TCM-SERIE: Teil 2 – Wandlungsphase Feuer

Foto: © Argus - FotoliaNachdem in der letzten Ausgabe die Wandlungsphase Holz beschrieben wurde, sind wir nun auch mit Beginn des Sommers jahreszeitlich in die Wandlungsphase Feuer eingetreten.
Die Wandlungsphase Feuer wird im Wesentlichen vom Yin-Organ Herz, dem „gottgleichen Kaiser und Herrscher“, dominiert. Dieses bedient sich einer Schutzinstanz dem „Pericard“ als „Himmlischer Botschafter“ (Platsch, 2005).
Funktionell unterscheidet sich das Perikard kaum vom Herzen.

Im ältesten Grundlagenwerk der chinesischen Medizin, dem Huangdi Neijing, „Buch des gelben Kaisers“ (ca. 2698 – 2598 v. Chr.), bestehend aus den Teilen Su Wen (Suwen) und Ling Shu, wird das Entsprechungssystem des Feuers, wie folgt charakterisiert (Platsch, 2005):

SUWEN 4:
Die Energie des Südens ist rot.
Sie dringt in das Herz ein und tritt an den Ohren wieder aus.
Ein Teil dieser reinen Energie bleibt im Herzen.
Stört man sie, so ruft man eine Erkrankung aller anderen Organe hervor.
Von den Geschmackskräften entspricht dem Herzen das Bittere, von den Elementen das Feuer.
… Von den Jahreszeiten der Sommer
… Und von den Gerüchen der verbrannte Geruch…

SUWEN 5:
Der Süden erzeugt … die Hitze …
Die Hitze das Feuer …
Das Feuer das Bittere …
Das Bittere erzeugt das Herz …
Das Herz bringt das Blut xue hervor …
Und das Blut erzeugt die Milz pi.
…Von den Farben ist es rot …
Und von der stimmlichen Äußerung entspricht es dem Lachen …
Im veränderten Verhalten entspricht es dem Kummer …
Von den Öffnern der Zunge, vom Geschmack dem Bitteren und von den Gefühlsregungen der Freude.
Zuviel Freude schadet dem Herzen, aber Angst bezwingt die Freude.

Wenn nun diese traditionellen Ansätze auf die Symptome unserer Patienten übertragen werden, ergeben sich Zusammenhänge auf

  • das chinesisches Organsystem (Herz / Dünndarm, Perikard / 3E)
  • saisonales Auftreten im Sommer
  • Auftreten von Hitze-Symptomen
  • Erkrankungen mit Hitze-Symptomatik
  • Erkrankungen durch Hitze
  • betroffene Organe bzw. Organsysteme (Blutgefäße und Zunge)
  • emotionale Befindlichkeiten (Freude, Hysterie, Kummer)
  • Bevorzugung / Ablehnung der Geschmacksrichtung bitter
  • verbrannt riechende Ausdünstungen
  • zeitliches Auftreten von Symptomen (zw. 11 und 13 Uhr Herz, zw. 13 und 15 Uhr Dünndarm, zw. 19 und 21 Uhr Perikard und zw. 21 und 23 Uhr Dreifach-Erwärmer

Funktion des Herzens in der TCM

Die Therapie von Symptomen der Wandlungsphase Feuer erfolgt über die Yin-Organe Herz und v. a. auch über das Perikard.
Wie bereits vorher erwähnt, handelt es sich hierbei nicht um die jeweiligen anatomisch-physiologischen Organe, sondern eher um energetisch ausgerichtete Konzepte der Traditionellen Chinesischen Medizin, die im Wesentlichen auf die Substanzen Qi und Blut wirken.

Den Yang-Organen Dünndarm und Dreifach-Erwärmer sind mehr anatomisch- physiologische Aufgaben zugewiesen.

Das „Herz“ hat danach u. a. folgende Aufgaben:

  • das Herz regiert das Blut
  • das Herz kontrolliert die Blutgefäße
  • das Herz-Blut beherbergt den Geist shen
  • das Herz manifestiert sich in der Gesichtsfarbe
  • das Herz öffnet sich in der Zunge
  • das Herz kontrolliert das Schwitzen
  • das Herz kann durch ein Übermaß an Freude und auch andere Emotionen geschädigt werden

Übersetzen wir nun diese Aufgaben in Symptomkomplexe unserer Patienten:

Fotos: luna - FotoliaDer Geist shen

Der Geist shen ist die feinste und immateriellste der sog. vitalen Substanzen. Ein gesunder Geist shen ist für die psychische Aktivität einschließlich Emotionen, das Bewusstsein, für das Gedächtnis, das Denken und den Schlaf verantwortlich.
Der Geist shen residiert im Herz-Blut. Das Blut ist die Wurzel des Herzens (Maciocia, 2008).
Eine schwache Herz-Energie führt demnach beim Menschen zu psychisch- emotionalen Störungen, von Depressionen bis hin zu Verwirrtheitszuständen, verlangsamtem Denken, Vergesslichkeit, Schlafstörungen, Schläfrigkeit und in extremen Fällen zu Bewusstlosigkeit.
Auch diese Symptome sind, bei einer guten Beobachtung durch den Besitzer bzw. durch den Therapeuten, bei unseren Tier-Patienten zu beschreiben.
Ein gutes Beispiel ist die plötzlich auftretende nächtliche Unruhe bei älteren Tieren, verstärkte Traumaktivität im Schlaf oder plötzliche Ängstlichkeit. Auch scheinbare Demenzerscheinungen wie verlangsamte Reaktionen, „in die Ecke starren“ und Vergesslichkeit von Kommandos lassen auf eine nachlassende Herz-Energie schließen.

Der Geist shen hat für den Menschen eine noch viel tiefgreifendere Bedeutung als für das Tier, da dieser durch seine Lebensweise und Umweltbedingungen vielfältigen geistig-spirituellen Anforderungen ausgesetzt ist, die durch die geistige Kapazität der Gehirnaktivität unter Einbeziehung seelischer Reaktionen verarbeitet werden müssen und so zu einer Diversität von Reaktionen führen können.

Trotzdem sollte der Geist shen beim Tier nicht vernachlässigt werden, da unsere Haustiere sehr eng in unserem Familienfeld mit uns leben und sie dadurch auch psychisch-emotionalen Befindlichkeiten ausgesetzt sind, die dann durch sie und v. a. deren Herz-Energie auch verarbeitet werden müssen.

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Das Herz regiert das Blut und die Blutgefäße

Eine gesunde Herz-Energie sorgt für eine ausreichende Blutversorgung aller Körpergewebe. Bei einer Unterversorgung (z. B. Herz-Blut-Mangel) verlangsamt sich die Blut-Zirkulation und die Extremitäten können kalt werden (Maciocia, 2008).
Dies lässt sich auch auf unsere Patienten übertragen. Bei der Palpation der Körperoberfläche sollten daher die Pfoten / Hufe immer auf Temperaturunterschiede überprüft werden.
Aber auch andere Symptome, die auf Durchblutungsveränderungen hinweisen, wie zyanotische oder blasse Schleimhäute, deuten eine mögliche Herz-Pathologie an.

Des Weiteren wird die Konstitution eines Individuums nicht nur von der Nierenenergie bestimmt, sondern auch von der Beziehung zwischen Herz und Blut.
„Ist das Herz stark, ist auch die Lebenskraft stark.“ (Maciocia, 2008)

Anatomisches Hauptsymptom bei fast allen Herz-Syndromen sind Palpitationen (Herzklopfen). Dies kann zu unnatürlicher, plötzlich auftretender Unruhe führen und auch zu Druckempfindlichkeit am Thorax.
Manchmal sind diese auch direkt über den Puls oder Herzspitzenstoß palpierbar.

Das Herz öffnet sich in der Zunge

Fotos: imaginando -FotoliaDie Zunge gilt als eine Verstofflichung und materielle Fortsetzung der feinen Regungen des Herzens in der Außenwelt (Platsch, 2005).
Ein typisches Sprichwort ist: „Sein Herz auf der Zunge tragen“. Eine gesunde Herz-Energie zeigt sich in einer klaren Sprache mit einem gleichmäßigen und ungestörten Sprachfluss. Sprachstörungen weisen daher beim Menschen auf eine Veränderung der Herz-Energie hin.
Hitzeanzeichen der Sprache sind – übertragen auf unsere Tierpatienten – beim Hund schnelles, hysterisches Kläffen, welches kaum unterbunden werden kann. Insbesondere durch Freude hervorgerufenes Bellen kann schnell in hysterisches Bellen umschlagen, wenn die Herz-Energie instabil ist.
Pferdepatienten mit einer überschäumenden Herz-Energie kann man durchaus als verbal kommunikativ bezeichnen, da diese, insbesondere bei freudigen Anlässen, schnell und viel wiehern.

Kälte im Bereich der Sprache sowie Qi-Leere und Qi-Stagnation der Sprache ist beim Tier – im Gegensatz zum Menschen – nur schwer zu identifizieren.

Eine mögliche konstitutionelle Herzschwäche kann sich zudem in einem oberflächlichen, langen Riss in der Mittellinie der Zunge zeigen (Maciocia, 2008).
Hunde, die eher eine Feuer-Konstitution aufweisen, haben häufig eine mehr oder weniger gut ausgeprägte herzförmig verbreiterte Zungenspitze.
Bei sog. Herz-Feuer kann es sogar zu Ulzerationen der Zunge und Maulschleimhaut kommen. Ein häufiges Symptom z. B. bei unseren Katzenpatienten.

Zu viel Freude kann auch schaden – die Emotion des Herzens

Grundsätzlich ist Freude eine positive Emotion, und ein freudiger Zustand ist nicht pathologisch. Ein Zustand in harmonischer Freude fördert den reibungslosen Energiefluss der inneren Organe und sorgt so für die Gesundheit des Organismus.
Übermäßige Freude hingegen, z. B. in Form von ständig einwirkenden Stimuli, exzessive Lebensumstände oder starke, freudige Erregtheit, führen zu Veränderungen der Herz-Energie. Auch dies sollte für unsere Patienten berücksichtigt werden. Wir alle kennen vielleicht Fälle von herzkranken Patienten, die durch Freude – Herrchen / Frauchen kommen nach Hause – entweder eine Synkope hatten oder sogar verstorben sind.

Pathologisches Klima Hitze

Der Wandlungsphase Feuer ist das pathologische Klima Hitze zugeordnet. Im Folgenden soll dies näher erläutert werden.

Hitze hat folgende Eigenschaften:

  • ist ein Yang-Faktor
  • verbraucht daher Yin und Säfte
  • hat aufsteigende Richtung und zerstreuende Wirkung
  • verbraucht Qi
  • stört den Geist shen
  • beschleunigt den Blutfluss

In der TCM werden Sommerhitze, Hitze und Feuer unterschieden.
Die Sommerhitze ist ein äußerer pathogener (krankmachender) Faktor, der die Poren öffnet und sich selbst so Eingang in den Organismus verschafft, sofern die Abwehrkräfte nicht stark genug sind.
Hohe Außentemperaturen, wie z. B. starke und langanhaltende Sonneneinstrahlung, können zu einer Beeinflussung der Herz-Energie führen. Symptome sind hier Tachykardie, Schwitzen, Bewusstseinsveränderungen, Kopfschmerzen, Krampfanfälle oder komatöse Zustände.
Hitze wirkt stark auf den Geist shen (Platsch, 2005).
Vergleichbare Symptome zeigen sich auch, wenn Kleintiere im Auto und Pferde im geschlossenen Anhänger bei hohen Außentemperaturen eingeschlossen sind.

Äußere Hitze in Kombination mit Wind zeigt typische Zeichen einer Außenerkrankung mit Abneigung gegen Hitze und Wind, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, gelber dicklicker Nasen und / oder Augenausfluss, Halsschmerzen und zum Teil hohes Fieber.
Zusätzlich sind allgemeine Hitzesymptome des Körpers in Form von Durst, konzentriertem Urin sowie trockenem Kot vorhanden.

Diese beschriebenen Symptome passen gut in das westliche Krankheitsbild eines akuten Infekts.
Zur Sommerhitze abgegrenzt beschreibt die TCM Hitze in Fülle- oder Leere-Zuständen.
Hitze kann entweder von außen kommen, als äußerer pathogener Faktor, s.o., oder reflektiv vom Körper aufgrund eines äußeren „Kälte-Angriffs“ gebildet werden. Andererseits kann Hitze auch im Inneren des Körpers durch Qi-Stagnation entstehen.
Emotionale Erregungszustände können daher auch zu Herz-Feuer führen (Platsch, 2005).
Symptome von Fülle-Hitze sind Durst, trockener Kot, dunkler Urin, hohes Fieber, starkes Schwitzen, Unruhe, Schlaflosigkeit und Tachykardie.
Hitze schädigt zudem den Geist shen und führt dadurch zu Unruheerscheinungen, Schlaflosigkeit und/oder vermehrter Traumaktivität bis hin zu Bewusstseinstrübungen.
Liegt ein derartiger Zustand vor, kann ein Mikroaderlass über Akupunkturpunkte sehr hilfreich sein. Ansonsten sind ausleitende Akupunkturtechniken zu empfehlen.

Leere-Hitze basiert auf einem Yinund/ oder Säfte-Mangel. Ursache dafür sind chronische Erkrankungen, exzessive Lebensumstände, die zu einem Yin-Verbrauch führen, oder fortgeschrittenes Alter.
Hauptsymptome sind Nachmittagsfieber, subfebrile Temperaturen, Durst und konzentrierter Urin.
Typisch für den Menschen sind die sog. fünf Herzen, eine Rötung von Hand- und Fußflächen und des Sternums. Dies ist beim Tier nur schwer zu identifizieren.
Die Therapie von Leere-Hitze besteht v. a. im Auffüllen des Yins. Ausleitende Maßnahmen sind sorgfältig abzuwägen, um den Organismus nicht noch zusätzlich zu schwächen.

Die Yang-Organe Dünndarm und Dreifach-Erwärmer

Der Dünndarm kontrolliert das Empfangen und Umwandeln und er trennt die Flüssigkeiten (Maciocia, 2008).
Er trennt die Flüssigkeiten in einen sog. reinen Anteil, der in die Blase geht, und einen trüben Anteil, der in den Dickdarm geht. Dünndarm-Syndrome können sich sowohl in Hitze- als auch in Kälte-Pathologien entwickeln. Durch den Bezug zum Dickdarm und zur Blase können daher Darmbeschwerden oder auch Blasenerkrankungen auftreten.
Der Dreifach-Erwärmer – obwohl eines der Yang-Organe der Wandlungsphase Feuer – ist ein Thema, welches im historischen Kontext immer wieder unter unterschiedlichen Aspekten kontrovers diskutiert wurde. Aus diesem Grund wird der Dreifach-Erwärmer als Organ an dieser Stelle nicht weiter beschrieben, da eine kurze Abhandlung seiner Bedeutung nicht angemessen wäre.

Abschließend ist noch anzumerken, dass das Herz über das Blut auch eine Wechselbeziehung mit dem Organ Leber führt, da diese beiden Organe über den Sheng- (Hervorbringungs-) Zyklus miteinander in Verbindung stehen.

Daher sind die einzelnen Symptome in Bezug auf die TCM-Organe nie isoliert zu betrachten, sondern im energetischen Konsens des Gesamtsystems.

In der kommenden Ausgabe wird die Wandlungsphase Erde erläutert.

Foto: © Scheiwiller - Fotolia

BETTINA SALZMANN-WOHDE BETTINA SALZMANN-WOHDE
TIERÄRZTIN IN EIGENER PRAXIS

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