Verhaltensauffälligkeiten beim Hund

Fotos: © benevolente – AdobeStändig sprang sie auf, lief umher, blieb stehen, hörte um sich herum, um dann wieder von der Terrasse aus quer durch  den Garten zu laufen und wieder zurück zu uns. Das machte Sina, eine Malinois-Mix-Hündin, nicht nur einmal, sondern  den ganzen Tag. In den paar Minuten, in denen sie erschöpft liegen blieb, lag sie auch nicht in einer entspannten Haltung,  nein, sie war auf dem Sprung. Klapperte es beim Nachbarn, bellte Sina los und rannte zum Zaun, um an diesem hochzuspringen und hochfrequent, aufgeregt und elendig nervig zu bellen. Sina ist jetzt 2 Jahre alt und hat nach Angaben ihrer  Besitzer noch nie richtig geschlafen. Sie lag nie auf der Seite oder eingerollt, sie war immer auf dem Sprung. Träumen und  im Schlaf laufen etc. – das hatte sie noch nie gemacht. Jeder Besucher, der das Haus betrat, wurde angebellt. Anfassen  war auch nicht erlaubt, Sina schnappte gleich nach dem Hosenbein oder versuchte den Besuch zu maßregeln. Jede Fahrt  in den Wald, um einen schönen Spaziergang zu machen, war ein Fiasko. Während der Fahrt bellte Sina unaufhörlich. Das  Warten, bis sie endlich aus dem Auto konnte, machte sie zu einem lauten Ereignis. Beim Spaziergang zerrte sie an der Leine und lief immer aufgeregt von einer Seite zur anderen. In Ruhe an einer Stelle schnüffeln konnte sie nicht. An Konzentration und Entspannung durch Stresslaufen oder Arbeiten war nicht zu denken. Man könnte jetzt meinen, dass wir von einem komplett unerzogenen Hund reden. Dem ist aber nicht so. Sina kann Sitz, Platz und Bleib und hört auf ihren Namen.  Auch lässt sie sich an guten Tagen jederzeit abrufen.

Was ist also los mit Sina?

THP 4 19 gross Page10 Image2Solche Fälle, wie hier beschrieben, begegnen uns in unserer Praxis für Verhaltensmedizin mittlerweile sehr häufig. Wir beurteilen Verhaltensauffälligkeiten nicht nur nach dem faktischen Verhalten, sondern denken dabei auch an endokrinologische oder somatische Erkrankungen. Als Verhaltensstörungen bezeichnen wir alle von der „Norm“ abweichenden Verhaltensweisen.
Einen Hund wie Sina, der sich so unkonzentriert und aufgeschreckt verhält, zu einer Verhaltensänderung aufzufordern, ist eine nicht einfache Sache. Das Verhalten ist sehr komplex. Den richtigen Reizauslöser zu finden ist wie das Suchen nach der Nadel im Heuhaufen. Hier mit Unterordnung oder einem zwanghaften Hilfsmittel den Hund ruhigstellen zu wollen, ist fehl am Platz und macht das Ganze für den Hund nur noch schlimmer. Man sollte sich vielmehr die Frage stellen, ob der Hund einfach nur unkonzentriert ist, Angst hat oder es sich um einen sehr unsicheren Hund handelt, der hinter allem und jedem einen Angriff auf sein Leben sieht. Dazu müssen dann aber auch andere Verhaltensauffälligkeiten passen, wie z.B. unkontrolliertes Urinieren, sich wegducken, nicht angefasst werden wollen, Abwehrreaktionen wie Bellen oder Schnappen etc.

THP 4 19 gross Page10 Image3Somatische Erkrankungen

Treffen die klassischen Verhaltensweisen nicht zu und sind keine direkten Reizauslöser für das vorliegende Verhalten zu finden, sollte man an eine organische Erkrankung denken. Hunde unterliegen so vielen Restriktionen, dass sie sich oft gar nicht mehr hündisch verhalten können. Oder sie sind überzüchtet bzw. gehen aus einem zu hohen Anteil von Inzucht hervor, was zu hereditären Erkrankungen führen kann, denen man auf den Grund gehen muss.

DAS VORLIEGEN EINER ORGANISCHEN URSACHE IST  WAHRSCHEINLICH, WENN

  • plötzlich eine schwerwiegende Verhaltensänderung eintritt
  • das Tier sich in völlig gleichen Situationen mal ängstlich und mal ruhig verhält
  • keine äußeren Einflüsse für das Verhalten erkennbar sind (Anamnese!)
  • das Tier bei Berührung ängstlich reagiert, obwohl das vorher unproblematisch war
  • das Tier bekanntermaßen unter einer schmerzhaften Erkrankung leidet
  • schwerwiegende psychische Störungen vorliegen, die vom Normverhalten abweichen

Erkrankungen der Augen und des Gehörs sollten ebenfalls abgeklärt werden, denn liegen z.B. degenerativ bedingte Erkrankungen vor, können diese ein Angstverhalten und Unkonzentriertheit forcieren. Auch können bestimmte Verhaltensmerkmale auf eine toxisch bedingte Erkrankung durch Schwermetalle im Trinkwasser oder eine Mangelernährung im Bereich der Serotonine hindeuten.

Fotos: © AdobeDie Schilddrüsendysfunktion

Die Schilddrüse kann bei bestimmten Verhaltensauffälligkeiten ein wichtiger Faktor sein. Beim Hund arbeitet das endokrine System eng mit dem Nervensystem zusammen. Bestimmte Verhaltensmuster des Hundes können durch die aus der Schilddrüse freigesetzten Hormone beeinflusst werden. Schilddrüsenhormone wirken auf Stoffwechselvorgänge und die Konzentration der Neurotransmitter Dopamin, Serotonin sowie Noradrenalin ein. Die motorische Koordination, die Aufmerksamkeit, die Konzentrationsfähigkeit sowie die Reaktionszeit des Hundes werden durch Dopamin beeinflusst. Ein Mangel dieses Transmitters verringert die Lernfähigkeit und reduziert die Endorphinausschüttung. Um Wut, Aggression und Hemmungen zu steuern, benötigt der Hund Serotonin im Gehirn. Ein Defizit des Serotoninhaushaltes verstärkt aggressives und impulsives Verhalten. Der dabei auftretende Noradrenalin-Mangel äußert sich schnell in Depression und Lethargie. Gesteigerte Reizbarkeit, impulsives und wirres Verhalten sowie eine erhöhte Aggressionsbereitschaft sind das Ergebnis einer erhöhten Noradrenalin-Konzentration. Dabei wird die kognitive Leistung des Hundes gehemmt. Das Abrufen von Lernerfahrungen, die Impulskontrolle und die Reaktionshemmung sind ebenfalls betroffen. Das Erlernen neuer Verhaltensmuster und das Behalten positiver Lernergebnisse werden nur schwer oder gar nicht aufgenommen und schnell wieder verlernt.

MERKMALE EINER SCHILDDRÜSENDYSFUNKTION

  • Nervosität in neuen Situationen
  • Launenhaftigkeit
  • Unberechenbares Temperament
  • Perioden der Hyperaktivität
  • Desorientiertheit
  • Unterwürfigkeit
  • Passivität
  • Schreckhaftigkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Leistungsstörungen
  • Probleme bei bereits beherrschten Übungen
  • schlechtes Erlernen neuer Kommandos
  • zwanghaftes Verhalten/Stereotypien
  • plötzliche Epilepsie im Erwachsenenalter
  • Depression
  • allgemeine und spezifische Ängste
  • unprovozierte Aggression gegenüber anderen Tieren und/oder Menschen

Unterschieden werden muss zwischen Schilddrüsenüberfunktion und Schilddrüsenunterfunktion. Die Überfunktion tritt vorwiegend bei Katzen, die Unterfunktion überwiegend bei Hunden auf. Da die Stoffwechsellage eng an die Schilddrüse gekoppelt ist, neigen Tiere mit Überfunktion zur Hyperaktivität und nehmen trotz guten Appetits nicht an Gewicht zu, während Tiere mit Unterfunktion in ihrem Verhalten stark reduziert sind, viel schlafen und deutlich an Gewicht zunehmen.

Fotos: © AdobeStress als Faktor für eine Schilddrüsenstörung

In der heutigen Zeit haben viel zu viele Hunde Stress. Dieser Stress wird jedoch nicht durch den Hund erzeugt. Es sind die Halter, die den Hund in diese missliche Lage bringen. Der Terminkalender mancher Hunde ist voll bis oben hin, er wird mit so vielen Dingen und Entscheidungen alleine gelassen und ist total überfordert. Klassische Stressauslöser sind Wohnsituationen, denen der Hund schutzlos ausgeliefert ist: Großstadtlärm, Flughafenlärm, Kindergeschrei etc. Kinderreiche Familien sind für unsichere Hunde und Hunde mit niedriger Frustationstoleranz entsprechende Stressfallen. Ist der Hund auch noch deprivationsarm und ohne ausreichende Sozialisierung aufgewachsen und muss gegen seinen Willen in einer Mehrhundehaltung leben, geht der Stress ins Unermessliche.

Durch diese stressauslösenden Faktoren kann die Schilddrüse in der Ausübung ihrer Tätigkeit beeinträchtigt werden. Stress stimuliert die Synthese von Kortisol aus der Nebenniere. Ist ein Hund dauerhaftem Stress ausgesetzt und findet keine Strategie, wie er diesen Situationen entweichen kann, bewirkt dies einen erhöhten Kortisolspiegel, der wiederum dazu führt, dass der Hypothalamus und die Hypophyse bei ihrer übrigen Arbeit wie der Steuerung der Schilddrüsenhormone über die Hypothalamus-Hypophysen-SchilddrüsenAchse behindert werden. Das bedeutet, dass eine Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse auch die Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen kann.

Die Schilddrüse bildet zu 93 Prozent eine inaktive Form des Schilddrüsenhormons T4 (Thyroxin). Dieses muss zunächst in T3 (Trijodthyroxin) umgewandelt werden, bevor es in den Zellen wirksam werden kann. Langzeitstress und die dadurch erhöhten Kortisolwerte im Blut verringern die Fähigkeit der Leber, überschüssige Östrogene aus dem Blut zu entfernen. Durch einen erhöhten Blutöstrogenspiegel steigt die Konzentration an Schilddrüsenbindungsglobulin (TBG). TBG sind Transportproteine, die Schilddrüsenhormone im Blut transportieren. T3 und T4 müssen sich von diesem Transportprotein lösen, um als freies T4 und freies T3 die Rezeptoren aktivieren zu können. Bei hohen TBGWerten sinkt der Anteil freier Schilddrüsenhormone (T3 und T4) im Blut und führt langfristig zur Schilddrüsenhyperthyreose (Überfunktion).

Die Experten sind sich jedoch uneins, ob es mit einer Abweichung des Wirkmechanismus der Schilddrüsenhormone T3 und T4 auch zu kognitiven oder ähnlichen psychosomatischen Störungen kommen kann. Das Erkennen und Finden des Auslösers ist nur mit einer ausreichenden Anamnese und organischen Untersuchung sowie „um die Ecke denken“ zu erreichen.
Es ist nicht die Regel, dass eine Verhaltensauffälligkeit mit nur einer Ursache in Zusammenhang zu bringen ist und durch klassisches Hundetraining oder einen verhaltenstherapeutischen Maßnahmenkatalog behoben werden kann. Verhalten ist so komplex, dass es von vielen internen und externen Faktoren sowie organischen Erkrankungen abhängt.

Die Diagnostik von Verhaltensauffälligkeiten geht häufig mit einer erschwerten Ursachenfindung einher. Nur selten kann sie auf einen einzelnen Auslöser zurückgeführt werden. Eine Reihe externer Faktoren und organischer Erkrankungen kann das Verhalten eines Hundes verändern. Verhaltensauffälligkeiten sind als mehrgründige Symptomatik zu sehen. Wichtig ist auf jeden Fall, einen Tierarzt, Tierheilpraktiker und/oder Verhaltenstherapeuten mit entsprechender Erfahrung aufzusuchen, wenn ein Hund ein auffälliges Verhalten zeigt, bevor versucht wird, eine Verhaltenskorrektur vorzunehmen, die dem Hund sein Leben eventuell noch schwerer macht. Für jedes Verhaltensmuster gibt es eine Ursache, und diese zu finden, ist das A und O für den therapeutischen Ansatz.

JOE RAHN JOE RAHN

TIERPSYCHOLOGE
HUNDEVERHALTENSTHERAPEUT
ERNÄHRUNGSBERATER

TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE

  • Psychosomatische Erkrankungen von Hunden und Katzen
  • Hundeverhaltenstherapie
  • Ernährungsberatung/Diätetik

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