Milchfieber

Foto: © Svenni - FotoliaGebärparese durch Hypokalzämie bei der Milchkuh

Weil das Hochleistungsrind während der Laktation eine Produktion von 7.000 bis 16.000 Liter Milch (je nach Rasse und genetischer Veranlagung) aufweisen kann, ist es in hohem Maße darauf angewiesen, dass die mit der Milch ausgeschiedenen Milchinhaltsstoffe durch die Fütterung gleichwertig ersetzt werden. Dies setzt eine darauf ausgerichtete Fütterung sowie einen intakten Stoffwechsel voraus. Durch den Stoffwechsel werden die Nahrungsstoffe ausgewertet und zur Verfügung gestellt. Ein besonderes Augenmerk gilt dem Kalzium- und Phophorstoffwechsel, dem Magnesiumhaushalt und der Versorgung mit Kohlenhydraten. Liegt hier eine Störung vor, oft auch einhergehend mit einer Unterfunktion der Nebenschilddrüse, kann nach dem Kalben eine Gebärparese (Milchfieber) auftreten. Die ersten Krankheitszeichen bestehen aus unruhigem Hin- und Hertrippeln, wechselhaftem Appetit (bis zur völligen Fressunlust), steifem Gang und schwerfälligem Aufstehen. Diese Symptome werden oftmals übersehen. Sie treten in der Regel in den ersten vier Wochen nach der Geburt, oftmals aber auch in den ersten 72 Stunden, manchmal auch vor der Geburt auf. In diesem Stadium kann es zu Spontanheilungen kommen. Meistens kommt es jedoch zu einem völligen Festliegen innerhalb weniger Stunden. Färsen (erstgebärend) sind weniger oft betroffen.

Mit dem Alter steigt das Risiko

Mit steigendem Alter und Anzahl der Laktationen nimmt auch die Erkrankungshäufigkeit zu. Milchbetonte Rassen mit einer steilen Laktationskurve besitzen ein größeres Hypokalzämierisiko und weisen darum ein erhöhtes Krankheitsrisiko auf. Beim Festliegen liegt die Kuh in Unterbrust- und Unterbauchlage mit an die Brustwand angelegtem Kopf. Man bezeichnet dies als autauskultatorische Stellung. Das Rind macht einen apathischen bis somnolenten Eindruck, denn die Augen sind bei fehlendem Lidschlag halb geschlossen. Des Weiteren sind herabgesetzte Reflexe und eine verminderte Hautsensibilität erkennbar. Aufstehversuche bleiben erfolglos, Puls und Atmung sind beschleunigt und unregelmäßig. Durch eine herabgesetzte Pansentätigkeit sind die Tiere aufgebläht. Nach der Geburt ist die Rückbildung der Gebärmutter (Uterus) beeinträchtigt und die Milchleistung geht stark zurück. In besonders schweren Fällen sinkt die Körpertemperatur bis auf 35 Grad Celsius herab, die Tiere liegen in Seitenlage mit schlaffen Gliedmaßen und wirken komatös.

Ursachen für eine Hypokalzämie

Das Blut der Kuh enthält insgesamt 1,5 - 2,0 g Kalzium. Pro Liter Milch werden ca. 1,14 - 1,40 g Kalzium ausgeschieden. Das bedeutet, dass bei einer Tagesleistung von nur ca. 30 Litern 34 - 45 g Kalzium allein mit der Milch ausgeschieden werden. Der Rest muss also mit der Nahrungszufuhr dauerhaft ergänzt werden. Geschieht dies nicht, so gleicht der Organismus das fehlende Kalzium über die Kalzium-Speicher im Weich- und Knochengewebe aus. Kurz vor der Geburt zeigt die Kuh eine verminderte Nahrungsaufnahme. Durch das Einsetzen der Laktation besteht eine extrem hohe Ausscheidungsrate an Kalzium. Von Bedeutung ist dabei auch die Phophorausscheidung, die pro Liter Milch (Colostrum) bei 0,85 - 1,06 g liegt. Dadurch kann es zu plötzlichen Versorgungslücken mit einem starken Abfall des Blutkalziumund -phosphorspiegels kommen. Eine weitere Ursache des Milchfiebers besteht in einer Überversorgung der Tiere mit Kalzium während der Trockenstehzeit. Durch diese Überversorgung reduziert die Nebenschilddrüse die Produktion an Parathormon. Parathormon mobilisiert die Kalziumausschüttung aus dem Knochen, wenn im Blut zu wenig Kalzium vorhanden ist. Wird weniger Parathormon produziert, kann entsprechend auch nicht genügend Kalzium aus dem Knochen bereitgestellt werden, sodass es zu einer Kalziumunterversorgung kommt, d. h. durch den hohen Kalziumbedarf nach dem Kalben bricht der Kalziumhaushalt des Blutes völlig zusammen.

Therapie

Foto: TelkesDa die Gebärparese einen lebensbedrohlichen Zustand darstellt, ist eine sofortige Behandlung notwendig. Der Kalziummangel steht dabei im Vordergrund, sodass ich sofort nach der Geburt zwei Boli Kalzium (z. B. Bovicalc) mit Hilfe eines speziell entwickelten Boluseingebers verabreiche. Zusätzlich werden noch 15 ml Vitavetsan- N (Wirkstoff: Phosphorus D3) subkutan gespritzt, um den Phosphorhaushalt wieder ins Lot zu bringen. Nach zwölf Stunden ist eine weitere Gabe von einem Bolus Kalzium indiziert.
Um den Therapieerfolg beurteilen zu können, sollte außer der genauen Beobachtung des Tieres auch die Körperinnentemperatur mittels Thermometer und die Körperoberflächentemperatur durch Handpalpation erfasst werden. Alternativ könnte man eine homotoxikologische Infusiontherapie anbieten.
Von der Firma Ziegler Homöopathika ad. us. vet. wurden speziell für die in der Milchviehhaltung vorkommenden Stoffwechselerkrankungen, wie Gebärparese, Flor de piedra logoplex als biotherapeutisches Arzneimittel konzipiert. Das Tier erhält bis zur vollständigen Heilung 10 ml pro Tag subkutan verabreicht. Nach dem therapeutischen Index der Biologischen Tiermedizin (Erich Reinhart und Christiane Greef- Karstens) werden folgende Präparate der Firma Heel zur Behandlung von festliegenden Rindern vorgeschlagen:

  • Nux vomica-Homaccord ad. us. vet.
  • Carduus compositum ad. us. vet.
  • Coenzyme compositum ad. us. vet.
  • Phosphor-Homaccord ad. us. vet.

Die Kuh sollte weich gelagert und am Besten in Stroh gebettet werden. Alle acht Stunden sollte sie auf die andere Seite gedreht werden (Dekubitusprophylaxe), falls sie nicht sofort nach der Behandlung wieder aufsteht. Um ein Ausgrätschen und Muskelrisse beim Aufstehen zu vermeiden, sind Vergrittungsgeschirre an den Hintergliedmassen zu befestigen. Alternativ kann man mittels einer Hüftzange und Bauchgurten versuchen, sie in den Stand zu bringen.

Um die Stoffwechel- und Leberfunktion zu stärken, verabreiche ich noch 500 ml Jecuplex (Hersteller Yeyx) über das Trinkwasser. Jecuplex ist als Ergänzungs- bzw. Diätfuttermittel gekennzeichnet.
Um die Fresslust und die Pansentätigkeit zu steigern, bekommen die Kühe nach dem Aufstehen einen Beutel Pansenstimulans, entweder über ihr Kraftfutter (Getreide) oder als im Wasser aufgelöste orale Eingabe. Pansenstimulans ist ein Ergänzungsfuttermittel zur Unterstützung der physiologischen Verdauung mit Boviguard. Boviguard enthält konzentrierte Beta-D-Glucane, stärkt die Abwehrkräfte und erhöht die Widerstandsfähigkeit bei Belastung. Dieses Ergänzungsfuttermittel darf wegen des gegenüber Alleinfuttermittel höheren Gehaltes an Vit D3 und Kobalt an Wiederkäuer nur bis zu 20 Prozent der Tagesration verfüttert werden. All diese Präparate können vom Tierbesitzer eigenverantwortlich in der Apotheke gekauft werden.

Wichtig ist es auch, die Gebärmutter (Uterus) der betroffenen Kuh auf den vollständigen Abgang der Nachgeburt (Plazenta) und das Euter auf Vorliegen einer Mastitis (Euterentzündung) mit Hilfe eines Schalmtestes zu untersuchen.

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ADELHEID TELKES ADELHEID TELKES
TIERHEILPRAKTIKERIN IN EIGENER PRAXIS IN PLÜTSCHEID

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