Das innere Körpermillieu: Darmgesundheit und Selbstheilungskräfte

Wie beeinflusst es Pferdegesundheit und Selbstheilungskräfte?

Foto: Christiane SlawikWas hält ein Pferd gesund und vital, was macht es anfällig und schwach? Tierarzt Dr. Hans Martin Steingassner erklärt im Interview, wie groß die Bedeutung des Körpermilieus für das Pferd ist und welche  dramatischen Folgen ein langfristig schlechtes Körpermilieu haben kann.

Was ist das innere Körpermilieu?

Man kann sich das Innere des Pferdekörpers als eine Arbeitsgemeinschaft im Auftrag der Gesundheit vorstellen, in der jedes Organ und jede Zelle lebenswichtige Aufgaben übernimmt. Das Körpermilieu ist die Grundstimmung, die in einem starken Maße beeinflusst, ob und mit wie viel Kraft und Eifer die einzelnen Mitglieder dieser Arbeitsgemeinschaft ihre Arbeit verrichten. Das innere Milieu im Organismus unseres Pferdes entscheidet somit stark über Wohlbefinden und intakte Selbstheilungskräfte. Nur in einem gesunden Milieu sind Wachstum, Entwicklung und Leistung mit Lebensfreude möglich. Als konkretes Beispiel kann man das Darmmilieu nehmen: Dort gibt es in etwa zehnmal so viele Bakterienarten, wie der gesamte Körper Zellen aufweist. 80 Prozent aller Lymphknoten sitzen im Darm, und 90 Prozent aller Immunzellen werden dort gebildet. Im Darm befinden sich somit 80 Prozent des Abwehrsystems. Geraten hier die Bakterienstämme in ein Ungleichgewicht, kommt es nicht nur zu Verdauungsbeschwerden, sondern auch zu vermehrten Infekten, Entzündungen oder allgemeiner Schwäche des Pferdes.

THP 4 18 final Page53 Image2THP 4 18 final Page53 Image1Welche Bedeutung hat das Körpermilieu für das gesamte gesundheitliche Gleichgewicht des Pferdekörpers?

Bleiben wir beim Darmmilieu. Hier möchte ich die Punkte Leistung, Bewegungsfreude und Energie hervorheben. Freizeitpferde oder Pferde im Sport sollen genau dann Leistung bringen und gut gelaunt ihre Arbeit tun, wenn ein Ausritt, ein Turnier oder ein bestimmtes Training ansteht. Ein gesundes Darmmilieu entscheidet hier mit über Ausdauer und Arbeitsfreude. Nicht nur, weil ein gesunder Darm meist mit einem gesunden Immunsystem einhergeht. Ein gesunder Darm verbraucht auch weniger Energie, die dem Pferd dann für optimale Leistung, mehr Bewegungsdrang und Vitalität zur Verfügung steht. Den Körper des Pferdes kann man sich im Inneren wie ein Haus vorstellen. Durch unsere heutige Fütterung, Haltung und Stress kann der Organismus überlastet sein. Wenn das Haus verdreckt ist, fehlt die Kraft für Vitalität und Bewegungsfreude. Der Körper verbraucht ständig zu viel Energie.

Wie äußert sich ein schlechtes Körpermilieu beim Pferd?

In vielen Fällen zeigt sich ein schlechtes Körpermilieu auf den ersten Blick. Das Fell der Pferde ist stumpf, die Hufe wachsen kaum, das Horn ist von schlechter Qualität. Bei Pferden mit schlechtem Körpermilieu wiederholen sich häufig Krankheitsbilder wie Koliken, Hautkrankheiten, Mauke oder allergische Erkrankungen der Atemwege. Gelegentlich zeigt sich ein solcher Missstand im Körper allerdings auch in vergleichsweise harmlos daherkommenden Leistungsschwächen oder Auffälligkeiten im Verhalten des Pferdes. Sind Pferde z. B. lustlos im Training und machen auf einmal ständig Fehler, die sonst nie passieren, können dies erste Hinweise sein. Verspannungen im Rü- cken, Hals und Genick des Pferdes werden oft auf einen unpassenden Sattel oder falsches Training geschoben, dabei sind auch hier immer wieder Probleme im Inneren des Körpers die Anfangsursache. Ein weiterer Indikator, an dem Besitzer ein schlechtes Körpermilieu erkennen können, sind die Erholungszeiten. Kommt es nach Krankheit, einem anstrengenden Training oder Turnier zu langwierigen Regenerationszeiten, sollte man aufmerksam werden. Natürlich kann der Regenerationsprozess bei älteren Pferden länger dauern, aber mit einem gesunden Körpermilieu geht es bedeutend schneller.

Was gefährdet die Gesundheit des Körpermilieus?

Die Natur hat mit dem Pferdeorganismus ein großartiges Konstrukt geschaffen. Bei Fohlen kann man das gut beobachten. Fohlen wachsen, gedeihen, lernen und reifen. Das passiert selbstverständlich. Alle Organe funktionieren optimal. Der Körper kann sich regulieren, das Fohlen ist voller Energie und Lebensfreude. Im Laufe seines Lebens passiert dann leider oft Folgendes: Der ursprünglich gesunde Körper wird zunehmend belastet durch äußere Einflüsse. Das sind z. B. Fehler in der Fütterung, eine für das Pferd nicht optimale Haltungsform oder viel Stress. Allerdings muss man auch sagen: Viele Einflüsse, die das Körpermilieu aus dem Gleichgewicht bringen, lassen sich nur schwer verhindern. Umweltbelastungen z. B. liegen außerhalb unseres Einflusses. Im Futter finden sich oft darmbelastende Füllstoffe, Pestizide oder Schimmelsporen, und medikamentöse Behandlungen sind oft absolut notwendig, selbst wenn sie Nebenwirkungen haben. Doch generell lässt sich sagen: Je mehr wir uns von den Naturgesetzen in Haltung und Fütterung entfernen, desto kränker wird das Pferd.

Foto: Christiane SlawikIn welchem Zusammenhang stehen Körpermilieu und schleichende Krankheitsprozesse?

Schleichende Krankheitsprozesse beschreiben einen Zustand, in dem der Organismus immer weniger Kraft hat, sich selbst zu „reparieren“. Nehmen wir wieder als Beispiel den Darm: Sehr viele Krankheiten haben ihren Ursprung in einer Störung dieses wichtigen Organs. Kommen die Darmbakterien nach einer Wurmkur z. B. ins Ungleichgewicht, kann dies das Körpermilieu und das gesamte Immunsystem schwächen und zu gesundheitlichen Problemen führen. Wird nichts getan, können sich aus solchen Missständen in langsamen Prozessen Krankheiten entwickeln. Krankheiten beginnen oft sehr viel früher und langsamer, als man denkt.

Meine Empfehlung an Pferdebesitzer:

Eine chinesische Weisheit sagt, man soll einen Brunnen nicht erst graben, wenn man Durst hat, sondern vorher. Anders ausgedrückt: Man sollte es erst gar nicht so weit kommen lassen, bis das Tier erkrankt. Viel erreichen lässt sich über die Fütterung, dem Schutzschild der Pferdegesundheit! Kommt es mit der richtigen Fütterungszusammenstellung hier zu einer sinnvollen Unterstützung der Organe und Körperfunktionen, kann so das innere Milieu des Pferdes gestärkt werden. Es bleibt in seinem gesunden Gleichgewicht und wird unempfindlicher gegen negative Einflüsse jeglicher Art. Neueste Erkenntnisse zum natürlichen Fressverhalten von Heu haben gezeigt, dass ein Teil der Pferde Minimum 2 kg pro 100 kg Lebendgewicht fraß und bis 3 kg Heu pro 100 kg für viele Pferde der eigentliche Erhaltungsbedarf wäre. Eine optimale Menge an Raufutter wie Heu, Stroh und Gehölz führt zu intakten Selbstheilungskräften und einem langfristig ideal arbeitenden Pferdeorganismus. Ganz so, wie die Natur es sich einmal für das Pferd gedacht hatte. Die Milieufütterung von GladiatorPLUS mit den Fütterungswerkzeugen GladiatorPLUS allein oder in Kombination mit ZELLmilieu2 setze ich in der Praxis gerne ein. Die Milieufütterung ist – neben Grundfutter und individuellem Zusatzfutter – der dritte Fütterungsbaustein für dauerhafte Pferdegesundheit. Der Organismus wird hierdurch optimiert und in die Lage versetzt, sich gezielt selbst zu versorgen.

Im Kern gesund – Der Pferdedarm und seine wichtigen Funktionen

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Im Pferdekörper hat jedes Organ wichtige Aufgaben und Funktionen. Das ge meinsame Arbeitsziel aller Beteiligten lautet: Sich optimal an alle An forderungen anzupassen und Gesundheit und Vitalität zu erhalten! Der Darm ist in diesem großartigen System eine zentrale Schalt stelle. Kommt es hier zu Störungen oder Überlastungen, kann sich das kurzfristig und langfristig negativ auf sehr viele Bereiche des Pferdekörpers auswirken. Doch andererseits bietet sich hier auch eine große Chance. Denn mit Hilfe einer guten Pflege des Darms über die Fütterung lassen sich viele gesundheitliche Probleme von Pferden lösen, die auf den ersten Blick nicht viel mit dem Darm zu tun zu haben scheinen.
Wichtig zu wissen ist außerdem: Der Pferdedarm funk tioniert anders als der menschliche Darm. Unser Darm verfügt über ein automatisches Muskelsystem, die Darmperistaltik, die den Nahrungsbrei durch den Darm transportiert. Der Pferdedarm ist dagegen auf eine Unter stützung durch Bewegung von außen angewiesen. Daher braucht ein Pferd neben der richtigen Fütterung immer auch viel Bewegung, damit der Darm gesund bleiben kann und opti mal funktioniert.

THP 4 18 final Page53 Image3Weitere Expertentipps von Dr. Hans Martin Steingassner finden Sie auf:
www.gladiatorplus.com/steingassner

Fotos: Christiane Slawi