ALIENS IN JEDER PFÜTZE - Teil 2

Foto: GrefenLÄSTIG GEWORDENE UND WEGGEWORFENE WASSERSCHILDKRÖTEN – MIT „CHELONIA“ VERSUCHT DIE MÜNCHNER REP TILIENAUFFANGSTATION, DER PROBLEME HERR ZU WERDEN – TEIL 2

Im ersten Teil des Artikel (Mein Tierheilpraktiker 3/2014) wurde die Schmuckschildkrötenproblematik dargestellt, das massenhafte Aussetzen, das darauffolgende Leiden der Tiere und die Platznot in Auffangstationen. Im folgenden zeigen wir, wie die Auffangstation für Reptilien, München e. V. derzeit alles daran setzt, diese Probleme zu lösen.

Im September 2013 bot sich der Auffangstation eine unwiderstehliche Möglichkeit, die Vielzahl an Wasserschildkröten besser und nachhaltiger unterbringen zu können. Im Norden Münchens wurde ein Gewächshaus frei, da die Besitzer der Gärtnerei, zu der dieses gehört, den Betrieb aufgeben bzw. umstrukturieren wollten. Nach kurzer Besichtigung des 500 m2 großen Glashauses war klar, diese Gelegenheit musste am Schopf gepackt und genutzt werden!

Foto: GrefenGemeinsam mit der Produktionsfirma Docma TV, die neben der Serie „Hund, Katze, Maus“ weitere Tiersendungen produziert und dem Tierschutz sehr zugetan ist, wurde der Umbau geplant und tatkräftig durch DocmaTV unterstützt – auch finanziell. So konnte im Rahmen der Dreharbeiten zu einem Pilotfilm für eine neue Serie („Harte Hunde“) auf VOX über die Aktivitäten von „Helden für Tiere e. V.“ unser Großprojekt „Chelonia“ angegangen und realisiert werden. In wenigen Wochen wurden Pläne entwickelt und Kooperationspartner gesucht. Dies übernahm zum Teil Docma TV gemeinsam mit Mitarbeitern der Auffangstation und im Oktober noch konnten die Arbeiten beginnen. Es wurden unter Einsatz vieler ehrenamtlicher, zum Teil spontan entschlossener Helfer, der Mitarbeiter der Auffangstation, dem Team um Ralf Seeger von „Helden für Tiere“ und unter Zuhilfenahme zweier Bagger insgesamt sechs Teiche ausgehoben. Eine Gewächshausheizung wurde angeschafft und stellt nun auch bei sehr kalten Temperaturen nicht nur Frostfreiheit sicher, sondern auch mindestens 50 Celsius und ein ggf. durch Beheizen dramatisch zusätzlich verlängertes, wärmeres Frühjahr und einen klimatisch passenden Herbst für die Tiere, zusätzlich zur Nutzung der Glasflächen, die ein rasches Aufheizen des Hauses garantieren. Nagelneue Elektroinstallationen, ein Sicherheitssystem mit Störfallmeldung, neue Stromleitungen, Lampen, Zeitschalteinrichtungen und Regelungen wurden als Spende seitens der Fa. Elektro Hanselmair (München) mit einem Gegenwert von ca. 15.000 € installiert.

Allein für die Schmuckschildkröten, von denen zu diesem Zeitpunkt gut 220 Tiere bei uns lebten, wurde ein Gehege von 144 m2 geschaffen, dessen zentrales Element ein Teich von annähernd dieser Fläche darstellt. Dieser ist so gestaltet, dass er einen zentralen, ca. einen Meter tiefen Bereich aufweist, der zum Rand hin in Stufen mit Flachwasserzonen und flachen Uferbereichen übergeht. Um Stress unter den Tieren zu vermeiden und ein Maximum an Sichtschutz und Strukturierung zu bieten, wurden „Sandbänke“ in das Relief des Teiches eingearbeitet, die in den flacheren Arealen Lagunen bilden. So entstanden mehrere kommunizierende, jedoch optisch abgegrenzte Teiche mit Flachwasser, die den Tieren erlauben, sich aus dem Weg zu gehen und antisoziales Verhalten verhindern sollen. Zudem können diese Sandbänke als zusätzliche Ruhe- und Sonnenplätze dienen. Nachdem die Berufsfeuerwehr München dankenswerterweise viele Kubikmeter Wasser in die Teiche gepumpt hatte, wurde mit Geäst und Stämmen mehr Struktur im Wasserkörper verfügbar gemacht, die Uferzonen mit Matten belegt, die jetzt seit dem Frühjahr einwachsen. Sonnenplätze mussten ebenso, trotz des lichtdurchfluteten Gewächshauses, installiert werden, wie Pumpen, die eine Wasserbewegung gewährleisten, um genügend Sauerstoff zu garantieren. Bereits im Oktober konnten 180 mittlere bis sehr große Schmuck-, Zierund Höckerschildkröten eingesetzt werden, die sich im Riesenteich regelrecht „verlaufen“. Dort bestehen noch Kapazitäten, um auch weitere Tiere aufnehmen und pflegen zu können, jedoch besteht nach wie vor das Bestreben seitens der Auffangstation, die Tiere an gute Plätze langfristig zu vermitteln. Da allerdings weit mehr Tiere zu uns kommen, als wir vermitteln können, besteht im Gewächshaus jetzt die Möglichkeit, sie mit ausreichend Platz auch langfristig bei uns pflegen zu können.

Foto: GrefenNeben dem Teich für die Schmuckschildkröten wurden noch zwei weitere Teiche (60 m² und 35 m²) für Schnapp- und Geierschildkröten gebaut. Hier wurden die gestalterischen Maßnahmen ebenso mit Flachwasserzonen und Sichtschutzsandbänken umgesetzt, um auch den wehrhaften und ab und zu unverträglichen Schildkröten den Aufenthalt im Gewächshaus bei ausreichend Platz, Licht und Bewegungsfreiheit artgerecht zu ermöglichen. Dass zwei Teiche angelegt wurden, hat den Grund, dass die Geierschildkrötenweibchen Susi und Eugenie nicht mit Jockel oder Berthold, unseren großen Männchen, die leider sexuell sehr aktiv und „rabiat“ sind, zusammenleben sollen, um Stress und Verletzungen zu vermeiden. Auch unter den Schnappschildkröten, die sich mit den Geierschildkröten die Teiche teilen sollen, kann es zu Unverträglichkeiten kommen, sodass auch hier die beiden Teiche dazu dienen, sich aus dem Weg gehen zu können. Selbstredend mussten ausbruchsichere Zäune gebaut werden, die einerseits Ausbrüche verhindern sollen, andererseits aber Besuchern oder gar Unbefugten den Kontakt zu den Schildkröten verwehren.

Das Sommerlochthema „Lotti – das Monster aus Irsee, Allgäu“ hat ja im Sommer 2013 die Gemüter bewegt und neben viel Aufsehen auch für viel „Meinung“ gesorgt. Die Medien widmeten dem Tier und der Suche nach ihm annähernd so viel Aufmerksamkeit wie ansonsten der hohen Politik oder dem aktuellen Weltgeschehen. So soll im neuen Glashaus dieses Thema auch angesprochen und im Rahmen durch teils interaktiv geplanter Beschriftungen an den Gehegen und kleiner Broschüren zu den relevanten Themen der Faunenverfälschung, des Aussetzens von Tieren, artgemäßer Haltung und verantwortlichem Umgang mit den Tieren auch das Gefahrenpotential verdeutlicht werden, wurde Lotti doch stellvertretend für alle Schnapp- und Geierschildkröten zu einem blutrünstigen, aggressiven und aktiv Menschen attackierenden Monster hochstilisiert. Dies entspricht aber keineswegs den biologischen Tatsachen, auch nicht trotz verheerender potentieller Beißkraft der Schnapp- und Geierschildkröte. Beide Arten können enorm zubeißen, wie in Irsee gesehen, wo ein kleiner Junge wahrscheinlich von einem solchen Tier verletzt wurde. Allerdings sind sie nicht offensiv oder aggressiv und angriffslustig, sondern sehr defensive Lauerjäger, die nur dann zubeißen, wenn sie überrascht werden, sich in die Enge getrieben fühlen, beunruhigt oder manipuliert werden. Diesem Umstand soll ebenfalls Rechnung getragen werden. So kann die Haltung der Schildkröten nicht nur dem Wohlbefinden der Tiere, sondern auch präventiv und informativ im Rahmen von Führungen dem Verständnis der interessierten Bevölkerung für die Sache und dem satzungsgemäßen Öffentlichkeits-Bildungsauftrag des Vereins dienen.

Foto: GrefenIn drei weiteren Teichen mit zweimal 30 m² und einmal knapp 40 m² sollen drei Nilweichschildkröten in unserer Obhut Platz finden. Die Teiche sollen ihnen ein artgemäßes und verhaltensgerechtes Leben ermöglichen. Daher wurden zusätzlich zu den Sandbänken sehr flache Teichareale gestaltet, die es den riesigen Tieren erlauben sollen, halb im Sand und Kies eingegraben ein Sonnenbad unter dem 1000-Watt- Strahler zu nehmen und dem Bedürfnis nach Versteckmöglichkeiten und Sichtschutz nachgehen zu können.

Bereits wenige Tage nach Fertigstellung der Folienteiche hatten die Geierschildkröten Falten in der Folie entdeckt und durch kräftige Bisse in mehrfach perforierte Lecks verwandelt. Zwei Teiche liefen über Nacht aus und es musste schnellstmöglich eine Lösung gefunden werden. Schnapp- und Geierschildkröten wurden evakuiert und vorübergehend untergebracht, alle kleinen Teiche wurden wieder geleert und die Folien entfernt (auch die Weichschildkröten könnten diese mit Krallen und durch Bisse beschädigen). Nach langer, verzweifelter und anfangs komplett erfolgloser Suche konnte in München die Teich- und Gartenbaufirma Schleitzer gefunden werden, die innerhalb einer Woche und trotz restlos überfüllten Terminkalenders alle fünf kleinen Teiche inklusive der geschilderten Reliefs verdichteten, mit mehreren Schichten „Gipsbinden“ stabilisierten und mit Glasfaserbeschichtung ausstatteten. Hier werden weder Bisse noch Krallen in den kommenden Jahren Schäden anrichten können. Trotz des enormen kostenfreien Engagements der Teichbaufirma und viel kostenfrei geleisteter Arbeiten kamen gut 28.000 € zusätzliche Kosten auf uns zu, die wir bewältigen müssen. Das Ergebnis jedoch übersteigt alle unsere Erwartungen bei weitem und nach Installation von Matten, die den schweren Tieren das Herumlaufen am Gewässergrund und gefahrloses Herausklettern auf den Uferbereich erleichtern, konnten auch diese mit Stämmen strukturiert werden. Es wurden Verstecke geschaffen und insgesamt eine artgemäße Unterbringung für die Tiere erreicht.

Im Frühjahr wurden die letzten Zäune erstellt, Uferbepflanzung eingebracht und weitere, kleinere Gehege und Teichanlagen auf den verbliebenen, noch freien Flächen geplant. Zudem werden wir, um auch den kleinen Tieren, die noch in der Kaulbachstraße leben, und den schlecht schwimmenden und nicht für die Großteichanlagen geeigneten Schildkrötenarten, wie die Europäischen Sumpfschildkröten, Aquarien für den Sommeraufenthalt installieren, um so dem Gros unserer Wasserschildkröten ein adäquates Zuhause bieten zu können, in dem sie ein Klima vorfinden, das dem ihrer Ursprungsgebiete entspricht. Ein Klima mit langen, warmen Monaten der Aktivität, stabilen Übergangszeiten und einer sicheren Möglichkeit zur Überwinterung für die ganzjährig im Glashaus lebenden Arten.

Foto: GrefenMittlerweile konnten wir auch den Zuschlag für das benachbarte Gewächshaus bekommen und bauen dieses derzeit für die Haltung der in ihrer Zahl ebenfalls anwachsenden Landschildkrötenschar um. Auch dieses soll nach Fertigstellung und Abnahme durch die Behörden analog zum Wasserschildkrötenparadies im Rahmen von Führungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auf 650 m² können wir so auch den vielen Landschildkröten beste Lebensbedingungen bieten. Dabei werden wir biotopnah gestalten, um auch hier als Beispiel für eine artgerechte Haltung dieser Arten dienen zu können.

Unser Projekt „Chelonia“, wie wir unsere beiden Schildkrötenhäuser getauft haben, verschlingt jedes Jahr ca. 20.000 € bis 25.000 € für Pacht, Strom, Heizung und Wasser und stellt uns sicherlich vor eine enorme logistische Herausforderung, die v. a. von unseren sehr engagierten Tierpflegern geschultert werden muss. Allerdings bereitet es uns so viel Freude, den Tieren wirklich viel Platz, ein art- und tiergerechtes Leben in unserer Obhut bieten und zugleich Aufklärungsarbeit leisten zu können, dass wir positiv in die Zukunft blicken.

Für den Unterhalt müssen Paten gewonnen, Sponsoren und Spender gefunden werden, um diese erhebliche zusätzliche Belastung stemmen zu können, die lediglich zu einem geringen Teil durch die zur Verfügung gestellten Fördermittel des Freistaats Bayern, der hier richtungsweisend mit uns tätig geworden ist, abgedeckt werden können. Doch sind wir sehr zuversichtlich, dass Chelonia, diese in Deutschland bisher einmalige und sicherlich größte Einrichtung für herrenlose Schildkröten, sich nicht nur im Sinne der Tierhaltung und des Tierschutzes bewähren, sondern auch – mit dem Engagement Dritter – erhalten lassen wird. Chelonia möge dabei als Beispiel dienen, wie die staatliche Förderung tierschützerischer Aktivitäten sinnvoll genutzt werden kann. Letztlich sind die Schildkröten in unserer Obhut nur die Spitze des Eisberges, viele Hunderte vegetieren nach wie vor in Teichen, Weihern und Flüssen dahin, werden ausgesetzt, abgegeben oder zurückgelassen. Trotz der nachweislich drastisch sinkenden Zahlen der Importe und Verkäufe sind diese Tiere jetzt präsent, benötigen jetzt Hilfe und einen Platz, an dem sie bleiben können.

Mit der „Mission Turtle Spotter“ sammelt die Münchner Auffangstation derzeit Daten über das Vorkommen nicht-heimischer Schildkröten in deutschen Gewässern. Wer eine Schildkröte in einem Weiher oder Teich sieht, kann uns eine E-Mail mit oder ohne Foto des Tieres schicken. Mit den gesammelten Daten kann einerseits besser beurteilt werden, wie sich die Bestände entwickeln, andererseits können auch Wildbiologen damit künftig besser einschätzen, welche Auswirkungen dies auf unsere heimische Fauna und Flora haben wird. Und nicht zuletzt können wir mit diesen Zahlen auch Politiker besser davon überzeugen, dass hier dringend Handlungsbedarf besteht.
(www.reptilienauffangstation.de/mission-turtle-spotter)

Die VOX-Doku „Harte Hunde – Ralf Seeger greift ein“ war am 26.04.2014 zu sehen und ist nach wie vor in der VOXNow- Mediathek aufrufbar: www.voxnow.de/harte-hunde/folge-3-die-reptilien-retter.php?film_id=152337&productdetail=1&season=1 

Es bleibt an dieser Stelle nur noch, allen Beteiligten von Herzen zu danken, die diesen lange gehegten Traum haben wahr werden lassen: Ganz herzlichen Dank!

DR. MARKUS BAURDR. MARKUS BAUR
FACHTIERARZT FÜR REPTILIEN, LEITER DER AUFFANGSTATION FÜR REPTILIEN, MÜNCHEN E. V.

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ISABEL GREFEN ISABEL GREFEN
TIERÄRZTIN IN WEITERBILDUNG, EHRENAMTLICH IN DER AUFFANGSTATION FÜR REPTILIEN, MÜNCHEN E. V.

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