Dingos - Erfahrungswoche auf der Eberhard Trumler Station

Auf den grünen Hügeln des nördlichen Westerwaldes liegt die haustierbiologische Eberhard Trumler Station, die als Geheimtipp für alle Tier- und Naturliebhaber, vor allem aber für diejenigen, die sich mit Hunden beschäftigen, wahrgenommen werden kann. Dort leben verschiedene Tiere: Esel, Marderhunde, Bengalkatzen, Füchse und Dingos, die diese Station so einzigartig und einmalig machen. Sehen kann man hier New Guinea Dingos sowie Australische Berg- und Flachland  Dingos. Die in der Station gehaltenen Hunde leben alle in großzügigen Gehegen in Familiengruppen eines Hundetyps.  Kein Hund wurde erzogen oder durch den Menschen beeinflusst, obwohl in einigen Gehegen die Tiere sehr gut auf Menschen sozialisiert sind und sich nicht weniger als unsere Haushunde über einen Besuch freuen: Sie lassen sich gerne  streicheln und versuchen immer wieder die Hände (und alles, was sie sonst noch erwischen) abzulecken. Nicht viele Menschen können von sich behaupten, mit echten Dingos geschmust und gespielt zu haben. Jedoch war nicht dieses exotische Erlebnis alleine dafür ursächlich, mich auf das Abenteuer, 2 Wochen unter Dingos zu leben, einzulassen.

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Die wahre Natur des Hundes

Als Hundetrainer und Tierpsychologe bin ich bestrebt, die wahre Natur des Hundes zu ergründen und zu begreifen. Die wahre Natur, die unabhängig von Rasse, Abstammung, Erziehung oder Erfahrung allen Hunden gleich ist: Der Wesenskern, der sich trotz aller äußeren Einflüsse und individuellen Unterschiede bewährt und sich entgegen jahrtausendelanger menschlicher Selektion nicht geändert hat. Das, was einen Hund erst zum Hund macht, oder anders ausgedrückt, was einen Hund ausmacht.

Aber wie kann man herausfinden, welches Verhalten der wahren Natur des Hundes entspricht und welches die Hunde durch kulturelle Einwirkung des Menschen zeigen? Die Erkenntnisse der Beobachtungen und Erfahrungen mit einem Hund kann man nicht direkt auf einen anderen Hund übertragen, weil sie u.a. durch die individuelle Entwicklung (Ontogenese) beeinflusst sein könnten und daher nicht für alle Hunde repräsentierbar sind. Auch rassenspezifische Merkmale haben geringeren praktischen Wert, wenn man mit verschiedenen Rassen und Mischlingen arbeitet. Die Hunde eignen sich also paradoxerweise nicht optimal, um über sie allgemeingültige Erkenntnisse zu gewinnen – zu gravierend sind die individuellen Unterschiede zwischen ihnen.

Der Vergleich zum Wolf

Fotos: © HerzhovDer Wolf als Forschungsobjekt eignet sich dafür auch nur bedingt, obwohl viele wissenschaftliche Studien mit Wölfen durchgeführt werden, deren Ergebnisse sich aber nicht ohne Weiteres auf den Hund übertragen lassen. Dafür ist die durch den jahrtausendelangen Domestikationsprozess entstandene Kluft zwischen dem Hund und seinem Urvater Wolf viel zu groß. Natürlich gibt es viele Parallelen bei Haushunden und ihrem wilden Ursprung, aber die Unterschiede sind nicht zu unterschätzen, die sich sowohl im Verhalten (hündische Zahmheit und wölfische Scheu), in der Anatomie (geringeres Hirnvolumen des Hundes im Vergleich zum Wolf) als auch in der Physiologie (z.B. die bessere Kohlenhydratverträglichkeit des Hundes) bemerkbar machen.
Es stellt sich also die Frage, wer sich als Forschungsobjekt am besten eignet, um unverfälschte typ- und rassenübergreifende Erkenntnisse über Hunde zu gewinnen.

Hier kommen die Dingos ins Spiel

Dingos sind Hunde, die von allen Hunden dem Wolf am nächsten stehen. Sie sind quasi ein Rückblick in die Vergangenheit, als Wölfe am Ende der letzten Eiszeit gerade erst zu Haushunden geworden sind. Sie zeigen noch wölfisches Heulen und die Weibchen sind nur einmal, also nicht wie unsere Hündinnen zweimal, im Jahr läufig. Sie werden oft als primitive Hunde bezeichnet, was aber auf den Grad der Domestikation zurückzuführen ist, nicht auf ihre Fähigkeiten, denn Dingos sind äußerst clever, können als Jäger organisiert jagen und kommen wunderbar ohne den Menschen zurecht. Zusammenfassend kann man sagen, dass Dingos keine Wölfe, sondern echte Hunde sind und vom Menschen weder manipuliert noch auf irgendeine andere Weise beeinflusst wurden. Deswegen zeigen sie ein noch entsprechend der hündischen Natur unverfälschtes ursprüngliches Verhalten. Aus den Beobachtungen der Dingos können wir die Erkenntnisse gewinnen, die uns helfen, unsere Hunde und ihre wahre Natur besser zu verstehen.

THP 4 19 gross Page20 Image1Eberhard Trumler

Der berühmte Hundeforscher und Buchautor Eberhard Trumler ist der Begründer dieser Station, die nach seinem Tod nun seinen Namen trägt. Er hat im Buch „Meine wilden Freunde“ geschrieben: „Das Studium der Wildhunde – oder besser: der nicht vom Menschen umgezüchteten Naturhunde – ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass wir dem ältesten und bedeutendsten Gefährten des Menschen das danken können, was er uns gegeben hat und uns heute noch gibt. Wir müssen sein ursprüngliches Wesen genau ergründen, um ihm gerecht zu werden.“

Dafür ist u.a. die international anerkannte Eberhard Trumler Station da, um die vergleichbaren Bedingungen für systematische Hundebeobachtung zu schaffen. Hier soll das natürliche Hundeverhalten erforscht werden. Die Station stellt deswegen grundsätzlich andere Bedingungen her, als man sie in Hundeschulen oder auf Hundewiesen vorfinden kann. Unterschiedliche Prä- gung und Sozialisation der Tiere sollen ausgeblendet und gleiche Bedingungen hergestellt werden. Von den Fütterungen abgesehen, leben die wilden Hunde dort ohne Eingriffe durch den Menschen unter möglichst naturnahen Bedingungen. Unter diesen zeigt sich eine Verhaltensvielfalt, die man sehr gut zuordnen kann: u.a. angeborene Unterschiede im Hundeverhalten, die auf die jahrhunderte- bzw. jahrtausendealte Auslese zurückzuführen sind. Durch Vergleiche im Verhalten von wilden Hunden und unseren vierbeinigen Familienmitgliedern kann man z.B. unterscheiden, ob ein bestimmtes Verhalten angeboren ist oder durch Umweltbedingungen geschaffen wurde. Deswegen habe ich mich auf das Abenteuer, längere Zeit die Dingos zu beobachten, eingelassen. Bücher über tierisches Verhalten zu lesen ist das eine, aber Tiere hautnah selbst zu erleben und eigene Erkenntnisse durch empirische Forschung zu gewinnen, ist etwas ganz anderes.
Allerdings erlebe ich nun einen Nachteil, den ich zuvor nicht bedachte: Ich vermisse die Dingos wirklich sehr.

LAN HERZHOV LAN HERZHOV

HEILPRAKTIKER FÜR  PSYCHOTHERAPIE
HUNDETRAINER
TIERPSYCHOLOGE

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