Kaninchenernährung: Mythen richtiggestellt

201603 Kaninchen1In meiner Tierheilpraxis mit dem Schwerpunkt „Tierhaltungsberatung von Kaninchen und Meerschweinchen“ gehört selbstverständlich auch eine umfangreiche Ernährungsberatung dazu – quasi das BARFen für Kaninchen. Von vielen meiner Patientenbesitzer höre ich immer wieder den Satz: „Das haben wir aber schon immer gefüttert.“ Doch nach genauer Analyse stimmt das meist nicht, sodass ein Hauptaugenmerk meiner Arbeit in der Aufklärung der Tierbesitzer über eine artgerechte Ernährung liegt, da sich insbesondere viele Mythen der Kaninchenernährung hartnäckig halten.

Mythos Nr. 1: Kaninchen brauchen buntgemischtes Fertigfutter aus der Zoohandlung, da dieses speziell für Kaninchen hergestellt und vom Zoofachverkäufer empfohlen wird.
Falsch! Bei vielen im Zoofachhandel angebotenen Fertigfutterpackungen handelt es sich um Körnerfutter. Doch das enthält meist zu wenige Vitamine und Mineralstoffe und führt – wenn das Kaninchen ausschließlich damit ernährt wird – zu Zahnerkrankungen durch falschen Zahnabrieb, Verdauungsproblemen durch zu viel Stärke (Zucker) und zu wenig Rohfaser. Langfristig werden die Kaninchen adipös und die Lebenserwartung sinkt.

Mythos Nr. 2: Kaninchen brauchen zum Zahnabrieb hartes Brot.
Falsch! Im Brot befindet sich so ziemlich alles, was ein Kaninchen garantiert NICHT braucht, wie z. B. ein Übermaß an Kohlenhydraten durch Stärke und Zucker, Salz, Konservierungsstoffe und Milch. Kaninchen benötigen langhalmiges und wohlduftendes Heu (möglichst Bio-Heu) ad libitum, täglich frisch gegeben, Zweige von z. B. Haselnuss, Apfeloder Birnbaum. Kaninchenzähne wachsen ein Leben lang, pro Woche um ca. 1,5–2 mm. Um Zahnfehlstellungen vorzubeugen, müssen die Tiere ständig Material zum Abrieb ihrer Zähne zur Verfügung haben.

201603 Kaninchen2Mythos Nr. 3: Möhren, Möhren und nochmals Möhren …
Falsch! Eine Möhre von 100 g enthält so viel Energie wie 4 Stück Würfelzucker, d. h.: Zu viele Möhren führen auf Dauer zu Fettleibigkeit. Daher sollten Möhren nur in Maßen geben werden! Ich empfehle daher, zweimal pro Woche etwa 50– 70 g in die Fütterung zu integrieren.

Mythos Nr. 4: Ganz viel Kohl – denn die Hasen von Großvater haben auch jeden Tag Kohl bekommen.
Falsch! Die Stallhasen von Großvater mussten schnell Masse ansetzen, weil sie zur Schlachtung dienten, und durch die kurze Lebensdauer waren Magen-Darm-Probleme so gut wie egal. Unsere Haus- bzw. „Zierkaninchen“ reagieren bedeutend empfindlicher auf die Fütterung mit Kohl. Hier spielt auch die Überzüchtung eine maßgebliche Rolle, denn viele Züchter sind der Meinung, dass die Tiere nur niedlich anzusehen und keineswegs robust sein müssen. Da kann ein Kohlblatt im Magen schon ordentlich Schaden anrichten, daraus z. B. Durchfall oder Blähbauch resultieren können. Daher empfehle ich stattdessen maximal 2 Brokkoliröschen (viel Vitamin C), 1 Blumenkohlröschen, 1 Blatt Chinakohl oder 1–2 Kohlrabiblätter. Diese sollten langsam und in geringen Mengen angefüttert werden, um zu beobachten, wie die Tiere mit ihrer Verdauung darauf reagieren.

Ernährungsempfehlung

Kan201603 Kaninchen3inchen sollten zweimal täglich gefüttert werden, idealerweise morgens und abends, da die dämmerungsaktiven Tiere auch in der Natur zu dieser Zeit auf Futtersuche gehen. Auch sollte täglich in ausreichender Menge frisches Trinkwasser in einem Steingut-Napf zur Verfügung gestellt werden. Diese Näpfe sind leicht zu reinigen und animieren die Tiere zur Wasseraufnahme. Leider werden im Handel überwiegend Trinkflaschen angeboten. Diese sind jedoch unhygienisch, schwer zu reinigen und fördern nicht gerade die Wasseraufnahme der Tiere.
Pro Tier rechnet man mit etwa einer Handvoll frischem Gemüse zur Fütterung, bestehend aus 3–4 Sorten. Das Gemüse sollte Zimmertemperatur haben. Keinesfalls direkt aus dem Kühlschrank verfüttern!
Eine 100%ige und abwechslungsreiche Wiesenfütterung mit Kräutern und Zweigen ist immer noch die artgerechteste Weise, Kaninchen zu ernähren. Oft fehlt den Haltern aber leider die Zeit, „frische Wiese“ für ihre Tiere zu sammeln. Es kann aber auch auf Alternativen zurückgegriffen werden, die der artgerechneten Wiesenfütterung entsprechen, wenn man weiß, was gut ist und was nicht.

Speisekarte für Langohren

Fenchel, Stauden- und Knollensellerie, Petersilienwurzel, Pastinake, Endivien- und Chicoréesalat, die Schale einer Salatgurke, Petersilie, Dill, Thymian, Pfefferminze, Basilikum, Oregano, Melisse, Liebstöckel, Salbei, Erdbeerblätter, Spitzwegerich, Löwenzahn, Möhrengrün, Kohlrabiblätter, Zweige von Haselnuss, Apfelbaum, Heidelbeerstrauch, etwas Karotte, Heu, Heu und nochmals Heu. Als kleine Leckereien können ab und zu ein Stück Apfel oder Birne, Heidelbeeren, Erdbeeren, Kürbis- oder Sonnenblumenkerne (unbehandelt/ungesalzen) gegeben werden.

SYLVIA RECHSYLVIA RECH
TIERHEILPRAKTIKERIN
MOBILE TIERHEILPRAXIS IN FELSBERG/SAARLAND

 


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