Ich fuchtelte mit der Gerte immer intensiver, weil sich mein Wallach immer weniger bewegen wollte, solange bis er sich genötigt fühlte, mit angelegten Ohren auf mich zustechen zu wollen, um mich mit Haut und Haaren zu „fressen“, so kam es mir vor. An dieser Stelle hatte ich das erste Mal, nach fast einem Jahr der Gemeinsamkeit, Angst vor ihm. Diese nackte Angst, die ich da verspürte, erschütterte mich in meinen Grundfesten. Ich konnte mir keinen Reim daraus machen – damals noch nicht. Ich war geschockt! Sofort brach ich das ganze Unternehmen ab und beschloss, professionelle Hilfe zu konsultieren. Heute weiß ich, dass ich so ziemlich alles falsch gemacht hatte, was nur falsch zu machen war. Dazu kam, dass es mir an persönlicher Festigkeit und Ausstrahlung fehlte, die so unentbehrlich ist, wenn wir mit Pferden sicher umgehen wollen. Ich begriff, dass ich auf persönlicher Ebene wachsen musste, um meinem Pferd irgendwann ein kompetenter Partner oder eine „Leitfigur“ sein zu können. Die Erfahrung reichte aus, um mir darüber klar zu werden, dass eine innige Verbindung zum Pferd nicht durch Techniken und Theorien zu erringen ist, sondern dass gleichzeitig ein innerer Reifungsprozess im Menschen stattfinden muss.


Die „normale“ Reiterwelt

Nach dieser Erfahrung beneidete ich all jene, die nicht, wie ich, eine innige Verbindung zu ihrem Pferd suchen, sondern ihr Pferd satteln, eine Reitstunde absolvieren und sich damit zufrieden geben. Auch ich kannte diese Zufriedenheit, bis ich durch ein Erlebnis mit einem echten Pferdeexperten wachgerüttelt wurde. Dieser Pferdeexperte machte Dinge, die mir wie Magie vorkamen und die, wie ich erkannte, nur durch pferdegerechte Kommunikation und persönliche Ausstrahlung zu erreichen sind. Es war eine Art Initialerlebnis für mich, das dafür verantwortlich war, dass ich immer tiefer in das Geheimnis der Pferde eindringen wollte. Beim ganz „normalen“ Umgang mit Pferden kommt es zu keiner nennenswerten inneren Verbindung, noch ist man gefordert, auf persönlicher Ebene zu wachsen und immer wieder mit sich ins Gericht zu gehen. Man macht einfach alles so, wie es immer schon gemacht wurde. Man verwendet Sporen, wenn das Pferd nicht motiviert genug läuft, man verwendet Hilfszügel verschiedenster Art, bei der Arbeit an der Longe wird ausgebunden und zusammengeschnürt, damit das Pferd sich nicht rebellierend gegen den Menschen wenden kann, wenn dieser widersprüchliche Körpersignale sendet. Es werden überhaupt all jene Situationen vermieden, in denen das Pferd in irgendeiner Weise dem Menschen zeigen könnte: Hier sind deine Grenzen – schaue hin und wachse, damit du mit mir richtig umgehen und für dein Leben lernen kannst! Dieses wirkliche „Hinschauen“, „Anschauen“, die Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Pferd verlangt einige Selbstüberwindung, zu der man bereit sein muss. Aber die angenehme Sicherheit, die der vorgefertigte Rahmen bietet, führt nicht zu der Freiheit und der innigen Beziehung, die ich in kleinen Ansätzen bereits begonnen hatte zu erahnen. Meiner Überzeugung nach sind die Pferde heute den Menschen deshalb wieder so nah, weil viele, meist intuitiv, spüren, welch wichtige Aufgabe sie für uns übernommen haben. Die Pferde ermöglichen den Menschen einen Zugang zu ihrem innersten Wesenskern. Sie zeigen uns, wie wir die Grenzen des Verstandes durchbrechen und in eine neue Dimension vordringen können.


Am Anfang war es grauenvoll

Ich hatte bereits fünf Tage im Seminar „überlebt“, während deren ich alte Verhaltensmuster aus meiner Kindheit durchlebte. Ich fühlte mich dumm, unfähig und völlig daneben. Ich hatte das Gefühl, die Blödeste im Seminar zu sein, ich war weder zentriert noch gegenwärtig, sondern lebte komplett in meinen alten Mustern, die mich gefangen hielten. Am vierten Tag gelang mir zum ersten Mal ein Durchbruch, doch es waren immer noch „Restbestände“ vorhanden. Ich kam zwar immer mehr in meine Kraft, jedoch kostete es mich eine Portion Anstrengung, meine Gewohnheiten bewusst zu durchbrechen. Mein Pferd zeigte mir ganz genau, wo ich stand und wer ich war. Bis dahin hatte ich ein Selbstbildnis entworfen, mit dem ich eigentlich im Großen und Ganzen ganz zufrieden war. „Ich hatte mich zurecht gedacht“. Auch wenn das eine oder andere Ereignis in meiner Vergangenheit mir zu denken hätte geben sollen, so schob ich die Ursache immer auf die anderen oder auf die unglückliche Situation.


Ich hielt mich für eine selbstsichere, energiegeladene und liebevolle Frau, bis…

Mein Pferd reagierte da ganz anders. Ich konnte erkennen, dass ich keineswegs so selbstsicher oder energiegeladen war. Und von liebevoll konnte nur die Rede sein, solange die Dinge so liefen, wie ich mir das vorstellte. Meine „Energie“ war so „stark“, dass mich mein Pferd mitunter gänzlich ignorierte. Ich stand in manchen Situationen da und konnte so viel an „äußeren Aktionen“ starten, wie ich nur wollte, mein Pferd blieb völlig ungerührt, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es war also nicht die „äußere“ zur „Schau getragene Energie“, die mein Pferd bewegen konnte, sondern es musste eine „innere“ Energie sein. Bereits nach den ersten Tagen erkannte ich deutlich, dass Techniken nur einen kleinen Bruchteil im Umgang mit Pferden ausmachen. Der Hauptteil liegt in der „inneren Verfassung“, liegt in der „inneren Energie“, die ein Mensch besitzt. Mehr als zuvor wollte ich dem Ganzen auf den Grund gehen. Ich wollte mit Hilfe meines Pferdes meine eigenen Energien verstehen und richtig nutzen. Ich wollte mich erleben, erfühlen, wie ich wirklich war und nicht, wie ich zu sein glaubte. Ich wollte mich selbst kennenlernen. Mir wurde bewusst, dass ich bisher nur durch meinen konditionierten Verstand „gelebt“ hatte. Es gibt jedoch viel mehr als den konditionierten Verstand, dieser ist nur ein kleiner Teil unseres komplexen Wesens. Das Bodenarbeitsseminar war der Einstieg zu einer beginnenden Reise zu mir selbst.


Ich erkannte, dass ich unbewusst Angst vor Pferden hatte

Dem Bodenarbeitsseminar folgte das Seminar „Selbsterfahrung mit Pferden”. Ich war so fasziniert, von der Möglichkeit, mich selbst kennenzulernen, dass ich im Anschluss an das erste Seminar noch bis nach Warendorf fuhr. Einige hatten mich bereits für verrückt gehalten, als ich von Italien nach Süddeutschland mit meinem Pferd gefahren war – und jetzt noch einmal die gleiche Entfernung. Aber an dieser Stelle gab es für mich kein Zurück mehr. Als ich in Warendorf ankam, ging ich noch einmal meine bis dorthin erkannten Verhaltensmuster durch. In vielen Situationen hatte ich geglaubt, ich wäre die Dümmste. Ein weiteres häufig auftretendes Gefühl will mir einreden, dass ich nichts richtig mache und dass die anderen immer besser sind als ich. Des Weiteren stellte ich in dem Bodenarbeitsseminar fest, dass ich Angst vor Pferden hatte. Es handelte sich um eine Angst, die mir eher unbewusst als bewusst war, daher war es mir in der Vergangenheit ganz gut gelungen, sie zu unterdrücken und zu verbergen. Solange man auf herkömmliche Weise mit Pferden umgeht, gelingt einem das auch ganz gut. Seit ich mir diese Angst eingestehe, erkenne ich, dass viele Pferdebesitzer Angst vor ihren Pferden haben, dass sie nicht locker und spannungsfrei mit ihnen umzugehen wissen. Statt sich diese Unsicherheit einzugestehen, wird sie jedoch meist durch ein aufgesetzt „sicheres Auftreten“ überspielt. Ein Pferd merkt das sofort und erkennt das Verhalten als inkongruent.


Das Verhalten meines Pferdes veränderte sich drastisch

Mir wurde während der Arbeit an mir selbst bewusst, dass ich an einer generellen Unsicherheit leide, die sich immer dann einstellt, wenn es darum geht, dass ich mich auf meine Fähigkeiten verlassen muss. Ich war sehr gespannt auf die folgenden sechs Tage Selbsterfahrung und in der Tat sollten es intensive und aufschlussreiche Tage für mich werden. Am ersten Tag durften wir erst einmal unsere Pferde versorgen, um danach mit ihnen im Round Pen zu arbeiten. Meine Aufgabe bestand darin, mein Pferd in Freiheit arbeiten zu lassen. Doch die Reaktionen meines Wallachs waren: Angespanntheit, Abwesenheit, abweisend sein. Ich war nicht im Stande, eine Beziehung zu ihm herzustellen. Ich fühlte mich hilflos. Je mehr ich versuchte, meine Hilflosigkeit durch hektisches Agieren zu überspielen, desto angespannter und abweisender wurde mein Pferd und desto unsicherer und hektischer wurde ich, bis die Situation zu eskalieren drohte. Ich wurde aufgefordert, eine Pause zu machen und über die Situation zu reflektieren. Ich erkannte, dass ich vollkommen absorbiert war von dem Gefühl meiner Unzulänglichkeit. Dieses Gefühl war so stark, dass ich nicht mehr in der Lage war, ruhig und besonnen zu reagieren. Ich ging zu meinem Pferd zurück und erzählte ihm von meiner Unzulänglichkeit, meiner Unfähigkeit, ruhig und besonnen zu sein und ich erzählte ihm von meiner Angst. Es ist vielleicht schwer zu glauben – und hätte ich es nicht selbst erlebt, hätte ich mit größter Wahrscheinlichkeit auch gedacht: Na ja, das ist nun doch alles ein bisschen überzogen. Doch gerade die Tatsache, dass sich mein vorhergehendes, nicht kongruentes Verhalten in ein kongruentes Verhalten verwandelt hatte, ließ mein Pferd entspannter, anwesender und ruhiger werden. Ich behaupte nicht, dass mein Pferd meine Worte verstand, aber es verstand die Energien, die hinter den Worten verborgen lagen. In meiner Inkongruenz konnte mein Wallach mich nicht annehmen, er wollte nichts mit mir zu tun haben. Aber als ich zu meinen Gefühlen stand und kongruent wurde, da verwandelte sich sein Verhalten drastisch. An diesem Tag erfuhr ich, was es bedeutet, kongruent zu sein. Ein Pferd lehrt dich nicht das, was du als richtig empfindest, sondern es lehrt dich die Wahrheit. Ein Pferd lehrt dich die Wahrheit so lange, bis du sie verstehst – immer und immer wieder, in unermüdlicher Geduld, ohne Bewertung, ohne Schuldzuweisung, ohne beleidigt oder nachtragend zu sein. In völliger Selbstlosigkeit lehrt es dich, was es gerade im MOMENT zu lernen gilt, mit einer göttlichen Größe.


Ich hatte viel probiert, aber nichts hatte geholfen

In der Beschreibung des Seminars war die Rede davon, dass der Kursteilnehmer in seiner Persönlichkeit gestärkt wird und die Angst vor der eigenen Größe verlieren würde. Diese Aussage empfand ich als sehr aufregend, da ich in den verschiedensten Situationen – nicht nur im Zusammenhang mit Pferden – immer wieder unter Minderwertigkeitskomplexen und dem Gefühl der Wertlosigkeit gelitten hatte. Ich dachte mir bei Antritt des Seminars, egal wie diese Stärkung aussehen würde – ich wollte erfahren und vor allem erleben, in die eigene Mitte zu kommen. Und wenn es möglich war, so würde ich auch bereit sein, die Angst vor meiner eigenen Größe zu verlieren. An dieser Stelle möchte ich nicht verschweigen, dass ich bereits über viele Jahre mentale Trainingstechniken praktiziert hatte. Dennoch war es mir bislang nicht gelungen, tief sitzende Blockaden und Muster in ihrem wahren Umfang zu erkennen, geschweige denn aufzulösen oder zu verändern. Ich hatte in den letzten Jahren das Gefühl gehabt, nur noch aus „Kopf“ zu bestehen. Ich hatte kaum mehr Zugang zu meinen Gefühlen und Bedürfnissen gefunden – anders ausgedrückt: Ich hatte nur noch funktioniert. Es waren die Pferde, im Speziellen mein Pferd, das mir den Weg aus dieser unbefriedigenden Situation zeigten. Im Umgang mit meinem Wallach hatte ich gespürt, dass es sehr viel zu entdecken gab, aber ich wusste nicht, was es konkret war und vor allem nicht, wie ich dieses „Etwas“ an die Oberfläche befördern konnte. Deshalb hatte ich mich „theoretisch“ mit den verschiedensten Techniken und Methoden beschäftigt – bis ich merkte, dass der Alleingang nicht nur sehr schwierig ist, sondern nach „hinten“ losgehen konnte.


Endlich erkannte ich mich, wie ich wirklich war

Meine Blockaden und Muster hatten begonnen, mich in allen Bereichen meines Lebens zu beeinträchtigen. Im Kurs jedoch erlebte ich eine Offenbarung nach der anderen. Zunächst wurden in den „Spielen mit den Pferden“ (ich möchte die Seminareinheiten mit den Pferden „Spiele“ nennen, da diese völlig stressfrei, wertungsfrei waren und in einem geschützten und liebevollen Rahmen stattfanden) die einzelnen Facetten meiner Persönlichkeit gespiegelt. Diese Spiegelung meiner Persönlichkeitsanteile war so verblüffend und exakt, dass ich dadurch die Möglichkeit bekam, einen Zugang und ein Verständnis für meine Blockaden zu gewinnen. Endlich erkannte ich mich, wie ich wirklich war. Nicht, wie ich dachte zu sein. Nur durch das bewusste Erkennen kann eine Transformation erfolgen.


Ich habe keine Angst mehr vor meiner Stärke und Größe

Ganz große Dankbarkeit empfinde ich heute den Pferden gegenüber, die vollkommen wertfrei den Menschen helfen, in die eigene Mitte und in die eigene Stärke zu kommen. Ich fühle mich jeweils inspiriert und motiviert durch die feinen Lehren der Pferde, da sie niemals belehrend oder von oben herab den Menschen „unterrichten“, sondern durch ihr „so sein“ die Teilnehmer begleiten und fördern. Dem Menschen helfen, in die eigene Stärke zu kommen, erfordert von den „Unterrichtenden“ in diesem Fall von den Pferden, ein hohes Maß an Toleranz, Geduld, Ausgeglichenheit und Unbestechlichkeit. All diese Qualitäten erlebte und erlebe ich in der Arbeit mit den Pferden. Alleine die Gegenwart der Pferde wirkt aufbauend, erneuernd, stärkend und beflügelt in Eigenakzeptanz und Liebe den eigenen Weg zu finden. Ich fühle in den Seminaren, wie die Teilnehmer und auch ich gestärkt werden und einen Eindruck von der eigenen Größe erhalten. Während der Ausbildung „Healing Horses“ erfährt der Teilnehmer ein Heilwerden im Sinne von Ganzwerdung an Körper, Seele und Geist. Nach dem der Teilnehmer die in der Ausbildung „Raidho Healing Horses“ beschriebenen Prozesse durchlebt hat und immer wieder auch in der Praxis umsetzt, erlangt er die Befähigung, Menschen auf ihren Weg zu unterstützen und zu begleiten. Der Wert dieser Ausbildung liegt auch darin begründet, dass sie in sieben Stufen mit dazwischenliegenden Pausen, zur Vertiefung und Festigung des Erlernten, absolviert wird. Die sieben Stufen geben die Grundlage, um ohne Angst vor der eigenen Stärke und Größe zu wachsen, das Erlebte in den Alltag einfließen zu lassen und auf diese Weise immer mehr der eignen wahren Bestimmung näherzukommen. Die Ausbildung „Healing Horses“ wurde von mir mit Hilfe meiner Pferde entwickelt und entstand aus der Praxis für die Praxis. Es ist ein Weg, um den Menschen auf ihren Weg der Ganzwerdung im Sinne von Heilwerden zu unterstützen.

Fotos: Jana Behr, Ollirg, pizuttipics, Shutterstock, VOLODYMYR BURDYAK - Fotolia


Claudia Ortloff Claudia Ortloff
Tierheilpraktikerin und klassische Tierhomöopathin mit Mobiler Praxis in Rudolstadt

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Tätigkeitsschwerpunkte:

  • Klassische Homöopathie
  • Eigenblutbehandlung, Nosodentherapie
  • Behandlung mit Blutegeln
  • Lasertherapie
  • Bach-Blüten-Therapie, Phytotherapie
  • Ernährungsberatung, Sterbebegleitung
  • Dozentin beim 19. Tierheilpraktikerkongress in Hannover
  • Mitglied im Fachbeirat und Autorin der Fachzeitschrift „Grooming“

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