Tierschutz in Manduria, Italien

Foto: GollwitzerMANDURIA: EIN ORT, WO SÜDITALIENS HUNDE
HOFFNUNG SCHÖPFEN

Die alte Frau hat Schwierigkeiten zu gehen. Sie hat den beschwerlichen Weg auf sich genommen, um ihn wiederzusehen. Der kleine schwarze Straßenhund wirft sich gegen ihre Knie und wedelt mit seinem ganzen schmächtigen Körper. Es ist eine Begegnung, die einen langen Nachhall hat – für einen Ort, an dem die Straßenhunde Süditaliens Hoffnung schöpfen können. Manduria, einst eine der schlimmsten Canile in der Region, ist dank des Einsatzes von Tierschützern zu einem Tierheim der offenen Türen geworden. Ein steiniger Weg, der noch lange zu gehen ist.

Foto: ShutterstockJahrelang hat sich die alte Frau um den Straßenhund gekümmert, ihm Futter und Wasser gebracht. Jetzt ist er in Manduria untergebracht, wird medizinisch versorgt und v. a. kastriert. Es ist ein rührendes Wiedersehen zwischen Retterin und Gerettetem. Eine Begegnung, die für den Wandel von Manduria steht. „Wer jemals ein Canile von innen gesehen hat, wird diese Bilder nie mehr vergessen“, erklärt uns Dr. Roland Eichler. „Es ist nicht der Gestank, die knöchelhohen Exkremente, in denen die Hunde stehen oder die bedrückende Enge, in denen sie zusammengepfercht sind und kaum Futter bekommen. Es sind diese leeren Blicke von Hunden, die sich aufgegeben haben und nur noch auf ihren Tod warten.“ Der Vorsitzende des Tierschutzprojektes Italien e. V. kennt die Situation in Süditalien seit mehr als zehn Jahren. „Allein in Apulien leben vorsichtig geschätzt 80.000 Straßenhunde. Jedes Jahr werden rund 50.000 Welpen auf den Straßen geboren, 40.000 davon sterben in den ersten Wochen. Nur selten werden Haushunde kastriert. Entsorgt auf der Straße, sorgen sie für die Vermehrung des Elends, das in seiner Grausamkeit schwer beschreibbar ist.“ Kaum ein Straßenhund überlebt die ersten Jahre seines Lebens: Hunger, Krankheiten und die ständige Bedrohung durch grausame Misshandlungen der Anwohner, denen die vagabundierenden Straßenhunde ein Dorn im Auge sind. Spätestens in den heißen Sommermonaten verdursten viele auf der aussichtslosen Suche nach Wasser.


Eingefangen, um zu sterben: Katastrophale Zustände in den Canili

Schlimmer noch trifft es die Hunde, die durch Hundefänger aufgegriffen werden und im Canile landen, in einem der meist privat geführten Tierheime in der Region. In den Auffanglagern vegetieren hunderttausende Hunde ihrem Tod entgegen. Selten verlässt ein Hund lebend ein Canile. Adoptionen sind nicht erwünscht. Denn sie gehören nicht zum Geschäftsmodell der Canili. Die sog. Business Canili erhalten pro Hund eine Tagespauschale. Je mehr Hunde und je weniger Ausgaben, umso lukrativer das Geschäft. Es ist eine einfache Rechnung, die den Betreibern der Canili jährlich Millionen Euro in die Kassen spült. Was das für die Hunde bedeutet? Ständiger Hunger, keinerlei ärztliche Versorgung, ein Leben hinter Gitterstäben auf hartem Betonboden, ein Dahinvegetieren in den eigenen Exkrementen, ohne Tageslicht, geschweige denn Freigang. Aus Hunger und Enge kommt es nicht selten zu Beißereien, deren Verletzungen nicht behandelt werden. Der Tod ist zumeist die einzige Erlösung, die die Hunde erwarten können.
Das Geschäftsmodell Canile ist nicht nur ein Tierleid, das hinter geschlossenen Türen stattfindet. Es erklärt auch, warum eine gezielte Populationskontrolle seit Jahren scheitert. Das Geschäft mit den Straßenhunden hat sich mittlerweile zu einem europaweiten Milliardengeschäft entwickelt, das durch fehlgeleitete EU-Gelder für den vermeintlichen Tierschutz zusätzlich genährt wird.


Warum so viele Kastrationsvorhaben am Geschäftsmodell Business Canile scheitern

Foto: GollwitzerPunktuelle Kastrationsmaßnahmen sind damit fast ausnahmslos zum Scheitern verurteilt. Aber wo liegt die Lösung? Das Tierschutzprojekt Italien e. V. geht einen anderen Weg, der v. a. auf die Einbettung aller Aktionen in den regionalen Strukturen beruht. Gemeinsam mit dem italienischen Tierschutzverein Associazione Protezione del Cane Gaia O.N.L.U.S. in Manduria/Apulien und in Kooperation mit dem in der Schweiz ansässigen Tierschutzverein SOSStraßenhunde, der seit Jahren in Apulien aktiv ist, soll das Problem der Straßenhunde an der Wurzel bekämpft werden. Das heißt: Der Verein setzt nicht auf die tausendfache Vermittlung von Straßenhunden ins Ausland, sondern auf ein nachhaltiges Umdenken in Bevölkerung und Politik. „Nur wenn der Nachschub an unkastrierten Haushunden gestoppt wird,“ so Dr. Roland Eichler, „wenn Hunde – wie es bereits Vorschrift ist, aber selten umgesetzt wird – gechippt und registriert sind, nur dann wird in Italien das Elend der Straßenhunde eine humane und gleichzeitig nachhaltige Lösung finden.“ Dazu gehört massive Aufklärungsarbeit, auch und v. a. über die Zustände in den Canili, die der Öffentlichkeit aus erklärlichen Gründen so gut wie nicht zugänglich sind.


Neue Wege in Sachen Tierschutz: Das Leuchtturmprojekt Oasi Nuova Vita

Und es geht darum, praktische Lösungen aufzuzeigen und zu unterstützen: Die Associazione Protezione del Cane Gaia O.N.L.U.S unter dem Vorsitz von Luigia Parco setzt neben der Nothilfe für Straßenhunde auf regelmäßige Sterilisationskampagnen von Straßen- und Privathunden. Adoptionen von Straßenhunden, die in Italien immer noch zur Ausnahme gehören, unterstützt der Verein durch die Kostenübernahme von Kastration, Chipen und dem Eintrag in das städtische Hunderegister. Dadurch wird das Aussetzen der Hunde gleichzeitig deutlich erschwert. Die gechipten und kastrierten Straßenhunde werden NICHT ins Canile gebracht, solange sie sich unauffällig verhalten. Sie werden dann als „Hund der Region” geduldet und mit einem farbigen Halsband gekennzeichnet. Eine Alternative, die wesentlich humaner ist als das Dahinvegetieren in einem der Canili.
Auch zum eigentlichen Problem der Business Canili setzt der Verein auf ein Modellprojekt, das Vorbild für ganz Italien sein könnte. Errichtet auf einem rund 10.000 qm großen Grundstück ist das Oasi Nuova Vita ein modernes Tierschutzzentrum mit geplanter Kranken- und Kastrationsklinik sowie einem Welpenhaus. Hier beweist sich, dass Tierschutz und Populationskontrolle ohne Einschränkungen ineinander greifen. Die Hunde sind in Freilaufgehegen untergebracht, erhalten medizinische Versorgung und Zuwendung. Aber Ziel ist nicht die dauerhafte Aufbewahrung von Hunden, sondern nach erfolgter Kastration die Rückführung der gesunden und unauffälligen Hunde in die Reviere. Nur kranke und alte Tiere, die auf der Straße nicht überlebensfähig wären, sollen in dem im Bau befindlichen Casa Nuova Vita ein Refugium auf Lebenszeit erhalten.


Ein zähes Ringen gegen Bürokratie und wirtschaftliche Interessen

Foto: GollwitzerDie Rücksiedlung in die Reviere ist deshalb so entscheidend, um Kapazitäten des Tierschutzzentrums für die schrittweise Kastration der Straßenhunde frei zu halten, ebenso wie für die Aufnahme von Notfällen. Darüber hinaus soll das Oasi Nuova Vita ein Zentrum der Aufklärung in der Region werden. „Schon die Kinder sollen hier den Umgang mit Hunden lernen. Denn v. a. hier in Apulien zeigt sich das mangelnde Bewusstsein für das Leiden der Tiere von seiner schlimmsten Seite.“
Es scheint eine Oase inmitten einer verdörrten Wüste: Weitläufige Freigehege, mit Bäumen bepflanzt, ein Brunnen und Wasserstellen für die Hunde, ein breiter Weg, der den Besuchern inmitten des Tierschutzzentrums einen freien Blick gewährt. Bänke zum Verweilen für Gespräche – an einem Ort der Hoffnung für die Straßenhunde Italiens. Aber es ist auch ein Projekt, das Widerstand provoziert. Zu lange und zu lukrativ haben die wie Pilze aus dem Boden sprießenden Business Canili der Region Geld in die leeren Kassen gespült. Und so ist jede einzelne Baugenehmigung ein monatelanger Kräftekampf gegen die italienische Bürokratie, die durch die mangelnde Kooperationsbereitschaft der lokalen Politik zusätzlich erschwert wird. Und es mangelt nicht an Rückschlägen: Täglich finden die Tierschützer Welpen in Müllcontainern, getötete oder schwer misshandelte Hunde. „Es ist ein langer und steiniger Weg. Aber es ist die einzige Hoffnung für die Straßenhunde Italiens“, so Dr. Roland Eichler. Umso wichtiger ist die Fertigstellung des Tierschutzzentrums, um sich in der Region fest zu etablieren. „Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass auch ein Modellprojekt wie das Oasi Nuova Vita nur dann nachhaltig die Situation der Straßenhunde in ganz Italien ändern kann, wenn sich die EU endlich des Themas annimmt. Es kann nicht sein, dass Millionen von Steuergeldern ein Geschäftsmodell von Business Canili nähren, das ausschließlich auf den Profit gerichtet ist und ein unendliches Leid für die Tiere bedeutet.“


Die totgeschwiegene Wahrheit: Hunde, denen die Stimmbänder durchtrennt werden

Und es ist ein Leiden im Verborgenen. Es gibt keine Öffnungszeiten. Öffentlichkeit in jedweder Form ist nicht erwünscht. Heimliche Filmaufnahmen von Tierschützern belegen jedoch, was sich hinter geschlossenen Zwingertüren abspielt. Der Anblick ist schwer zu ertragen: Verletzte Hunde, deren Wunden bereits von Maden wimmeln, Welpen, die tot neben ihrer Mutter liegen, und immer wieder Hunde, die mehr tot als lebendig kaum noch den Blickkontakt suchen. Es gibt Trakte, die auch die freiwilligen Helfer nicht betreten dürfen. Hier sitzen zumeist Hunde, die bereits über zehn Jahre und länger eingesperrt sind. Sie können ihrem Leid keinen Ausdruck mehr verleihen. In einigen der schlimmsten Canili Süditaliens wurden den Hunden gar die Stimmbänder durchtrennt, um ihr verzweifeltes Bellen für immer zum Schweigen zu bringen.


Von der Hundehölle zum Tierheim der offenen Türen: Ein Wunder namens Manduria

Auch das städtische Tierheim in Manduria gehörte über viele Jahre zu einem der schrecklichsten Canile in der Region. Dann geschah das, worauf viele nicht mehr zu hoffen wagten: Luigia Parco, die als Vorsitzende der Associazione Protezione del Cane Gaia O.N.L.U.S jahrelang um die Hunde im Canile in Manduria gekämpft hat, bewarb sich bei einer erneuten und öffentlichen Ausschreibung um die Leitung des Canile – und gewann.
In nur wenigen Wochen und dank des unermüdlichen Einsatzes der Tierschützer ist aus Manduria ein Tierheim der offenen Türen geworden. Und auch wenn es noch an vielem mangelt: Für die mehr als 180 Hunde ist es die Rückkehr ins Leben. Sogar die ersten Adoptionen haben bereits stattgefunden.
Die alte Frau, die in Manduria an diesem Tag ihren „Streunerfreund“ besucht, ist ebenso ein Bild der Hoffnung wie die jungen Familien der Region, die das erste Mal in ihrem Leben ein Tierheim betreten. Im Herbst dieses Jahres überzeugte sich Dr. Roland Eichler selbst von den Veränderungen in Manduria: „Es grenzt für uns alle, die die Zustände in dem ehemaligen Canile kennen, an ein Wunder, was Luigia dort innerhalb kürzester Zeit für die Hunde geschaffen hat.“
Was jedoch auch klar ist: Die angestoßenen Veränderungen in Manduria, allen voran das Pilotprojekt Oasi Nuova Vita, kosten Geld. Das Tierschutzprojekt Italien e. V. finanziert sich ebenso wie die italienische und schweizerische Partnerorganisation allein aus Spenden. „Insbesondere zur Fertigstellung der Kastrationsklinik und des Gnadenhofs fehlt uns derzeit schlicht das Geld“, erklärt Dr. Roland Eichler. Dabei drängt die Zeit. Nicht nur für die Hunde – auch für ein Land, dass in Sachen Tierschutz neben anderen süd- und osteuropäischen Ländern zu lange in Vergessenheit geraten ist.


Zutiefst bedrückender Ort

Foto: GollwitzerSchirmherr des Tierschutzprojektes e. V. ist der Fußball-Nationalspieler und BVB-Spieler Marcel Schmelzer. Seine Eindrücke vom Besuch eines Canile beschreibt er so: „Die Canili in Süditalien sind ein zutiefst bedrückender Ort. Ich habe gesehen, wie Hunde sich aufgeben, nur noch eine Hülle ihrer Selbst sind. Ihr wundervolles Wesen war bereits an einem anderen Ort. Die Verzweiflung in ihren Augen habe ich tief in meinem Herzen gespürt und das hat mein Leben verändert. Ich war erschüttert zu erfahren, dass es solche Canili zu Hunderten, gerade im Süden Italiens gibt, wo diese Tiere auf engstem Raum, in viel zu kleinen Zwingern eingesperrt sind – ihr Leben lang.“


Wie Sie helfen können

Wer das Tierschutzprojekt Italien e. V. unterstützen möchte, kann neben einer Mitgliedschaft auch eine monatliche Patenschaft für einen der Hunde des Oasi Nuova Vita übernehmen. Im September letzten Jahres rief das Tierschutzprojekt Italien zu einer Carepaket-Aktion für das Tierheim Manduria auf: Insgesamt 21 Paletten Sachspenden, darunter dringend benötigte Hundehütten als Schutz gegen die Witterung, konnten dank der Unterstützung von Tierfreunden im Inund Ausland auf den Weg gebracht werden. Dr. Roland Eichler: „Jeder kann uns in seinem Rahmen helfen. Bereits mit drei Euro monatlich können wir das Leid der Straßenhunde lindern und Hoffnung geben.“

KONTAKT

  • www.tierschutzprojekt-italien.de
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SPENDEN
Bank für Sozialwirtschaft
Empfänger: Tierschutzprojekt Italien e. V.
Kontonummer: 8638201
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