Tierpfleger für einen Tag: Erlebnisbericht

201502 Tierpfleger1Wir alle haben oder hatten unsere Traumberufe: Lokomotivführer, Astronaut oder Tiefseeforscher. Meiner war Tierpfleger. Leider oder im Nachhinein vielleicht zum Glück war kein Zoo in erreichbarer Nähe und der Berufswunsch meinen konservativen Eltern ohnehin zu ausgefallen. „Kind, geh ins Büro, da ist es immer sauber“, bekam ich von meinen Eltern zu hören. Und so kam es, wie es kommen musste: Ich erlernte den Beruf der Buchhalterin.

Durch einen Zufall hörte meine Freundin dann im Radio von einem Angebot, im Zoo als Tierpfleger für einen Tag ein „Praktikum“ absolvieren zu können. Und da ohnehin mein Geburtstag anstand, beschloss sie, mir dieses Erlebnis zu schenken.
Die Freude war natürlich groß, und das Fragezeichen auf meiner Stirn auch, denn es standen verschiedene Bereiche zur Auswahl. Als begeisterte Terrianerin wählte ich schließlich das Regenwaldhaus mit Schmetterlingen, Blattschneideameisen, Phasmiden, Echsen und Schlangen.
Als der Tag des Praktikums dann endlich gekommen war, zog ich im Zoo in die Riege der Tierpfleger ein. Noch vor allen Besuchern durfte ich ins Schmetterlingshaus, um die Nektartöpfe zu reinigen und neu zu befüllen. Die farbenfrohen Insekten waren schnell zur Stelle und begierig darauf, die Blütenpollen und Obststücke zu verkosten. Endlich einmal ungestört und alleine mit diesen Exoten in einem ihren Bedürfnissen entsprechenden Raum zu sein, war schon ein erhebendes Gefühl.

Ich ließ mir das Verhalten der Blattschneideameisen erklären und konnte beobachten, wie diese fleißigen Tiere auf einer wasserumspülten Insel ein (fast) freies Leben führen können. Dann durfte ich noch helfen, die zugelaufenen Wasserschildkröten zu pflegen, die Käfige von Kornnattern und Geckos zu reinigen und Futter für die Fledermäuse zu mischen.

201502 Tierpfleger2Feuer und Flamme, wie ich nach diesem erlebnisreichen Tag war, wurde mir ein zweiter Schnuppertag in Aussicht gestellt und ich suchte mir einen neuen Bereich zur Tierpflege aus: die Tierbeschäftigung. Diesmal waren mehrere Tierpfleger am Einsatzort. In vorgefertigten und mit Bohrungen versehenen Holzblöcken versenkten wir Stücke von Mandeln und Rosinen als Kleber, um die Affen mit Auspuhlen der Leckereien zu beschäftigen. Eine naturnahe Beschäftigung, da wildlebende Primaten Maden und Insektengelege auch aus den morschen Baumstücken und hinter Rinden hervorholen müssen.
Für Stachelschweine füllten wir große Tannenzapfen mit Rosinen und für ein älteres Affenpaar mit nicht mehr sehr gutem Gebiss wurden Tannenzapfen mit Quark gefüllt. Den Pavianen füllten wir Leckereien in nicht mehr ganz so pralle Bälle, die ein Sportverein gesponsert hatte. Anschließend haben wir noch viele Pakete mit Honig bestrichenem Packpapier und darauf gestreuten Nüssen und Rosinen gepackt. Derart ausgerüstet starteten wir dann, um die Zootiere zu bespaßen und letztendlich auch zu füttern. Zunächst wurden am Pavianfelsen die Bälle ausgegeben und auch freudig in Empfang genommen, ebenso wie die gefüllten Holzklötze, die unter den Pavianen gleich begeisterte Abnehmer fanden.

Nachdem die Stachelschweine ihre gefüllten Zapfen bekommen hatten, näherten wir uns dem Höhepunkt des Tages: den Menschenaffen. Unsere begleitende Tierbeschäftigungstherapeutin erklärte uns zuvor noch, dass einer der Gorillas malbegabt sei und schon einige Bilder angefertigt hätte. Sie berichtete davon, dass der Silberrücken sogar mit ihr auf eine nonverbale Art kommunizieren würde.
Wir waren also sehr gespannt. Als wir das Menschenaffenhaus betraten, schlug uns aber zunächst ein extremer Geruch und das Geschrei der Schimpansen entgegen. Eine johlende Schulklasse verließ fluchtartig den Raum, als die Affen sie mit Kot bewarfen. Uns traf das gleiche Schicksal, denn offensichtlich hatten die Kinder einen Streit mit den Affen angezettelt. Die Situation beruhigte sich jedoch, nachdem die Tiere ihre Futterpakete erhalten hatten.
Die Therapeutin erklärte uns zu den Gorillas, dass einmal ein Kind mit einer Gesichtsbemalung, wie dies zur Kinderbelustigung auf Jahrmärkten und Festen verbreitet ist, das Affenhaus betreten hatte, was dazu führte, dass sich der Gorilla offensichtlich an seine Gefangennahme erinnerte, denn die Affenfänger damals hatten auch Masken getragen, sodass die Erinnerung daran den Affen in Panik versetzte. Der große Gorillamann im Affenhaus würdigte uns keines Blickes. Er tat unbeteiligt und strafte uns mit Missachtung. Nachdem er gerufen wurde und sein Fresspaket erhalten hatte, legte er sich etwas abseits in einen Graben und packte genüsslich aus. Ich beobachtete ihn, bis er aufstand und mit seinem Paket in einen nichteinsehbaren Bereich des Geheges verschwand. Ich ertappte mich als Spanner und fühlte mich unwohl. Auf dem Heimweg ließ ich den Tag schließlich Revue passieren. Tierbeschäftigung schön und gut, aber ist das wirklich eine sinnvolle Beschäftigung für ein Tier, dessen Erbgut zu 98,4 Prozent unserem gleicht? Kann ich einem Gorilla ein erfülltes Leben bieten, indem ich ihn Bilder malen lasse? Wenn sich der Primate so genau an seine Gefangennahme erinnern kann, wie können wir es uns anmaßen, ihn in ein Gefängnis zu sperren und den Blicken, Späßen und wohltätigem Zuwerfen von Nüssen und Rosinen auszusetzen?
War mein erster Tag als Tierpfleger-Praktikant im Zoo noch so sehr erfüllend und vom Gedanken geprägt, dass die Tiere im Zoo bestmögliche Unterkunft und Versorgung haben, so war der zweite Tag doch ernüchternd. Ich kann und will die Tierhaltung nicht anprangern, denn ein Schmetterling fühlt sich im geschützten und gut versorgten Tropenhaus sicher ebenso wohl wie in der freien Natur. Auch mein Hund hat sich als domestiziertes Haustier nicht nur an ein Leben mit dem Menschen gewöhnt, er ist mit einem Wildtier nicht mehr zu vergleichen. Aber ein Gorilla? Ein Schimpanse? Ich glaube nicht, dass man den Film „Planet der Affen“ gesehen haben muss, um das Unrecht zu begreifen.

Ich bin aufgewacht und sehe das Leben im Zoo heute anders. Der Zoo ist für mich passé. Ich kann nicht genießen, wenn andere Kreaturen dafür leiden, und ich glaube auch nicht, dass der Zoo eine Bildungsaufgabe hat. Durch die heute mögliche Technik muss man keinen Tiger mehr im Käfig sehen, um zu sehen, wie er sich bewegt. Wir alle kennen Dinosaurier besser als die 39 Arten von Regenwürmern in Deutschland. Ich stelle nun auch den Sinn und Zweck der Nachzucht von Tierarten in Frage, die nicht mehr in ihr natürliches Verbreitungsgebiet zurückkehren können und für immer ihr Dasein im Zoo hinter Mauern und Gittern fristen müssen.

Um meiner Begeisterung für Tiere Rechnung zu tragen, ohne auf eine Zurschaustellung von „Mitwesen“ zurückgreifen zu müssen, bin ich im Nachhinein froh, mir meinen Berufswunsch nicht erfüllt zu haben. Ich bestreite meinen Lebensunterhalt nach wie vor als Buchhalterin und habe ein nebenberufliches Studium zur Tierheilpraktikerin abgeschlossen. So kann ich mich heute finanziell abgesichert im Tierschutz engagieren und mit Tieren arbeiten, ohne sie zu demütigen.

SABINE WASSMANN SABINE WASSMANN
TIERHEILPRAKTIKERIN

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