Kissing Spines beim Pferd – Teil 3

Foto: © VICUSCHKAl -– Adobe, Kaulitzki – AdobeAlternative Behandlungsmöglichkeiten Homöopathie, Futter & Co.

In der Naturheilkunde wird nicht das Symptom behandelt bzw. ausgeschaltet, sondern der Ursprung therapiert. Viele Krankheitsbilder weisen auf nicht immer naheliegende Defizite im Körper hin. Daher ist eine genaue Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln notwendig, um die Auswahl von z.B. passenden Konstitutionsmitteln einzugrenzen oder zu definieren. Hierbei müssen viele Kleinigkeiten Beachtung finden. Was dem einen gut tut, muss nicht zwangsläufig bei einem ähnlich verlaufenden Krankheitsbild eines anderen Tieres genauso passend sein. Manchmal hilft auch einfach Geduld und die Reaktion des Patienten auf die ausgewählten homöopathischen Mittel abzuwarten. Sicherlich gibt es „AllroundMittel“, wie sie jeder kennt und die in jeder Handtasche einer Mutter zu finden sind. Arnika-Globuli gelten als das Wundermittel bei Hämatomen oder kleineren Verletzungen jeglicher Art. Aber bei tiefer liegenden oder längerfristig entstandenen Veränderungen im Körper, wie z.B. Kissing Spines (KS), sind diese goldenen Helfer nicht ausreichend.

Foto: © VICUSCHKAl -– Adobe, Kaulitzki – AdobeEin Augenmerk, das bei jeder im Körper stattfindenden Entzündung Beachtung finden sollte, ist die Mitbehandlung von Milz und Leber. Auch bei KS reagieren die regionären Lymphknoten auf den Entzündungsprozess an der WBS. Leider werden nicht alle Erreger in der Leber gesammelt und phagozytiert, und gelangen somit ins Blut. Die Laborwerte des Blutes sind sehr hilfreich und hinweisgebend. Eine Erhöhung der Muskelenzymwerte (CK- und LDH-Wert) sind oftmals ein Richtungspfeil für eine schmerzbedingte Schonhaltung, die zum Abbau der notwendigen Muskulatur beiträgt. Meist führt dieser Prozess zu einer Abwehrtätigkeit in Form einer Überbelastung von Milz und Leber. Die gesammelten Toxine sollten daher dringend berücksichtigt und möglichst kurzfristig ausgeleitet werden. Auch das Allgemeinbefinden sowie das Immunsystem müssen stabilisiert und wieder aufgebaut werden. Diese nicht unwesentliche Unterstützung kann mittels homöopathischer Therapeutika oder mit Futterzusätzen erreicht werden, die in der Phytotherapie ihre Wurzeln haben. Sicher gibt es schon bewährte Mittel, die ihren Erfolg bei dieser begleitenden Therapie unter Beweis gestellt haben, ich möchte mich aber auf kein Bestimmtes festlegen, ohne mir vorab ein Bild vom erkrankten Tier gemacht zu haben. Gerade in der Wahl homöopathischer Mittel sind viele wichtige Eckdaten und Einzelheiten der Symptome zu beachten, um jedem Individuum das passende Konstitutionsmittel herauszusuchen und zu verabreichen.

Komplexmittel wie z.B. „Nehls Vet Komplex Nr. 2 Muskelstark“ werden als sehr effektiv angepriesen. Wobei dies nur als eines unter vielen möglichen zu erwähnen ist. Kalzium, Phosphor, Teufelskralle und Schwefel sind weitere gute Substanzen, die schmerzstillende und/oder entzündungshemmende Wirkungen und somit hervorragende Ergebnisse erzielt haben. „Hekla Lava“ ist ein Homöopathikum, das gerne bei Knochenverletzungen oder knöchernen, schmerzhaften Zubildungen angewendet wird. Aber auch hier gilt es, das Gesamtbild zu betrachten und nicht einfach ein Mittel zu wählen, das in das Bild der Indikation passt. „Globuli“ sind Milchzuckertabletten (Kügelchen), die es in verschiedenen Potenzen gibt und passend in Menge und zeitlicher Gabe vorab definiert werden müssen. Eine ausführliche Beratung und Hilfestellung bei der Auswahl sollte jeder gute Tierheilpraktiker (THP) Ihres Vertrauens geben.

Generell ist der Futterplan wichtiger Bestandteil des Therapieplanes. Eine ausgewogene Ernährung, ein bestmöglich abgestimmtes Protein-/Mineralstoffverhältnis ist die Grundlage zu Beginn einer Behandlung. Vitamin E sowie Selen-/ Magnesiumgaben sind von großem Vorteil, sie sorgen für einen optimalen Muskelstoffwechsel und schützen die Muskelzellen vor Schadstoffen. Auch eine prophylaktische Gabe kann sinnvoll sein. Trotzdem sollte man dies nicht unüberlegt anwenden, da ein Überschuss an Selen auch negative Auswirkungen haben könnte (Kronrandentzündung oder stumpfes Fell). Ein evtl. vorliegender Mangel sollte vorab zwingend abgeklärt werden. Auch diese Werte können u.a. im Blutbild Aufschluss geben, was der Körper weiterhin braucht, um die Selbstheilung zu fördern und/oder in Gang zu setzen.

Unterstützung der Heilung

THP 4 19 gross Page16 Image1Sobald Haltung und Fütterung optimiert wurden, sollten weitere Schritte zu einer geeigneten Therapie folgen. Zusätzlich zu den nachfolgenden Möglichkeiten steht und fällt jeder Behandlungsansatz mit dem jeweiligen Training. Absolut oberste Priorität sollte im Muskelaufbau – besonders Bauch- und Rückenmuskulatur – liegen. Die tägliche Bewegung gekoppelt mit zielgerichtetem Training ist nicht nur für den Aufbau, sondern auch für den Muskelerhalt im Anschluss von immenser Wichtigkeit.

Zu Beginn ist Bodenarbeit sinnvoll, damit das Pferd wieder lernt, locker im Rücken ohne das zusätzliche Reitergewicht zu gehen, und vor allem in seiner eigenen Balance lernt, sich selber zu tragen und schmerzfrei die Bewegungsabläufe zu absolvieren. Es gibt unzählige Möglichkeiten, das Training zu gestalten – vom „einfachen“ Longieren bis hin zur Stangenund/oder Cavaletti-Arbeit. Auch kleine Sprünge sind gut geeignet, um die WBS zu strecken und die Schwungentwicklung der Hinterhand zu aktivieren. Ein spezieller Trainingsplan wäre vorteilhaft. Dieser sollte nach Möglichkeit mit dem behandelnden Tierarzt oder dem jeweilig beteiligten Therapeuten aufgestellt und an die gesundheitlichen Möglichkeiten des Pferdes angepasst werden.

Apropos Therapeuten, sie unterstützen und begünstigen jede Behandlung. Physiotherapeuten oder Osteopathen können eine Menge zum Wohlbefinden des Pferdes beisteuern und Blockaden – nicht nur in der WBS – entfernen. Die Widerherstellung normaler Gelenkbeweglichkeit, Nervenreflexe stimulieren, Reduktion von Schmerzen sowie erhöhten Muskeltonus und die damit verbundene optimale Belastbarkeit zu erreichen, sollte das Ziel eines jeden Therapeuten sein. Die Pferde können sich im Anschluss der Behandlung oftmals wesentlich besser, freier und geschmeidiger bewegen. Dazu können die Therapeuten, die in regelmäßigen Abständen die Pferde behandeln und mobilisieren, dem Besitzer noch nützliche Hausaufgaben zum abgestimmten Trainingsplan mitgeben. Dies sind häufig einfache Handgriffe oder kleine Tricks wie eine Möhre in Höhe des Rippenbogens anbieten oder den Rücken mit verschiedenen Techniken aufwölben lassen. Warnen möchte ich als ausgebildete Pferde-Osteopathin an dieser Stelle ausdrücklich davor, beobachtete Handlungen nachzuahmen! Dies kann fatale Folgen nach sich ziehen oder zusätzliche Blockaden hervorrufen und das ganze Muskelsystem kippen. Daher gehört dieser Bereich definitiv in erfahrene Therapeutenhände, um die Grundmobilität unterstützend herzustellen und langfristig zu erhalten.

Manche Therapeuten bieten zusätzlich Akupunktur oder Akupressur an, die ebenfalls je nach Pferd und Situation nützlich sein können. Als sehr hilfreich bei KS gilt der Einsatz von Blutegeln – auch „Hirudo medicinalis“ genannt. Ein bis dato noch nicht ganz erforschter Medizincocktail mit über 40 Inhaltsstoffen wird mit dem Speichel des Egels unmittelbar nach dem Festbeißen übertragen (u.a. gerinnungshemmende wie Hirudin und Calin), darüber hinaus werden lokal gefäßerweiternde histamin-ähnliche Bestandteile, entkrampfende sowie entzündungshemmende wie Hyaluronidase, und schmerzlindernde Substanzen bei diesem Vorgang freigesetzt.

Sobald der Egel seine „Arbeit“ beendet hat und „satt“ ist, löst oder fällt er nach 20 – 30 Minuten von alleine ab. Die (Biss-) Wunde blutet noch bis zu 12 Stunden nach, desinfiziert sich dabei selber und schwemmt noch weitere Giftstoffe heraus, die durch den angeregten Blutfluss im angrenzenden Bereich in Gang gebracht wurden. Lymphstrom-beschleunigende sowie immunisierende Eigenschaften werden den fleißigen Helfern ebenfalls zugesagt und finden daher nicht nur bei KS ihren erfolgreichen Einsatz.

Gegen Störungen des Bewegungssystems im Allgemeinen wird auch die Matrix-Rhythmus-Therapie hoch angepriesen. Gerade Verspannungen und Verkürzungen im Rücken- und Halsbereich des Muskelsystems bei KS-Pferden sind ein großes Problem und rufen oft neben der veränderten knö- chernen Struktur die Schmerzsymptomatik hervor. Diese Art der Therapie erzeugt mit Hilfe eines speziellen Gerätes mechanische Schwingungen analog der körpereigenen und regt damit die Muskulatur und das Nervensystem sanft an. Stoffwechselprozesse und somit Heilung und Regeneration der betroffenen Zellumgebung werden zeitnah eingeleitet. Schmerzhafte Störungen oder Stauungen, die sich in Muskeln, Knorpeln, Gefäßen, Nerven- und Knochengewebe befinden, werden durch die Eigenrhythmik des Organismus angeregt und verarbeitet. Ich persönlich bin von dieser Art der Therapie und ihren Erfolgen beeindruckt und würde sie auch unbedingt im komplexen Behandlungsplan unterstützend einbauen.

Viele Probanden aus der Humanmedizin berichten über eine unmittelbare Lockerung des gesamten Bewegungsapparates sowie ein Wohlbefinden und Ausgeglichenheit. Daher kann ich diese Therapieform nicht nur zur Behandlung, sondern auch als Präventionsmaßnahme jedem ans Herz legen.

Verspannte Muskeln können mit Massagen gelöst und blockierte Gelenke wieder in ihre Ursprungsstellung gebracht werden, jedoch auf Dauer kann nur ein geeignetes Training und vor allem richtiges Reiten dem Gewicht des Reiters über Jahre standhalten.

Zentrales Thema: Der Trainingsplan

Sobald das Pferd sich wieder relativ schmerzfrei zeigt, sollte so schnell wie möglich ein Trainingsplan mit dem behandelnden Therapeuten ausgearbeitet werden, um die Muskulatur zu stärken oder gezielt aufzubauen. Die Grundlagen des Lösens und des frei schwingenden Rückens beginnt an der Hand bzw. beim korrekten Longieren. Hierbei können viele Fehler gemacht und somit weitere unnötige Problematiken auftreten. Ein geeigneter Trainer sollte den gezielten Muskelaufbau erläutern können und entsprechend Anweisungen oder Anhaltspunkte beim Longieren geben. Erste Lektionen wie Schenkelweichen, Halten und Rückwärtsrichten können Abwechslung bringen und dabei helfen, die Muskeln zu lockern. Bevorzugt sollte das Pferd – egal ob krank oder gesund – lernen, sich in der Dehnungshaltung fortzubewegen. Dabei sollte sich der Rücken aufwölben. Das vom Genick über den Hals und den ganzen Rücken verlaufende Nackenband zieht die Wirbel und Dornfortsätze dabei auseinander. Durch die Verkürzung des Abstandes zwischen Hüft- und Schultergelenk hebt sich die Knochenkette der WBS an, der Rücken wölbt sich auf und kann das Reitergewicht tragen, ohne Schaden zu nehmen.

Wenn die Grundlagen erfolgreich vom Boden aus trainiert wurden und ein Muskelaufbau ersichtlich ist, kann ein gut ausbalancierter Reiter verschiedene Bewegungsabläufe auch aus dem Sattel abrufen. Gewichtsverteilung ist elementar für gesundes Reiten. Daher ist ein von der Hand unabhängiger Sitz des Reiters die Grundvoraussetzung dafür. Sitzkorrekturen sollten in regelmäßigen Abständen erfolgen, um hier eine weitere Hilfestellung dem Pferd gegen- über gewährleisten zu können.

Bei vielen Pferden hat sich im Trainingsplan auch die Galopparbeit positiv zum Lösen gezeigt, da es im Galopp nur einen langsamen Flexions-Extensionszyklus pro Galoppsprung gibt, im Gegensatz zum Trab, wo zwei passive Flexion-Extensionsbewegungen pro Trabschritt stattfinden. Allerdings sollte auch hier auf die aktive Hinterhand geachtet werden, um das Pferd dabei nicht „auseinanderfallen“ zu lassen und genügend Spannung aufzubauen. Auch Tempowechsel mit vielen Übergängen sowie Seitengänge (Traversalen, Schulterherein etc.) sollten ebenfalls Bestandteil des Trainings sein.

Was ganz wichtig ist und leider mittlerweile nur noch selten korrekt praktiziert wird, ist das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen. Hierbei kommt das Pferd in eine Dehnungshaltung, wobei es den Kopf lang und tief nach vorne streckt, dabei mit aktivem Hinterbein unter den Schwerpunkt tritt. Der Rücken kommt zum Schwingen, wozu „Der Rücken ist hergegeben“ gesagt wird. Mit dieser Übung, auch „kurze Entspannungszeit“ genannt, werden alle Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke im Pferdekörper korrekt belastet. Verspannungen werden gelöst sowie eine innere und äußere Losgelassenheit erreicht. In der anfänglichen Lösungsphase, als abschließendes Trainingsmerkmal, aber auch zwischendurch sollte diese Lektion in allen 3 Grundgangarten ausgeführt werden. Man muss nicht unendlich viele Lektionen beherrschen oder reiten können, um Rückprobleme beim Pferd zu vermeiden. Auf ein gutes und ausgewogenes Zwischenspiel kommt es an, egal ob vom Boden oder aus dem Sattel heraus.

Schmerzfreiheit ist stets das oberste Ziel – egal welche Therapieform gewählt wird. Auch ein Pferd mit Kissing Spines kann weiterhin, sogar auch erfolgreich im Reitsport, mit entsprechendem Training geritten werden! Man sollte sich nicht entmutigen lassen, sondern auch mal über den Tellerrand schauen und sich nach Alternativen umgucken, die für einen selber und vor allem für das Pferd erfolgversprechend und zielführend sind. Unzählige Wege führen bekanntlich nach Rom und alternative Heilungsmethoden sind nicht nur unterstützend bei diesem Krankheitsbild, sondern geben u.a. eine Hilfestellung zur Selbsthilfe.

Sicherlich gibt es noch weitere Möglichkeiten, auf die ich nicht eingegangen bin, aber wie schon erwähnt ist jedes Individuum separat zu betrachten und das Richtige dafür herauszufiltern, um eine passende Unterstützung gewährleisten zu können. Bei keiner Krankheit gibt es das einzig wahre Wundermittel.

ROSA-MARINA SINZIGROSA-MARINA SINZIG

PFERDEOSTEOPATHIN
TIERHEILPRAKTIKERIN

TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE

  • Matrix-Rhythmustherapie
  • Blutegeltherapie
  • Klassische Homöopathie
  • Kinesiologie (human/vet)

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