Verminderte Vigilanz bei einer Wellensittichhenne

201603 Wellen1In dieser Fallbeschreibung geht es um die Wellensittiche eines Freundes. Ihm war im Laufe des Winters aufgefallen, dass die Wellensittichhenne Mädy immer mehr schlief und aufgeplustert auf dem Stängelchen saß.

Anamnese

Patient: Wellensittichhenne Mädy, 2 ½ Jahre alt, Farbschlag Hellbau/Zimt

Lebensbedingungen allgemein: Ein Partner, Wellensittichhahn Georg, 2 Jahre alt. Gute Beziehung zum Hahn. Gute Anbindung zu den Haltern, handzahm und gelehrig.

Unterbringung im Sommer: Große Außenvoliere auf einem zugfreien Balkon im 2. Stock eines Mehrfamilienhauses. Keine Wetterseite, Bodenfläche ca. 4 m², Höhe zwischen 1,60 und 2,30 m.

Unterbringung im Winter: Zimmervoliere vor einer großen Fensterfront, Maße 110 x 80 x 140 cm.

Mädy kam aus einer kleinen, eher privat gehaltenen Zucht als „ausrangierte“ Zuchthenne. Sie hatte einmal gelegt, doch die Küken wurden den Ansprüchen der Züchter nicht gerecht und so wurde sie im Alter von 1 Jahr verkauft. Sie kam zu einem 7-jährigen Hahn hinzu, mit dem sie sich gut verstand, der aber kurz darauf verstarb. Daraufhin zog der regenbogenfarbene Hahn Georg aus derselben Zucht bei Mädy ein und es schien Liebe auf den ersten Blick zu sein. Bereits bei der Besichtigung der Vögel, die zum Verkauf standen, war die Henne durch ihr lebhaftes Verhalten an einem an der Wand angebrachten Holzspielplatz aufgefallen. Sie hatte die gedrechselten Äste beknabbert und freudig „Rollen“ um die Stangen gemacht. Mädy hatte die letzten 1½ Jahre keine Auffälligkeiten gezeigt, war immer lustig, frech und kam auf die Hand, um sich am Hirsekolben zu bedienen. Georg kümmerte sich liebevoll um „seine“ Lady, fütterte sie und versuchte, ihr das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Im Sommer hatte die Wellensittichdame immer den größten Spaß mit frischen Haselnussästen und freute sich darüber, die Blätter zu benagen, sich hineinzulegen und fallen zu lassen. Sie hatte Spaß, mit kleinen Ästchen zu kämpfen und machte immer einen sehr aktiven Eindruck auf die Besitzer, während Zweitvogel Georg eher als Flieger und Beobachter eingestuft wurde.

Im Oktober 201201603 Wellen25 wurden Mädy und Georg in einer Zimmervoliere untergebracht, um zu überwintern. Die Familie hatte wegen Arbeit und der anderen Tiere im Haushalt wenig Zeit für die beiden Sittiche, was den Hahn nicht zu stören schien. Mädy allerdings wirkte den Winter über immer matter, wurde nicht mehr oft beim Fressen gesehen (hielt aber ihr Gewicht, da sie von ihrem Partner gefüttert wurde), außerdem suchte sie meistens die Gelegenheit, sich auf flachem Boden auszuruhen, wie etwa in einer länglichen Fressschüssel oder der extra für sie aufgehängten Badewanne mit Vogelsand und Grit. Meistens plusterte sie ihr Federkleid und reagierte kaum auf Ansprache seitens der Halter.

Patientenstatus

Mädy nahm wenig von ihrer Umwelt wahr. Während ihr Partner sie allem Anschein nach zu einer Interaktion zu motiveren versuchte, legte sie lieber ihren Kopf zur Seite, steckt den Schnabel unters Flügelchen und begann ein Schläfchen. Rein körperlich machte Mädy keinen schlechten Eindruck. Das Federkleid war dicht und strahlend, der Schnabel und die Krallen waren unauffällig, die Füßchen unversehrt. Am Ernährungszustand war nichts auszusetzen, die Kloake war sauber und der Kotabsatz normal.

Therapie

5. MÄRZ (BEGINN): Nachdem die Sittichdame offensichtlich keinerlei körperliche Probleme hatte, Wasser und Nahrung aufnehmen konnte, besprach ich mich zunächst mit den Besitzern. Es stellte sich heraus, dass die Wellensittiche, seit sie den Winter in der Zimmervoliere verbringen mussten, keinen Freiflug bekommen konnten, da sich Katzen im Haushalt befinden. Durch die Anamnese und die Beschreibung von Mädy als aktiven und schlauen Vogel fand ich es naheliegend – nachdem physische Leiden ausgeschlossen waren – nach einer sinnvollen Beschäftigung zur „Therapie der Langeweile“ im Käfig zu suchen. Mädy wurde als „sehr clever und beweglich“ beschrieben, sodass sich die Arbeit mit dem Clicker anbot, zumal sie als „robust gegenüber Geräuschen und dem Mensch freundlich gesinnt“ charakterisiert wurde.
VERLAUF: Das erste Training und somit die Konditionierung auf den Clicker begann am 5. März, und schon wenige Stunden nach dem Training wurde über die Änderung des Verhaltens berichtet. Mädy flatterte wieder in der Voliere herum und ging auf die Annäherungsversuche ihres Partners Georg ein. Bereits am nächsten Tag kam die Rückmeldung, dass Mädy sehr begeistert mitarbeitete und nach dem zweiten Training bereits auf Fingerzeig den Sitzort in der Voliere wechselte, eine kleine Vogelleiter anflog und Ansätze zum „Winken“ zeigte. Ihre Aufmerksamkeit kehrte schon nach dieser kurzen Zeit augenscheinlich zurück und sie freute sich offensichtlich, wenn einer der Halter den Raum betrat.
7. MÄRZ: Mädy hatte bereits Handund Wortzeichen verknüpft, flog die Hand des Halters an und war freudig beim Training dabei. Schon nach wenigen Tagen war eine deutliche Verbesserung der Vigilanz des Wellensittichmädchens zu sehen und die Besitzer schienen sehr zufrieden. Auch wurden sie durch das Training „gezwungen“, sich ein paar Minuten am Tag Zeit für die Vögel zu nehmen, was laut Bericht auch Hahn Georg gut tat.
9. MÄRZ: Mädy nahm die Spieleaufforderungen des Hahns an. In der Zimmervoliere herrschte wieder fröhliches Geträller und Geflatter.
11. MÄRZ: Die Halter informierten mich darüber, dass Mädy wieder aktiv am Leben in ihrer Umwelt teilnimmt. Sie sei wieder „ganz die Alte“: frech, laut und lebensfroh. Bei einem erneuten Besuch zeigte sich die Henne tatsächlich sehr lebhaft und interessiert. Nach nicht einmal 1 Woche und nur ein paar Minuten täglichen Zeitaufwands seitens der Besitzer hat sich ihre Lebensqualität deutlich gesteigert.

Zusammenfassung

Nachdem Mädy über den Winter von einer großräumigen Außenvoliere in eine deutlich kleinere Zimmervoliere ohne Freiflug ziehen musste, verlor sie nach und nach an Lebensfreude. Durch Clickertraining und Kontakt zu ihren Besitzern verbesserte sich ihr Zustand binnen weniger Tage.

JANA BARTH

 

JANA BARTH
TIERHEILPRAKTIKERIN

TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE

  • Laserakupunktur
  • Magnetfeldtherapie
  • Haltungs-, Umgangs- und Fütterungsberatung – spezialisiert auf Kleinsäuger und Pferd

KONTAKT

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

< zurück