Das Tao des Lao-tse in der Tierheilkunde

Das „TAO“ des LAO-TSE in der TierheilkundeEin neuer Zugang zu Tieren durch Fernöstliche Wahrnehmung und Philosophie

Die ganzheitlich orientierte Sichtweise der Naturheilkunde wird immer (auch) bestimmt vom sozio-kulturellen Erfahrungshintergrund des jeweiligen behandelnden Therapeuten. Dabei wird die Wahrnehmung von Krankheitszuständen in der Regel weitestgehend von westlichen Sichtweisen und Werten geprägt, die schon aufgrund ihrer „homozentrischen“ Ausrichtung gar nicht in der Lage sind, „Krankheit“ bei Tieren umfassend und tiefgehend – ohne dabei das Tier zu vermenschlichen – zu interpretieren.



"Das Nicht-Handeln üben: So kommt alles in Ordnung"

(aus: Lao-tse: Tao-te-king, Das Buch vom Sinn und Leben. In der Übersetzung von Richard Wilhelm, Leipzig, 1911, S. 13)

 Dieses Zitat des chinesischen Philosophen Lao-tse verweist in der Tiefe seines Inhalts auf den Kern einer taoistisch geprägten Weltanschauung und Sicht auf die Dinge, die bei entsprechender Interpretation eine wichtige Hilfestellung bei der Einschätzung eines (pathogenen) Befundes bei einem Tierpatient bietet. Viel ist schon geschrieben worden über „Yin“ und „Yang“, diese beiden gegensätzlichen und doch untrennbar miteinander verwobenen Pole. Im Rahmen der Arbeit in meiner Praxis bei der Behandlung von Tieren habe ich mich jedoch immer wieder gefragt, wie ich bei einer Untersuchung und der nachfolgenden Therapie den bestmöglichen, nicht zuletzt mentalen Zugang zu einem Tierpatienten bekommen kann, etwa zur Findung eines passenden Typmittels oder zur Erarbeitung einer individuell abgestimmten Akupunktur-Punktekombination.

Dabei drängten sich immer wieder die gleichen Fragen auf: Wie empfindet ein Tier? Welcher Wahrnehmung unterliegt es? Nach welchen „Gesetzmäßigkeiten“ reagiert es? Kann ich als Mensch überhaupt mit einem Tier einen Kontakt aufnehmen, der dieses zu einer direkten Reaktion oder „Antwort“ veranlasst?

Bei der Beschäftigung mit diesen und vielen weiteren Fragen, und im Rahmen einer Weiterbildung zur Akupunktur beim Pferd bin ich immer wieder auf die Grundlagen der chinesischen Umweltwahrnehmung gestoßen, in der es keine geradlinige Ursachenkette gibt, die dem Muster „Aktion - Reaktion - Symptom“ folgt. Vielmehr entspricht es der Überzeugung der klassischen taoistisch-chinesischen Philosophie, dass sich alles in einem sich selber bedingenden, immerwährend fließenden Zustand befindet.

Den letzten Ausschlag, mich intensiv mit den zwar unserem Weltbild völlig entgegen gesetzten, aber trotzdem nicht minder nachvollziehbaren Wahrnehmungsgrundlagen der chinesischen Naturphilosophie zu beschäftigen, lieferte ein Patientenbesitzer, der mich in meiner Praxis aufsuchte und der seine familiären Wurzeln auf die Abstammung eines mongolischen Adelsgeschlechtes zurückführen kann. Aufgrund dieser Verwurzelung gewährte er mir sehr intensive Einsichten in die Grundlagen der Philosophie des „Tao“ des chinesischen Philosophen und Arztes Laotse.

(Annahme: Verschiedene Quellen weisen darauf hin, dass es Lao-tse als Person möglicherweise nie gegeben hat, sondern dass dieser Name – ähnlich wie bei der Beurteilung der Werke Shakespeares – gewissermaßen als Synonym für eine ganze Schule von Autoren verwendet wurde, die im Kontext der Philosophie des „Tao“ gearbeitet haben.)

Aus den Ausführungen der Schriften dieses Philosophen lassen sich verblüffende Hinweise und Ansichten herauslesen, die in einem merkwürdig intensiven Kontext zur Wahrnehmung von Tieren und zur Beziehung Mensch – Tier stehen.

Bildersprache und Schriftzeichen

Die Basis für das Verständnis der Wahrnehmung eines Tieres bildet die Tatsache, dass dessen „Kommunikation“ mit seiner Umwelt nicht in strukturierten Gedanken erfolgt, die in einer Ausformulierung durch die Sprache im menschlichen Sinne, also in Grammatik und Syntax, mündet.

Beispiel „Pferd“

Das „TAO“ des LAO-TSE in der TierheilkundeDas Pferd reagiert in seinem Kommunikationsgefüge – trotz moderner Zucht- und Haltungsbedingungen – immer noch wie zu den Zeiten, als es in großen Herdenverbänden in völliger Freiheit in den Weiten der Steppenlandschaften dieser Erde lebte. Einzelne Herden mit vielen hunderten oder gar tausenden von Individuen verteilten sich auf eine mehrere Hektar große Fläche. Trotz des natürlicherweise sehr großen Flächenangebotes mussten die einzelnen Herdenmitglieder trotzdem miteinander in kommunikativer Verbindung stehen und miteinander „kommunizieren“, um sich vor lebensbedrohlichen Gefahren wie etwa Raubtieren zu schützen.

Auch heute noch beobachtet man bei den wenigen noch in Freiheit lebenden Pferdeherden, dass sich eine scheinbar in Ruhe grasende Herde bei Gefahr ganz plötzlich zu einer mehr oder weniger formierten Flucht zusammenschließt. Die Frage, die sich dabei stellt, zielt auf den dabei benutzten Kommunikationsweg ab: Wie kann die Meldung „Gefahr“ von einem Ende der Herde blitzschnell über eine mitunter mehrere Kilometer lange Strecke zum anderen Rand der Gruppe gelangen?

Das „TAO“ des LAO-TSE in der TierheilkundeDabei ist es jedoch nicht ausreichend, dass alleine die unkonkrete Information „Gefahr“ vermittelt wird. Damit die Herde zu einer gezielten und organisierten Flucht in der Lage ist, benötigen die Herdenmitglieder weitere und genauere Informationen. So muss etwa vermittelt werden, aus welcher Richtung (von oben / von den Rändern) Gefahr droht und wohin geflüchtet werden soll, sowie die konkrete Art der Gefahr (Fressfeinde, Naturkatastrophen etc.).

Die Verarbeitung aller dieser Informationen erfordert eine weitaus komplexere Wahrnehmung, als ein rein instinktgesteuertes, reaktives Verhaltensmuster. Dies führt die moderne Ethologie, also die Wissenschaft vom Verhalten der verschiedenen Spezies, bzw. die Verhaltensforschung, zu dem Schluss, dass Pferde in mehr oder weniger komplexen Bildern oder bildlichen Vorstellungen denken.

(Annahme: Diese Art der Kommunikation und Organisation kann man beispielsweise auch bei Fischschwärmen beobachten, die durch Fressfeinde bedrängt werden. Auch hier erfolgt eine kontrollierte Formierung des Schwarms sowie Vereinheitlichung der Fluchtrichtung.)

Über das „Tao“ zur Wesenswahrnehmung

Die philosophische Denkrichtung des Taoismus basiert auf einer ca. 4000 Jahre alten, von ihren Anhängern beständig weiterentwickelten Gedankengrundlage, deren wesentliches Merkmal eine ganzheitliche, möglichst allumfassende Wahrnehmungsebene darstellt.

 Dies spiegelt sich auch in der Entwicklung der chinesischen Schriftsprache wieder. Die chinesischen Schriftzeichen stellen keine eigentliche „Schrift“ nach unserem westlichen bzw. abendländischen Verständnis dar, in der sich Buchstabe an Buchstabe reiht, um ein Wort und somit einen Sinn zu bilden. Schriftzeichen im chinesischen System der Wort- bzw. Wortsinnkommunikation, also letztendlich der Vermittlung von Gedanken, benutzen Bildsymbole, die entweder einzeln oder kombiniert, zu Worten oder besser „Sinneinheiten“ zusammengefasst werden.

Der Kern der Vermittlung von Gedanken ist also in der chinesischen Sprache der Gebrauch von Bildern bzw. „Bildvorstellungen“ i. w. S., woraus sich bei eingehender Betrachtung eine gewisse Herleitung der Adaption der Wahrnehmungsweise von Tieren ergibt.

An diesem Punkt schließt sich für mich der Kreis, an dem sich die oben beschriebene „Bildkommunikation“ der Pferde mit den Anfängen und den Grundlagen der asiatischen Wahrnehmung und Denkweise überschneidet.

Die Grundlage zum Verständnis dieser Überschneidung bilden dabei für mich die Gedanken des Taoismus bezüglich der Wahrnehmung von Ganzheitlichkeit und die Akzeptanz des Vorhandenseins von „Yin“ und „Yang“ als zweier Kräfte, die sich gegenseitig bedingen und in eine stete Balance zueinander zu kommen suchen.

In den Wandlungen der Phänomene verwirklicht jedes Ding und Wesen spontan seinen eigenen „Weg“, sein eigenes Tao. Es wird im taoistischen Verständnis als ethisch richtig erachtet, dieser Spontanität ihren Lauf zu lassen und nicht einzugreifen, also Wu wei, „Nicht-Eingreifen“ oder „Nicht-Handeln“ zu praktizieren.

Die Dinge und ihr Verlauf werden als sich selbst ordnend und sich selbst in ihrer Natur entfaltend und verwirklichend angesehen. Es erscheint dem Weisen folgerichtig als sinnlos, seine Energie in einem stetigen Willensakt der Handlung (des Eingreifens in das natürliche Wirken des Tao) zu verschwenden. Vielmehr sollte das Tun angemessen sein. Durch den angestrebten reinen und nicht selbstbezogenen Geist soll ein Handeln möglich werden, das nicht durch eigene Wünsche und Begierden verblendet wird. Der Mensch soll einfach „geschehen lassen“ („Wu wei“).

Voraussetzung für diese Praktiken ist die Vorstellung, dass Analogien zwischen allen Ebenen bestehen, das heißt, dass Kosmos, Erde, Tier und Mensch analog strukturiert sind und sich in allen Details entsprechen.

Eigene Wahrnehmungsschulung

Das „TAO“ des LAO-TSE in der Tierheilkunde

Um vorab dem Missverständnis vorzubeugen, durch Aneignung einer taoistisch geprägten Umweltwahrnehmung in die Lage versetzt zu werden, einen Kontakt mit dem Tier auf der Ebene eines uns geläufigen, menschlichen Austauschs zu erreichen, sei an dieser Stelle nochmals darauf verwiesen, dass die hier beschriebene Methode lediglich dazu dient, die aus dem Anamnesegespräch mit dem Tierbesitzer gewonnenen Informationen über sein Tier aus einer anderen Wahrnehmungsebene heraus zu intensivieren.

Um die eigene Konzentration hinsichtlich der Wahrnehmung eines Tierpatienten zu schulen, bietet das Buch „I Ging“ (auch: „Yi Jing“), das „Buch der Wandlungen“ eine überaus große Hilfe, um die eigentliche, dialektisch geprägte Dynamik einer ganzheitlichen, gleichsam „wortlosen“ und somit „tiernahen“ Wahrnehmung besser zu begreifen.

Die im Buche „I Ging“ in der Übersetzung dargelegten Ausführungen, versehen mit Kommentaren von Richard WILHELM (Leipzig 1911), erschließen sich umso leichter, wenn man zunächst die dort benutzten Begriffe des „Edlen“ bzw. „Berufenen“ und des „Geringen“ wertfrei ersetzt durch „Mensch“ und „Tier“.

In einem zweiten Schritt erschließen sich die Konstellationen und Prozesse zwischen „Edlem“ und „Geringem“ umso einfacher, als dass man den Menschen unter dem Aspekt der Tierwahrnehmung gleichsam als „Führer“ oder „Leittier“ („Alphatier“) interpretiert (s.o.), der sich auf die Anforderungen seiner „Untergebenen“ einstellen und entsprechend reagieren muss.

Beispiel

Um das oben Gesagte zu verdeutlichen, wird im Folgenden stellvertretend für viele ähnlich gelagerte Kapitel der Abschnitt 23 „Fu/Die Wiederkehr“ („Die Wendezeit“) im Buch I Ging (S. 120 ff) interpretiert: Hier kommentiert WILHELM (S. 122) unter „Sechs auf drittem Platz bedeutet: Mehrfache Wiederkehr. Gefahr. Kein Makel“: „Es gibt Menschen von einer gewissen inneren Unbeständigkeit. Für sie ist fortwährend Umkehr der Willensrichtung nötig. In diesem fortwährenden Abwenden vom Guten aus unbeherrschter Neigung und Wiederzuwenden aus besserem Entschluss liegt eine Gefahr. Aber da auf diese Weise eine Verfestigung im Bösen doch auch nicht eintritt, ist die allgemeine Richtung auf Ablegung des Fehlers nicht ausgeschlossen.“

Ersetzt man nun das Wort „Menschen“ durch „Tiere“ („Es gibt Tiere von einer gewissen Unbeständigkeit…“ usw.), so zeigt sich hier eine sehr schöne Deutung eines möglichen Wesenszustandes, der einerseits auf eine innere Unruhe hinweist, aber auch die Möglichkeit bzw. Tendenz einschließt, diese Unruhe (und daraus sich ergebende mögliche psychosomatische Folgeerkrankungen) wieder ablegen zu können. Gerade der letzte Satz dieser Interpretation durch WILHELM verweist aber auch sehr deutlich auf den dialektischen Charakter der Wahrnehmung dieses Zustandes: In der stetigen Wiederkehr des Ab- und Zuwendens zum „Guten“ bzw. „Bösen“ haben beide Richtungen keine Gelegenheit, sich zu verfestigen, weil sie sich im Moment ihres Seins gleichzeitig wieder aufheben. Die Monade des „Yin“ und „Yang“ ist hierfür ein sehr schönes Sinnbild. Die Anwendung und Interpretation des „I Ging“ bezogen auf die zyklische Wahrnehmung der Tiere – im Gegensatz zu der uns Menschen geläufigen linearen, kausalitätsbezogenen Denkweise – ist somit eine sehr gute Übung, die eigene Wahrnehmung dahingehend zu erweitern, dass sich – zumindest in dem Moment des intensiven Kontaktes zu einem Tier – eine tierkonforme, durch die menschliche Zustandsinterpretation eher unverblendete Wahrnehmung einstellen kann, die, wie bereits oben ausgeführt, gerade unter dem Aspekt der ganzheitlichen Untersuchung eines Tieres von sehr großem Vorteil sein kann.

Unter Zuhilfenahme der oben beschriebenen Methode des taoistischen Prinzips lassen sich also beispielsweise Empfindungen wie „Gefahr“ oder „Angst“ bei Tieren, die in der therapeutischen Praxis bisweilen eine große Rolle spielen, auf das Tier bezogen sehr intensiv herleiten, wenn auch nicht kausal und gegenstandsbezogen.

Zudem lassen sich auch viele negative Reaktionsmuster, wie beispielsweise Unruhe oder Panik eines zur Pflege oder Behandlung angebundenen Pferdes, oder eines durch Vereinsamung zu Dauergebell verleiteten Hundes, somit intensiver wahrnehmen und herleiten und schlussendlich zielgerichtet und in sehr hohem Maße individuumskonform behandeln.

Wenn es also auch dem Menschen nicht vergönnt ist, völlig in die Weltanschauung eines Tieres einzudringen, so bietet das Tao des Lao-tse bzw. die philosophische Denkrichtung des Taoismus zumindest eine mögliche begehbare Brücke, uns bis zu einem gewissen Grad einem Tier wesenskonform, d.h. in der ihm eigenen Art und Weise, zu nähern und uns in seine Empfindungswelt einzufühlen. Die Annahme und Akzeptanz dieser Wesenskonformität verhindert zudem recht wirkungsvoll eine allzu vermenschlichende Interpretation eines Tieres, weil uns taoistische Wahrnehmungen und Empfindungen, wie bereits angedeutet, zwingen, uns von unserer linear-kausalen und unter Umständen technokratischen (im Sinne der klassischen Aufklärung eines Descartes oder Hegel) Sichtweise zu lösen und in ein zyklisch angelegtes Denken einzudringen, das die Wahrnehmung unserer Umwelt sehr nah an das Empfinden der Tiere rückt.

Um die Dynamik des Buches „I Ging“ im Hinblick auf das Grundverständnis taoistischer Wahrnehmung ein wenig näher zu verdeutlichen, möchte ich am Schluss folgendes Zitat von Lao-tse anführen:

Die Idee einer Umweltempfindung wahrzunehmen und zu begreifen, ist somit ein erster wichtiger Schritt in der ganzheitlichen Wahrnehmungsinterpretation eines Tieres.

"30 Speichen treffen sich in einer Nabe: Auf dem Nichts daran (dem leeren Raum) beruht des Wagens Brauchbarkeit. Man bildet Ton und macht daraus Gefäße: Auf dem Nichts daran beruht des Gefäßes Brauchbarkeit. Man durchbricht die Wand mit Türen und Fenstern, damit ein Haus entstehe: Auf dem Nichts daran beruht des Hauses Brauchbarkeit. Darum: Das Sein gibt Besitz, das Nichtsein Brauchbarkeit.“

(Lao-tse: „Die Wirksamkeit des Negativen In: Lao-tse: Tao te king. Das Buch vom Sinn und Leben, S. 21)

Das „TAO“ des LAO-TSE in der TierheilkundeKarsten Kulms
Tierheilpraktiker & Fachjournalist für Tierheilkunde 

Selbstständig in eigener Praxis
Tätigkeitsschwerpunkte: Klassische Homöopathie, Akupunktur, Magnetfeldtherapie
Entwickler der Wahrnehmunngsschulung „Das Tao der Pferde“
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Fotos: ©Shutterstock, Chewell/A. Kulms (2)



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