PHLEGMONE BEIM PFERD: Therapie mit Blutegeln

Unter einer Phlegmone versteht man einen flächenhaft entzündlichen Prozess des Zell- und Lymphgewebes, der meist durch eine verunreinigte Wunde entsteht. Die Wunde schließt sich und darunter entsteht ein Entzündungsprozess, der sich weiter ausbreitet und zu nekrotischem Gewebe (Gangrän) führt. Da sich die Entzündung extrem schnell ausbreitet, wird der Prozess bzw. eine Phlegmone auch als „Einschuss“ bezeichnet. Bei Pferden und Rindern sind häufig Stellen an den Extremitäten betroffen, von denen aus sich die Schwellungen bis hin zum Kronrand ausbreiten. Auch kann die Schwellung in Richtung Leiste, in schweren Fällen auch in Richtung Schlauchtasche/Zitzen wandern. Die Phlegmone ist meist ein kaltes Geschehen, mit starker, im fortgeschrittenen Stadium sehr fester Schwellung. Erst im späten Stadium wird sie eitrig-nekrotisierend. Im Anfangsstadium ist sie serös.

Fallbeispiel

In meiner Tierheilpraxis ruft mich eines Tages eine Kundin verzweifelt an und fragt, ob man eine leichte Phlegmone auch naturheilkundlich behandeln könne. Sie wolle eine Antibiotikatherapie umgehen, da ihr Pferd in der Vergangenheit aufgrund von Verletzungen sehr oft antibiotisch behandelt wurde und sie nun versuchen möchte, einen alternativen Weg zu gehen. Ich vereinbare einen Termin und finde das Pferd (Trakehner, 19 Jahre, nicht für die Lebensmittelgewinnung bestimmt) mit einer mittelstarken Phlegmone am linken Hinterbein vor. Die Verletzung ist deutlich lateral des Sprunggelenks sichtbar. Die Wunde ist bereits geschlossen und etwa 1 Tag alt. Vom Sprunggelenk abwärts ist eine deutliche Schwellung seitlich der Röhre bis hin zum Fesselgelenk zu sehen. Bei der Palpation hat das Pferd deutliche Schmerzen. Die Schwellung ist um die Wunde herum warm, der Einschuss im weiteren Verlauf kalt. Der Umfang hat noch die Dicke des Sprunggelenks eingenommen und ist außen deutlich stärker ausgeprägt als an der Beininnenseite.

201502 Phlegmone1Therapie

Nach eingehender Untersuchung des Pferdes (Herz-Kreislauf, Körpertemperatur, Schleimhäute, Allgemeinzustand) setzte ich Blutegel entlang des linken, lateralen Hinterbeins an. Ich verteile insgesamt sieben mittelgroße Blutegel, beginnend mit zwei Egeln direkt neben der Verletzung und die restlichen entlang der Hauptschwellung bis zum Fesselgelenk. Zusätzlich verabreicht die Besitzerin dem Pferd Lymphomyosot N zur Unterstützung des Lymphflusses. Außerdem einmalig sechs Globuli Lachesis D30.
Nach 12 Stunden kontrolliere ich das Bein und man kann bereits einen deutlichen Rückgang der Schwellung vom Sprunggelenk abwärts bis zur Mitte des Röhrbeins erkennen. Der Rest der Schwellung ist bis zum Kronrand leicht abgesackt. Die Schwellung ist insgesamt weicher und das Pferd nicht mehr so druckdolent wie am Vortag. Die Gabe von Lymphomyosot N wird wiederholt und nach 12 Stunden werden erneut 4 Egel an der verbliebenen Schwellung angesetzt.
Wiederum 12 Stunden später kontrolliere ich das Bein erneut. Es zeigt sich ein noch deutlicherer Rückgang der Schwellung, sodass ich entscheide, dass keine erneute Blutegeltherapie notwendig ist. Die Gabe von Lymphomyosot N wird noch zwei weitere Tage wiederholt und auf das Bein zusätzlich Heilerde aufgetragen (ausgenommen an den Egelbissstellen). Der Beinumfang hat sich nach drei Tagen bereits komplett normalisiert.

201502 Phlegmone2

Erklärung

Durch die Blutegel wird der gestaute Lymphfluss wieder angeregt und die Entzündung durch entzündungshemmende Stoffe im Blutegelspeichel gelindert. Die Durchblutung wird angeregt und erleichtert den Abtransport von Schlackstoffen aus dem Lymphgewebe. Die Schwellung geht zurück und das Gewebe wird wieder weicher. Durch die lokale Behandlung wird der Allgemeinzustand des Pferdes nicht beeinträchtigt. Bei richtiger Anwendung treten bei einer Blutegeltherapie kaum Nebenwirkungen auf.
Die Blutegeltherapie wird seit über 2000 Jahren als Ausleitverfahren angewendet und zeigt bis heute eine beeindruckende Wirkung bei der Linderung von Schmerzen und der Regenerierung von Knochen, Sehnen, Muskeln und Bändern des gesamten Bewegungsapparates. Auch kommt die Blutegeltherapie zum Einsatz bei Arthrose, Arthritis, Hufrehe, Druckstellen, Ekzemen, Behandlung von Narbengewebe, Abszessen, Hämatomen, Ödemen, Phlegmone, Mauke und Entzündungen der Nerven.

Blutegel

201502 Phlegmone3Die am häufigsten verwendeten Egel sind Hirudo medicinalis und Hirudo verbana. Sie unterscheiden sich nur in ihrer Zeichnung, nicht in ihrer Wirkungsweise.
Der Blutegel gibt über seinen Speichel (Saliva) verschiedene Sekrete ab. Die bekanntesten sind:

HIRUDIN
Wirkt stark gerinnungshemmend und fördert den Blutfluss. Es handelt sich um einen Hemmstoff des Thrombins (Thrombin ist zuständig für die Blutgerinnung).

CALIN
Wirkt ebenfalls gerinnungshemmend und sorgt für eine lange Nachblutungszeit.

HYALURONIDASE
Wirkt leicht antibiotisch und erhöht die Durchlässigkeit der Zell- und Gefäßwände.

Der Egel saugt in der Regel zwischen 20 und 80 Minuten, je nach Größe des Egels. Die Nachblutungszeit liegt zwischen 6 und 24 Stunden. In der Regel hört die Blutung bei Pferden nach 6 bis 8 Stunden auf.

Wie in der Homöopathie kann es auch bei der Blutegeltherapie zu einer Erstverschlimmerung kommen. Auch können entzündliche Reaktionen an der Bissstelle auftreten, die mit Rötung und Schwellung einhergehen. Diese klingen in der Regel nach 2 bis 3 Tagen wieder ab.

Kontraindikationen

  • Anämie (Blutarmut)
  • Blutverdünnende Medikamente und die Gabe von Schmerzmittel
  • Therapie mit Hyaluronsäure (lokal)
  • Schlechter Allgemeinzustand
  • Herz-/Kreislauferkrankungen
  • Diabetes mellitus
  • Histaminallergie
  • Leukämie
  • Magengeschwür
  • Maligne (bösartige) Tumore
  • Trächtigkeit

MÖGLICHE NEBENWIRKUNGEN

  • Rötung und Schwellung im Bereich der Bissstelle
  • Anschwellen der behandelten Stelle und umliegenden Areale
  • Lange Nachblutungszeit
  • Allergische Reaktionen (meist lokal)
  • Juckreiz
  • Müdigkeit

Der Tierbesitzer muss vor dem Blutegeleinsatz ausführlich über den Vorgang, die lange Nachblutungszeit und mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt werden. Die Kruste, die an der Bissstelle entsteht, darf keinesfalls entfernt werden, da dies zu einer Entzündung führen kann.

CINDY MÜLLER CINDY MÜLLER
TIERHEILPRAKTIKERIN MIT MOBILER TIERHEILPRAXIS FÜR HUNDE, KATZEN UND PFERDE IM RAUM FRANKFURT/M.

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