Phasmiden: Heuschrecken – Haustiere der Zukunft

Foto: KnorrEs sind keine Monster aus einer anderen Welt und keine kompliziert zu haltendende Pfleglinge. Sie kommen eher leise, still und keineswegs unheimlich in unsere gute Stube – Phasmiden oder auch Stabschrecken, Gespenstschrecken oder lebende Blätter genannt.

Unter dem Überbegriff Phasmiden tummeln sich die eher an kleine Äste erinnernden Stabschrecken, die bizarr mit Stacheln und Auswüchsen versehenen Gespenstschrecken sowie die wie Blätter einer Futterpflanzen aussehenden lebenden Blätter. Dies alles dient der perfekten Tarnung vor Fressfeinden. Oftmals gelingt die Tarnung zu gut, d. h. sie werden unter Umständen von Pflanzenfressern angenagt. Deshalb ist eine geplante Vergesellschaftung im heimischen Terrarium vorher gut zu prüfen.

Als Unterkunft sind die eher kleinen Arten wie Dares philipinensis bereits mit einem geräumigen Gazedeckel verschlossenen und somit gut belüftetem, großen Gurkenglas zufrieden, wohingegen die größeren Arten ein vorzugsweise gläsernes Terrarium von ca. 60 x 30 x 30 cm benötigen.
Die Ausstattung der Unterkunft kann spartanisch mit Küchenkrepp als Bodenbelag und einer bis auf die Aussparungen für die Pflanzenstiele verschlossenen Vase oder Flasche gehalten werden. Klettermöglichkeiten sind v. a. in der Zeit der Häutung sehr wichtig. Die Tiere hängen dann vorzugsweise kopfüber von Ästen und Vorsprüngen herab und schälen sich aus dem zu klein gewordenen Chitinpanzer. Obwohl es für die Häutung immens wichtig ist, eine hohe Luftfeuchtigkeit zu halten, ist von direktem Ansprühen gerade in dieser empfindlichen Phase des Daseins abzusehen.

Fotos: KnorrBei zu trockener Luft kann es geschehen, dass die Tiere nicht vollständig aus der alten Haut steigen können und verkrüppeln oder zumindest Gliedmaßen zurücklassen müssen. Diese wachsen zwar nach, jedoch immer etwas kleiner und schwächer als der Ursprung.

Die meisten Arten benötigen weder eine zusätzliche Heizung noch eine besondere Lichtquelle. Unsere Zimmertemperaturen und Lichtverhältnisse genügen den Ansprüchen dieser interessanten Tiere völlig. Im Sommer können die Tiere in Gazeterrarien draußen gehalten werden, wenn auf genügend Schatten und Luftfeuchte geachtet wird.

Wenn es nicht gleich eine der extrem großen Arten, wie z. B. die türkisfarbene Achrioptera fallax mit einer zu erwartenden Größe von bis zu 25 cm oder Phoebaticus chani, das größte zur Zeit auf der Erde lebende Insekt mit rund 57 cm, sein muss, dann stellen sich auch die kleineren Arten wie Spiniherasea bengalensis, die lgelschrecke mit ihren imposanten Stacheln und dem rot gefärbtem Bauch, durchaus als faszinierende und exotische Terrarienbewohner dar.

Tagsüber verhalten sich die meisten Phasmidenarten eher unauffällig und sind zum Teil so sehr getarnt, dass es selbst für den erfahrenen Halter zum täglichen Suchspiel wird, die Tiere zwischen den Futterpflanzen ausfindig zu machen. Wenn es dunkel wird, geht es für die meisten Arten erst richtig los. Dann erwacht Peripetes forcipatus, ein Name, der wie ein Zauberspruch von Harry Potter klingt, und macht sich mit Vorliebe über die Blätter von Brombeer- und Haselnusssträuchern her.

Foto: Eppele - FotoliaDie Beschaffung der Futterpflanzen stellt für die meisten bei uns gehaltenen Arten kein großes Problem dar, da Brombeerlaub zu den bevorzugten Futterpflanzen gehört und dieses in unseren Breiten ganzjährig grün zu finden ist. Ein paar Nahrungsspezialisten gibt es auch – z. B. die Farnschrecke (Oreophoetes peruana), welche ausschließlich Farn- und Pfeffergewächse frisst und die Samtschrecke (Peruphasma schultei), die sich auf Liguster und Forsythie spezialisiert hat. Doch mit ein wenig Logistik lässt sich auch dieses Problem lösen. Farnpflanzen überwintern auf der heimischen Fensterbank und Liguster lässt im Wasserglas sogar Wurzeln sprießen.

Zur Aufzucht von lebenden Blättern lasse ich Eicheln nach einem „künstlichen Winter“ im Kühlschrank keimen und stelle dann die Jungpflanzen mit den ersten weichen Blättern mit Topf ins Terrarium. Letztendlich hat das Experimentieren mit diversen Pflanzen schon die erstaunlichsten Nahrungsvorlieben ans Licht gebracht. So konnte ich feststellen, dass Spiniherasea bengalensis bevorzugt Efeutute und unser heimisches Efeu frisst. Wenn die Phasmiden als Futtertiere gehalten werden, dann sollte man jedoch von der Fütterung mit Efeu (Hedera helix) aufgrund der toxischen Wirkung absehen.

Fotos: KnorrViele Arten der Phasmiden sind in der Lage, sich ungeschlechtlich zu vermehren, von einigen Arten sind männliche Exemplare bisher sogar völlig unbekannt. Diese entwickeln ihre Eier durch Jungfernzeugung und so kann aus einem Tier eine viele hundert Exemplare zählende Population entstehen.
Wenn männliche Tiere vorhanden sind, lassen diese sich mitunter tage- und wochenlang auf dem Rücken der Weibchen tragen und befruchten in dieser Zeit die Eier. Zur Brut der Eier können diese im Terrarium belassen werden, eine „Geburtenkontrolle“ ist dann jedoch schwierig und es kann schnell eine Überbevölkerung stattfinden. Meines Erachtens ist es zu empfehlen, die Eier abzusammeln und in Plastikboxen auf feuchtem Sand oder Schwammmaterial zu bebrüten. Auch dazu genügt unsere herkömmliche Zimmertemperatur. Es sollte nur genügend Platz zum Schlupf in der Box sein, da aus den wenigen Millimeter großen Eiern erstaunlich große Larven schlüpfen können.

Die Lebenserwartung der Tiere liegt zwischen wenigen Monaten und zwei bis drei Jahren, in unserer heutigen Zeit mit zum Teil sprunghaft wechselnden Interessen ein durchaus überschaubarer Zeitrahmen.

Die hervorragend getarnten Insekten leben ursprünglich in Asien und Südamerika und stellen eine noch weitgehend unerforschte Tierart dar. In dem Bereich der Phasmiden werden auch heute noch bislang unentdeckte Arten aufgespürt.
Die Tiere sind ohne großen Aufwand zu halten. Durch ihr sehr getarntes oder extrem farbenprächtiges Aussehen ein Blickfang, der durch ihr eher passives Verhalten auch für Menschen zu empfehlen ist, die Insekten wegen ihrer hektischen Bewegungen ansonsten ablehnen.


INGE KNORR INGE KNORR
TIERHHEILPRAKTIKERIN IN AUSBILDUNG

INTERESSENSSCHWERPUNKT: Haltung von Phasmiden, Schauinsekten, Wirbellosen und Reptilien

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