Tapen in der Pferdetherapie: Kleines „Pflaster“ mit großer Wirkung

201702 Tapen1 Taping hat sich in der Humanphysiotherapie bereits voll etabliert, und für viele Spitzensportler ist ein Leben ohne diese Behandlungsmethode nicht mehr denkbar.
Hier stellt sich dem Laien oft die Frage: Warum? Für die meisten ist nicht erkennbar, warum bunte Klebestreifen besser oder generell helfen sollen. Es ist also an uns, Aufklärung zu leisten und diese wunderbare Therapiemethode auch im Veterinärbereich zu etablieren, denn viele Hunde und Pferde sind Spitzensportler, auch wenn die Besitzer das leider oft nicht so wahrnehmen!
Ist die erste Hürde überwunden, sind die Besitzer in der Regel für das Tapen, es bleibt aber immer ein letzter Punkt offen, denn dass es beim Menschen wirkt, ist nachvollziehbar. Dort klebt das Tape ja direkt auf der Haut. Aber wie soll das beim Tier auf dem Fell gehen? Diese Frage ist durchaus berechtigt und stellt sich wahrscheinlich jedem von uns, der sich noch nicht näher mit dem Thema befasst hat.

Auf Reiz folgt Reaktion

Muskulatur, Sehnen und Bänder lassen sich beeinflussen. Die Muskulatur ist nicht nur willentlich steuerbar, sondern ich kann dem Körper entsprechende Reize senden, worauf das Gehirn mit meiner gewünschten Reaktion reagiert. So sitzen an den Haarbälgen die Propriozeptoren, die dem Gehirn mitteilen, was mit der Spannung des Muskels passieren soll. An den Bändern (Ligamenten) ist es das Golgi-Sehnenorgan, das die gleiche Aufgabe übernimmt. Tiere reagieren wesentlich feiner auf Reizung der Propriozeptoren, als wir Menschen es können. Haben Sie dem Tierbesitzer erklärt, warum Tapes trotz Fell wirken, lässt es sich an einem wunderbaren Beispiel verdeutlichen, wie fein Tiere auf einen Reiz des Fells mit einer Reaktion des Muskels reagieren. Wir alle wissen, wie Pferde reagieren, wenn eine Fliege auf dem Fell sitzt und kitzelt – sie versuchen, die Fliege durch Muskelzucken zu vertreiben. Sitzt bei uns eine Fliege auf dem Arm und kitzelt uns, können wir diese Muskelreaktion nicht abrufen. Ich habe es schon häufig probiert und würde mir wünschen, ich könnte diese Reaktion zeigen, aber wir Menschen können es nicht. Dieses Beispiel macht jedem Besitzer klar, wie feinfühlig Tiere auf äußere Reize – auch auf das Fell wirkend – reagieren, und das machen wir uns zunutze.

Aufs Fell geklebt

201702 Tapen2Je nach Art und Länge des Fells ist es zwar manchmal nötig, dieses zu kürzen, aber kleben wir aufs Fell, haben wir eine deutlich höhere Wirksamkeit, als wenn wir auf blanke Haut kleben, denn dann sprechen wir nicht die Propriozeptoren an, sondern den Muskel direkt, und die Wirkung ist abgeschwächt.
Mit den Tapes haben wir verschiedene Behandlungsmethoden. Es gibt Anlagevariationen, um gezielt auf Muskel, Faszien, Ligamente, Lymphbahnen und Gelenkstellungen einzugehen. Ohne Einsatz von Medikamenten, was besonders für Turnierpferde interessant ist, denn diese Methode führt nicht zwingend dazu, dass ein Turnierpferd aufgrund einer Behandlung nicht starten darf. Ob es ratsam ist, dieses Pferd trotz Behandlung zu reiten, muss dann individuell abgestimmt werden. Aber Tapen zählt nicht als Doping, solange die Tapes vor Betreten des Abreiteplatzes entfernt werden. Gäbe es repräsentative Studien über die Wirksamkeit der Tapes, würde der eine oder andere seine Fläschchen mit Medikamenten zur Entspannung der Muskulatur mit Sicherheit gegen ein paar Rollen Tapes tauschen!

Tierheilpraktiker auf dem Vormarsch

Da sich immer mehr Tierärzte für alternative Heilmethoden öffnen, besonders im Bereich der Physiotherapie und bei Erkrankungen des Bewegungsapparates, sollten wir diese Chance nutzen, um uns und unsere Fähigkeiten zu etablieren, oder fällt Ihnen eine bessere Möglichkeit ein, eine gereizte Sehne zu entlasten? Einem Mensch würde man Unterarmgehstützen verordnen und das Bein schonen lassen. Aber haben Sie schon mal versucht, das mit Ihrem Pferd oder Hund zu machen?
Mit den Tapes haben wir eine Behandlungsmöglichkeit an die Hand bekommen, die uns Türen öffnet, die für viele lange verschlossen waren, denn mit ihnen haben wir die Möglichkeit, aktiv eine Sehne zu entlasten. Und die Erfahrung zeigt, dass Tierärzte und Kliniken Tapes sehr schätzen und in diesem Bereich gerne mit uns zusammenarbeiten.
Die Tapes sind bei korrekter Anlage imstande, die unter ihnen befindlichen Strukturen zu manipulieren – mit ihnen kann tonisierend wie auch detonisierend gearbeitet werden. Sie können verklebte Faszien lösen oder zur Stellungskorrektur eingesetzt werden.
Leider können sie falsch angewendet werden oder Wirkungen haben, die nicht gewünscht sind und mitunter den Zustand verschlechtern. Auf den ersten Blick sehen viele Anlagen gleich aus, doch das geübte Auge kann erkennen, ob es sich um eine korrekte Anlage handelt oder nicht. Daher sollte Taping eine Behandlungsmethode sein und bleiben, die in Therapeutenhand gehört!

Cross Tapes

201702 Tapen3Neben den klassischen Tapes gibt es noch eine Sonderform – die Cross Tapes. Die Wirkungsweise dieser beruht auf dem Prinzip der Akupunktur, d.h., die Cross Tapes wirken auf genau definierten Stellen, den Meridianen, entlang des Körpers. Die Lehre der Traditionellen Chinesischen Medizin sieht die Lebensenergie Yin & Yang beim gesunden Tier im Gleichgewicht. Narben, Entzündungen oder Verklebungen im Körper führen dagegen zu einem Ungleichgewicht. An dieser Stelle setzen Akupunktur und Cross Tapes an. Sie stellen das Gleichgewicht der Lebensenergie wieder her, indem gezielt Punkte entlang der Meridiane stimuliert werden. Der eigentliche Schmerzpunkt kann dabei weit entfernt vom Behandlungspunkt liegen, denn die Energie-Leitbahnen verlaufen über den gesamten Körper. In der Traditionellen Chinesischen Akupunktur werden etwa 400 Akupunkturpunkte unterschieden.
In der westlich geprägten Schulmedizin sind die Wirkungsprinzipien der Akupunktur nicht erfassbar. Mithilfe der Kernspintomografie fand man jedoch heraus, dass Gehirnbereiche, die mit einem Akupunkturpunkt in Verbindung stehen, eine erhöhte Aktivität aufweisen. Die Wirksamkeit der Akupunktur wurde in den letzten Jahren in der Humanmedizin bei vielen Beschwerden wie Kopf-, Rücken- und Gelenkschmerzen durch breit angelegte Studien nachgewiesen. Ein Cross Tape wirkt wie die Nadeln bei der Akupunktur, der Fingerdruck, die Massage bei Shiatsu oder Akupressur durch die Reizung der Akupunkturpunkte. Das kleine, leicht anzulegende Cross-Tape-Pflaster ist damit eine unkomplizierte und problemlos anwendbare Methode. Das Gewebe unter dem Cross-Tape-Pflaster wird stimuliert, wodurch Verklebungen gelöst und der Energiefluss angeregt wird.

Tapen bei Schmerzen

Besonders etabliert hat sich der Einsatz von Tapes bei Schmerzen. Das klinische Wörterbuch Pschyrembel definiert Schmerz als eine „[...] komplexe Sinneswahrnehmung unterschiedlicher Qualität (z.B. stechend, ziehend, drü- ckend), die in der Regel durch Störung des Wohlbefindens als wichtiges Symptom von Bedeutung ist und in chronischer Form einen eigenständigen Krankheitswert erlangt“. Der Brockhaus gibt den Schmerz als einen „auf physischer und psychischer Ebene als leidvoll erlebten Zustand“ an. Und ein „[...] modernes Behandlungszentrum weist sein Personal offen an, dass Schmerz alles das ist, was ein Patient angibt“. Dies sind ganz unterschiedliche Definitionen von Schmerz, doch sind sie jeweils zutreffend, und es wird wahrscheinlich noch unzählige andere Beschreibungen von Schmerz geben, die ebenso gültig sind. Was für uns bedeutet, dass wir im Rahmen der Untersuchung herausfinden müssen, was unser Patientenbesitzer von den Schmerzen, die sein Tier hat, weiß, z.B. bei verschiedenen Bewegungen, bei denen Schmerzäußerungen zu hören sind, oder ob einzelne Bewegungen gar nicht mehr möglich sind. Da viele Besitzer bei einer gezielt gestellten Frage oft keine präzise Antwort geben können, ist es an uns, herauszufinden, ob das Tier Schmerzen hat. Oft erfahren wir während der Untersuchung, dass den Besitzern doch schon hin und wieder etwas aufgefallen ist, was sie aber nicht weiter berücksichtigt haben. Schmerzen müssen nicht immer mit Zahnschmerzen oder Ohrenschmerzen vergleichbar sein, z.B. gerade beim Thema Taping müssen wir auch immer Bewegungseinschränkungen berücksichtigen. Wir alle kennen das Phänomen eines „steifen Halses“, z.B. durch Zug oder eine falsche Bewegung, dann haben wir auch Schmerzen, aber oft nur in dem Moment, in dem wir unseren Kopf weiter bewegen wollen, als das unsere verspannte Halsmuskulatur zulässt. Daher müssen wir bei einer Allgemeinuntersuchung auch die Beweglichkeit der Gelenke prüfen und vorher nach bekannten Erkrankungen wie Arthrose usw. fragen.

Fazit

Tapen ist eine wunderbare Ergänzung und lässt sich nahezu bei jeder Behandlung mit einbringen. Man sieht schnell Erfolge, was nicht nur uns glücklich stimmt, sondern auch den Tierbesitzer, und vor allem das Tier.

SABINE ROSNERSABINE ROSNER

TIERHEILPRAKTIKERIN
MOBILE PRAXIS IN OSTWESTFALENLIPPE

 

TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE:

  • Behandlung von Pferden und Heimtieren
  • Laboruntersuchungen
  • International zertifizierte EquiK-Taping®  Therapeutin
  • Tierarzthelferin mit 10-jähriger Berufserfahrung
  • Dozentin an den Paracelsus Schulen

KONTAKT
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Fotos: © Kzenon – Fotoli, Tatyana Gladskih – Fotolia

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