ANAMNESEERHEBUNG: Leitfaden für Tierheilpraktiker – Teil 1

Fotos: © Mojzes – Fotolia

 

Anamnese

Für den Erfolg jeder naturheilkundlichen Behandlung ist es entscheidend, sich ausreichend Zeit für das Tier und seinen Besitzer zu nehmen. Ein vorgegebenes, eingeschränktes Zeitfenster gibt es nicht. In meiner Praxis gebe ich den Tieren zunächst Zeit, anzukommen. Ich lege nicht gleich „Hand an“, sondern beobachte das Tier während meines Erstgespräches mit dem Besitzer.

 

 

Formelles

Beim Erstgespräch mit dem Besitzer sollten folgende Informationen geklärt werden: 

  • Name des Halters mit Adresse und Telefonnummer 
  • Gibt es eine Krankenversicherung für das Tier? 
  • Um was für ein Tier handelt es sich?
    Rasse, Alter, Geschlecht (Nachfrage, ob kastriert oder sterilisiert) 
  • Brandzeichen, Tätowierungen oder Chips – hier genau dokumentieren, wo sich diese am/im Körper befinden. Bei der späteren körperlichen Anamnese diese Stellen auf mögliche Druckdolenz, ungleiche Wärmeverteilung und Fellverlust untersuchen – evtl. Hinweis auf Störungen der Meridiane. 
  • Ist ein Impfpass/Equidenpass vorhanden? 
  • Vorherige Diagnosen und Behandlungen, bisher verabreichte Medikamente inkl. möglicher Nebenwirkungen, letzter Termin beim Hufschmied etc.

Damit es nicht zu abstrakt für den Besitzer wird, sollte er in die AnamneseErhebung miteinbezogen werden. Fragen Sie ihn nach den aktuellen Beschwerden seines Tieres und warum er den Weg zu Ihnen gefunden hat. 

  • In welcher Form äußern sich die Beschwerden? 
  • Was wurde bisher unternommen? 
  • Nimmt das Tier eine Schonhaltung ein oder ist es berührungsempfindlich?

Häusliche Situation

Eruieren Sie auch die häusliche Situation, um mehr zu Haltungsbedingungen und der täglichen Fütterung zu erfahren. Wichtig dabei sind u.a., 

  • ob ein Hund in Zwingerhaltung oder als „Couch-Potato“ mit Familienanschluss gehalten wird. 
  • ob ein Pferd in Einzelhaltung steht oder im Herdenverband lebt. 
  • ob das Pferd bei jedem Wetter draußen oder in einer Box steht.

Zusätzlich kann die Frage, wie das Tier in der jeweiligen Umgebung integriert ist, ein Faktor sein, z.B.: 

  • Schläft die Katze mit im Bett oder darf sie nur zum Fressen in die Wohnung?

Ernährung

Erfragen Sie so viel wie möglich rund um die Ernährung des Tieres: 

  • Wird Trocken- oder Nassfutter gefüttert oder wird das Tier durch Barfen oder Essensreste vom Tisch ernährt? 
  • Werden Zusatzfuttermittel, Kräuter, Kraftfutter oder Heu gegeben? 
  • Ist ein ständiger Trinkwasserzugang vorhanden? 
  • Hat sich das Fress-/Trinkverhalten in letzter Zeit verändert?
  • Ist der Durst des Tieres evtl. vermehrt oder vermindert?
  • Bevorzugt es beim Trinken warmes oder kaltes Wasser? 
  • Trinkt es eher zögerlich oder gierig? 
  • Erbricht es häufiger? Falls ja, wie sieht das Erbrochene aus? Ist es angedaut, unverdaut und hat es Beimengungen wie Blut oder Schleim? 
  • Zu welcher Zeit frisst das Tier? 
  • Nimmt es das angebotene Futter auf einmal auf oder lässt es das Futter stehen. 
  • Wie oft geht es zum Napf? 
  • Wie viel Mahlzeiten bekommt es?
  •  Knurrt es, wenn der Besitzer oder andere Haustiere an den Napf gehen?

Kot- und Urinabsatz

Beim Harnabsatz ist wichtig zu erfahren: 

  • Wie häufig setzt das Tier Urin ab? 
  • Wie ist dessen Beschaffenheit? 
  • Ist eine Inkontinenz vorhanden? 
  • Auch sollte nach Möglichkeit eine Einschätzung der Urinmenge getroffen werden, auch wenn dies leider schwer exakt zu bestimmen ist. 
  • Die gleichen Fragen sollten zum Kotabsatz geklärt werden. 
  • Wichtig ist auch die Frage nach einer vorliegenden Schmerzsymptomatik, also möglichen Tenesmen (schmerzhafter Urin- oder Stuhlabsatz). 
  • Bestehen aktuell Unregelmäßigkeiten im Vergleich zu früheren Zeiten?

Ablauf

Geht man auf diese Weise vor, sind Halter und Tier erfahrungsgemäß nun schon seit über einer halben Stunde bei Ihnen in der Praxis. Sie haben das Tier noch nicht körperlich untersucht und trotzdem während des Gesprächs durch aufmerksames Beobachten eine Fülle von Informationen erfasst. Diese gilt es zu dokumentieren.

Dazu gehören auch folgende Beobachtungen: 

  • Wie kam das Tier in die Praxis – forsch, neugierig, versteckt hinter seinem Herrchen/Frauchen, mit eingezogener Rute, knurrend, mit aufgestelltem Fell oder freundlich und offen? 
  • Wie reagiert das Pferd auf seinen Besitzer bzw. auf Sie als Fremdperson? Freundlich, ängstlich, aggressiv oder neugierig? 
  • Ist es sichtbar in die Herde integriert oder steht es abseits? 
  • Zeigt das Tier ein typisches „Schmerzgesicht“? 
  • Erkundet es während des Gesprächs das Praxiszimmer oder bleibt es ängstlich bei seinem Besitzer (oder sogar auf dessen Schoß)?
  •  Lässt es sich von Ihnen anfassen, reagiert es auf Ihre Ansprache? 
  • Wie läuft das Tier? Sind Lahmheiten erkennbar, hechelt oder speichelt es vermehrt, kratzt es sich übertrieben oft oder schüttelt es den Kopf?

Körperliche Anamnese und Beobachtung

Foto: Vormwald

Nach ausführlicher Beobachtung und Befragung untersuchen wir das Tier „von Kopf bis Fuß“. Anatomische Kenntnisse sind dafür eine dringend erforderliche Voraussetzung. Untersucht wird von cranial nach caudal. Beobachtet und dokumentiert wird dann vorzugsweise in folgender Reihenfolge:

KÖRPERHALTUNG

  • Ist eine Schonhaltung erkennbar? 
  • Ist die Rute eingezogen? 
  • Hat es einen Katzenbuckel? 
  • Nach hinten geklappte Ohren, rollende Augen etc.? 
  • Ist der Gang flüssig oder schleifend, sind Lahmheiten vorhanden, wie werden die 4 Extremitäten belastet? 
  • Wie sieht der Körperbau aus? Sind Fehlstellungen oder angeborene Fehlbildungen vorhanden?
  • Beurteilen Sie dabei auch Gewicht, Größe und Ernährungszustand.

ENTWICKLUNGSZUSTAND 

  • Wie alt ist das Tier? 
  • Wie sieht das Gebiss aus (locker, vollständig, unvollständig, Milchgebiss, Permanentgebiss), bestehen Zahnfehlstellungen? 
  • Wie sind die Schleimhäute beschaffen (geschwollen, gerötet, physiologisch rosa oder weiß bzw. blassrosa)?

PFLEGEZUSTAND 

  • Wie sieht das Haarkleid aus (glänzend, fettig, schuppig)? 
  • Liegt Haarausfall, -bruch oder parasitärer Befall vor? 
  • Wie sehen Haut und Unterhaut aus? 
  • Sind sichtbare infektiöse Wunden/Entzündungen vorhanden? 
  • Wie ist die Krallenlänge/-abnutzung (gleichmäßig oder unterschiedlich, gespalten)? 
  • Ist das Pferd beschlagen bzw. wann war der letzte Hufschmiedtermin?
  • Sind die Hufe gleichmäßig warm und gut durchblutet?

ERST JETZT LEGEN SIE „HAND AN“ 

  • Am Kopf untersuchen Sie die Ohren, ob sie sauber, gerötet oder übel riechend (einseitig, beidseitig) sind. 
  • Besteht eine Abwehrhaltung oder Kopfschiefstand, schüttelt das Tier ständig seinen Kopf? 
  • Überprüfen Sie die Augen inkl. Nickhaut (Lidschlussreflex) und Pupillen auf Größe, Seitengleichheit, Lichtscheue (einseitig, beidseitig), Rötung, Eiterung, Tränenfluss, Fremdkörper, Schwellung und Linsentrübung. 
  • Checken Sie die Nase/Nüstern auf Ausfluss (einseitig, beidseitig), Verkrustungen, Schrunden. 
  • Überprüfen Sie das Maul auf Risse, üblen Geruch und Entzündungen der Maulschleimhaut. 
  • Der Kopf an sich ist unter Beachtung von rassespezifischen Merkmalen zu untersuchen. 
  • Beim Pferd ist auch die Halsmuskulatur und der Bereich der Sattellage zu untersuchen. 
  • Unbedingt auch darauf achten, ob erkennbarer Haarbruch oder Druckstellen (einseitig, beidseitig), Schwellungen oder ähnliches im Bereich der Sattellage vorhanden sind. 
  • Bei Problemen im Bereich der Sattellage: Kontrollieren Sie den Gesundheitszustand erst ohne, dann mit Sattel und anschließend mit Sattel und Reiter. Es ist nicht selten, dass ein schief sitzender Sattel, ungleich lange Bügel/Gurte oder bisher unbemerkte piksende Fremdkörper in der Satteldecke für Probleme beim Pferd sorgen. Möglich ist aber genauso eine fehlerhafte Position des Reiters.

In der nächsten Ausgabe besprechen wir die Untersuchung der Lymphknoten, des Bewegungs- und Atmungsapparates, die Vitalzeichen, die Geschlechtsorgane, After und Analdrü- sen, den Harnapparat, Bauch- und Verdauungsorgane und die neurologische Untersuchung.

KRISTINA VORMWALDKRISTINA VORMWALD

TIERHEILPRAKTIKERIN, 
HEILPRAKTIKERIN


TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE

  • Behandlung von Erkrankungen des Bewegungsapparates mittels Dorn/Breuß-Therapie, Akupunktur und Ernährungsumstellung
  • Klassische Homöopathie
  • Blutegeltherapie
  • Onkologische Begleittherapien
  • Fachautorin

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