Serie: Unsere Tiere und ihre G´schichterl

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Die Auffangstation für Reptilien in München kümmert sich schon lange nicht mehr nur um wechselwarme Tiere wie Reptilien, Amphibien, Fische und Invertebraten, sondern auch um exotische Säugetiere. In dieser Serie möchten wir Ihnen unsere Tiere und die verschiedenen Tierarten, um die wir uns  bemühen, vorstellen und näherbringen.

Wenn Anthropozentrismus auf Wildtierhaltung trifft

THP 2 20 Final klein Page40 Image2Es ist keine neue Erkenntnis, dass der Mensch seit Jahrtausenden versucht, die Welt um sich herum so zu verändern, wie er sie gerne hätte. Wir haben nicht nur die Natur nach unserem Willen geprägt, indem wir Wälder roden, Berge abtragen, Kanäle graben, Sümpfe trockenlegen, Felder anlegen, Städte, Straßen und fossile Brennstoffe benötigende Transportmittel bauen, inzwischen beeinflussen unsere Aktionen nachdrücklich das Erdklima. Genauso haben wir auch immer schon auf die Tierwelt Einfluss genommen, Wildtiere über Zehntausende von Jahren domestiziert, um sie uns zunutze zu machen, sei es als Fleischlieferant, Helfer bei Arbeit und Jagd, oder einfach nur als Gesellschaft. Wir haben Wildtiere über sehr viele Generationen hinweg langsam so verändert, dass sie ihre Scheu verlieren, weniger aggressiv und wehrhaft sind, mehr Fleisch ansetzen, im Fall von Hunden sogar so weit, dass sie unsere Körpersprache, Mimik und Emotionen lesen können, „süßere“ Gesichter oder „schönere“ Fellfarben haben. Die meisten von uns kennen und teilen das Bedürfnis, ein Haustier haben zu wollen, und das ist auch nicht verwerflich, solange wir das Wohl des Tieres im Blick haben und ihm nichts abverlangen, was seine Anpassungsfähigkeiten übersteigt, ihm Schmerzen, Leid oder Schaden zufügt.

THP 2 20 Final klein Page41 Image1Das Zusammenleben von Tier und Mensch ist nicht immer ganz problemlos. Ungewollte Vermehrung, Urinmarkieren in der Wohnung, zehn vor der Haustür hechelnde Rüden, weil man eine läufige Hündin hat, oder alle paar Monate Katzenwelpen, weil die Katzenmutter, auch während sie noch ihre Katzenbabys säugt, schon schnell wieder deckbereit wird, sind für viele Menschen ein Grund, ihre Tiere kastrieren zu lassen. Das deutsche Tierschutzgesetz verbietet zunächst einmal das Entfernen gesunder Organe ohne medizinische Indikation (§6 Abs.1 S. 1a TschG), darunter fällt auch eine Kastration. In den letzten Jahren hat sich daraufhin die Sicht der Tierärzte auf ein generelles Kastrieren von jedem Hund und jeder Hündin zum Glück gewandelt und wird im Wesentlichen vom Einzeltier abhängig gemacht. Dass Besitzer genervt sind, weil sie Rüden von ihrer läufigen Hündin fernhalten müssen, ist kein Grund für eine Kastration, da hier der Mensch sein Verhalten ändern und den Deckakt verhindern kann! Bei Katzen sind generelle Kastrationen weiterhin sinnvoll, weil weibliche Katzen ohne Deckakt dauerrollig werden, was Leiden für das Tier darstellt. (Dass auch die Besitzer durch das Verhalten der dauerrolligen Katze „leiden“, wäre kein ausreichender Grund für eine Kastration!)

THP 2 20 Final klein Page41 Image2Außerdem ist auch aus Tierschutzgründen eine unkontrollierte Vermehrung zu vermeiden. Gleiches gilt für Kater, die, gerade wenn es Freigänger sind, sich häufig bis aufs Blut mit anderen Katern bekämpfen und meist weite Strecken zurücklegen, wobei die Gefahr, unter ein Auto zu geraten, sehr hoch ist.
Nun halten Menschen aber nicht nur domestizierte Haustiere, sondern häufig auch echte Wildtiere. Diese Tiere haben keinen tausende Jahre überdauernden „Zwangsevolutionsprozess“ durchgemacht wie unsere Haustiere. Von ihnen die gleichen angepassten Verhaltensweisen zu verlangen wie von Haustieren, wird diesen Wildtieren nicht gerecht. So wird eine Griechische Landschildkröte nicht schwanzwedelnd auf ihre Besitzer zugelaufen kommen (wobei auch Wildtiere lernen können, dass der Zweibeiner Futter mitbringt), und der Leguan wird sich nicht schnurrend auf dem Schoß des Besitzers zusammenrollen und auf Streicheleinheiten hoffen. Gerade Reptilien muss man eine möglichst naturnahe Haltung anbieten, in der die Tiere ihr Verhalten ausleben und ihre Bedürfnisse abdecken können, ohne dass sie sich ständig beobachtet fühlen. Dazu gehört, dass man ihnen nicht eine Gruppenhaltung aufzwingt, die sie in der freien Wildbahn niemals so erleben oder suchen würden. Die meisten Reptilienarten leben einzelgängerisch, manche wenige in lockeren (Harems-)Gruppen, wie z.B. Grüne Leguane, bei denen das Revier eines dominanten Männchens angrenzt bzw. die Reviere mehrerer Weibchen einschließt. Sehr wenige Arten (manche Australische Skinke) leben in losen Familiengruppen. Aber der Großteil aller Reptilien lebt weitestgehend allein! Männchen untereinander sind normalerweise sehr unverträglich, Weibchen kommen manchmal, aber nicht notwendigerweise besser miteinander aus.
Sehr auffällig ist dies bei den extrem häufig in Deutschland gehaltenen Griechischen Landschildkröten. Viele Halter waren und sind der irrigen Annahme, dass man diese Tiere, damit sie nicht vereinsamen, in Gruppen halten muss. Außerdem ist dann im Gehege „mehr Action“, es ist für den Menschen interessanter zuzuschauen, die Tiere fressen besser (allerdings aufgrund von Futterneid), und Nachwuchs lässt sich so auch noch erzeugen, den man dann möglicherweise geldbringend weiterverkaufen kann.

THP 2 20 Final klein Page42 Image1Bei Griechischen Landschildkröten wird das Geschlecht der Tiere nicht über Chromosomen bestimmt, sondern über die Temperatur während der Bebrütung der Eier. Niedrigere Temperaturen bringen Männchen hervor, höhere Weibchen. Bei etwas zu hohen Temperaturen sterben die Eier ab. Das hat zur Folge, dass jahrzehntelang hauptsächlich männliche Tiere ausgebrütet wurden: Erstens, weil es weniger Energiekosten verursacht. Zweitens, weil man dadurch mögliche „Züchterkonkurrenz“ verhindert, da keine Weibchen erbrütet werden. Drittens ist das Risiko geringer, dass die Eier sich nicht entwickeln wie bei zu hohen Temperaturen. Das tatsächliche Geschlecht ist erst nach vielen Jahren bzw. ab einer gewissen Körpergröße äußerlich für den Laien sicher erkennbar. Wenn man als cleverer Vermehrer den zukünftigen Neuhaltern nun auch noch eintrichtert, dass Schildkröten, statt sie artgerecht einzeln zu halten, in Gruppen zu halten sind – und man somit gleich drei Jungtiere statt nur einem verkauft – werden die neuen Halter in wenigen Jahren vor dem Problem stehen, dass die geschlechtsreif werdenden Männchen sich nicht vertragen und getrennt werden müssen. Was häufig nicht beachtet wird, ist die Tatsache, dass man immer nur so viele Tiere haben sollte, wie man einzeln artgerecht in ausreichend großen Gehegen unterbringen kann, auch wenn die Tiere ausgewachsen sind! Selbst wenn man das Glück hat, nur ein Männchen und ein oder mehrere Weibchen zu haben, ist das Problem nicht gelöst: Aufgrund der Haltungsbedingungen, die wir den Tieren bieten, täglich reichhaltiges Futter über Monate, nicht nur im Frühling, wie im natürlichen Habitat, mildere Temperaturen, regelmäßig Regen etc. sind die Männchen normalerweise dauerpaarungsbereit. Hält man diese Männchen dann mit einem oder mehreren Weibchen, die nun einmal nicht dauerpaarungsbereit sind, zusammen, wird das Männchen trotzdem versuchen, sich zu paaren. Aufgrund der Tatsache, dass es sich um ein geschlossenes Gehege handelt, hat das Weibchen nicht die Möglichkeit, das zu tun, was es in der Natur machen könnte: Den Bereich des Männchens verlassen. Das Männchen wird das Weibchen also weiterhin bedrängen. Das führt nicht nur zu Stress für beide, sondern auch zu schweren Paarungsverletzungen bis hin zum Tod der Weibchen. Also sollte man außer zur Paarungszeit Griechische Landschildkröten nach Geschlechtern getrennt halten, und zwar so, dass das Männchen die Weibchen auch nicht ständig sehen oder riechen kann!

THP 2 20 Final klein Page42 Image2Das hat zur Folge, dass sehr viele männliche Griechische Landschildkröten in Auffangstationen und Tierheimen abgegeben werden, während die Halter versuchen, weibliche Tiere zu finden, die für sehr viel Geld verkauft werden, weil sie (normalerweise) verträglicher sind und etwas besser in Gruppen gehalten werden können. Männliche Tiere, die als Fundtiere zu uns in die Auffangstation kommen, werden so gut wie nie von ihren Besitzern abgeholt, die meisten sind froh, sie los zu sein. Weibliche Tiere werden in der Regel immer vermisst und recht schnell abgeholt. Somit steht die Auffangstation ständig vor der Herausforderung, dutzende bis hunderte männlicher Griechischer Landschildkröten unterbringen zu müssen. Dies gelingt uns sehr gut durch verschiedene, naturnah gestaltete Gehege in großen Gewächshäusern. In diesen Gehegen wachsen dichte Bü- sche und Sträucher, es sind viele Felsen, Steine und Wurzeln eingebracht und Erdhügel aufgeschüttet, sodass selbst in Gehegen, in denen mehrere Männchen zusammenleben müssen, nach anfänglichen Kabbeleien im Frühling Ruhe einkehrt, da die Männchen sich optisch immer aus dem Weg gehen können. Außerdem herrscht in diesen Gewächshäusern ein mediterranes Klima. Bei der Fütterung wird darauf geachtet, dass die Tiere ähnliches Pflanzenmaterial erhalten, wie sie im natürlichen Habitat finden, also im Sommer bis Herbst vermehrt alte, ausgewachsene Pflanzen, zum Teil bereits verholzt, mit hohem Rohfaseranteil und wenig Protein. Unabdingbar ist außerdem, die Tiere sehr gut im Blick zu behalten und besonders „streitsüchtige“ Männchen aus der Gruppe zu entfernen. Die naturnahen Gehege sorgen dafür, dass die Tiere nicht nur mit sich selbst und ihren Artgenossen, sondern mit ihrer abwechslungsreichen Umgebung beschäftigt sind, mit Futtersuche, Komfortverhalten usw.

THP 2 20 Final klein Page43 Image1Leider sind jetzt einige Halter auf die Idee gekommen, dass man durch Kastration der männlichen Tiere deren Sexualtrieb ausschalten und sie somit in Gruppen halten kann, ohne dass sie die Weibchen bedrängen oder sich gegenseitig bekämpfen. Begründet wird das gerne mit der zusätzlichen Problematik, dass Griechische Landschildkröten häufig eine Mykoplasmeninfektion in sich tragen. Dies sind Bakterien, die sich in die Zellen zurückziehen und somit nicht angreifbar sind. Einmal infiziert, trägt eine Schildkröte die Bakterien für den Rest ihres Lebens in sich. Wenn das Immunsystem der Schildkröte aus irgendwelchen Gründen zu kämpfen hat, besteht immer die Gefahr eines Schubes oder Mykoplasmen-Ausbruchs. Das bedeutet, die Schildkröte bekommt eine Art Schnupfen mit verschleimter Nase, tränenden Augen und geschwollenen Augenlidern. Viele stellen dadurch auch das Fressen ein. Bei anderen Arten außer Griechen kann dieser Schub schwerwiegendere Folgen haben, von Nekrosen der Nasenschleimhaut und darunter liegender Strukturen bis hin zur Lungenentzündung. Allerdings verlaufen Mykoplasmeninfektionsschübe bei Griechischen Landschildkröten in der Regel sehr mild, und zumindest die Symptome sind sehr gut therapierbar. Die Argumentation der Kastrationsbefürworter ist, dass Männchen, die mit Mykoplasmen infiziert sind, durch den Stress in der Gruppe bzw. das Dauerbalzverhalten den Weibchen gegenüber oder durch ständige Weibchensuche, selbst wenn sie allein sitzen, für Mykoplasmenschübe anfälliger sind und diese auf jeden Fall verhindert werden müssen. Deswegen wäre eine Kastration medizinisch indiziert.

THP 2 20 Final klein Page44 Image3Das sehen wir von der Auffangstation und auch die TVT (Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz) anders: Der Stress der Tiere ist ein Resultat der falschen Haltung! (Zwanghafte Gruppenhaltung, zu wenig Sichtschutz/Versteck- und Ausweichmöglichkeiten, zu reichhaltiges Futter, „Simulieren von Frühling“ das ganze Jahr über, zu viele Tiere auf zu engem Raum, die sich sehen, hören und riechen können, selbst wenn sie in verschiedenen Gehegen sitzen usw.) Dies kann und muss geändert werden, bevor man anfängt, einem Wildtier gesunde Organe zu entfernen. Die Haltung hat sich dem Tier anzupassen, nicht das Tier der Haltung! Eine tiermedizinische Indikation für eine Kastration ist eine Mykoplasmeninfektion mit Sicherheit nicht, genauso wenig wie Stress durch Haltungsfehler oder Platzmangel in Privathaltungen! Sollten alle genannten Haltungsveränderungen bei einem einzelnen Tier nicht zum Erfolg führen, dann erst ist eine Kastration zum Schutz des Tieres in Erwägung zu ziehen.

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Fotos: Auffangstation für Reptilien, München e.V.

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