Stresspunktmassage: Serie – Stresspunkt 2 & 3 beim Pferd

Fotos: © purplequeue – FotoliaSeit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Behandlung von Pferden, sie begleiten  mich schon seit meiner Kindheit. Im Laufe der Zeit bin ich über viele Weiterbildungen zur Ausbildung von Pferd und Reiter auf die Stresspunktmassage nach Jack Meagher gestoßen. Zunächst hörte es sich einfach an, als der Dozent über die Biomechanik des Pferdes sprach,  doch dann war ich sehr erstaunt, wie Komplex dieses Thema ist.  Bei der Stresspunktmassage handelt es sich um das Erkennen von Problemen in der Arbeit und die damit verbundene Beeinträchtigung der Funktionalität von Bewegungsabläufen. 

2. Stresspunkt

Der  2.  Stresspunkt  (Brachiocephalicus),  der  Arm-Kopf-Muskel,  hat  zwei Aufgaben:  Zum  einen  die  Seitwärtsbewegung  von Hals und Kopf, zum anderen das Zurück- und Niederziehen von Kopf und Hals. Probleme in diesem Bereich treten schleichend auf. Sie werden erst wahrgenommen, wenn der Muskel schon derart verspannt ist, dass es keinen einfachen Weg mehr zurück gibt.

Wie zeigt sich dieses Problem in der Praxis?

In der Anfangsphase fangen die Pferde an, dem Reiter die  Zügel aus der Hand zu „klauen“. Einige fangen auch an, mit  dem Kopf zu schlagen. Es ist dann zunächst zu überprü- fen, ob es sich wirklich um ein muskuläres Problem handelt  oder ob sich etwas anderes wie z. B. Headshaking dahinter  verbirgt. Es muss also geprüft werden, ob es sich um Blockaden im neurologischen oder craniosacralen System, oder um  mangelnde  Beweglichkeit  der  knöchernen  Strukturen  am  Schädel handelt. Hier sind Tierärzte gefragt.

Muskuläre Verspannung

Bei  muskulären  Verspannungen  stelle  ich  meistens  Muskelverkürzungen auf einer Halsseite des Pferdes fest. Das  Pferd schlägt unter dem Reiter mit dem Kopf. Wenn es aber  frei in der Halle läuft, tut es das nicht mehr oder kaum mehr.  Kommt es zu einer Muskelverkürzung auf der einen Halsseite, ist auf der anderen immer eine Überdehnung des Muskels vorhanden. Die betroffenen Pferde versuchen dies auszugleichen,  indem  sie  den  Hals  strecken.  Ebenso  ist  ein  „Verkanten“ oder ständiges Schiefhalten des Kopfes  möglich. Auch  stellen  sie  sich  auf  einer  Hand  immer  nach  außen.  Reiter  greifen  dann  sehr  schnell  zu  Schlaufern  oder  Ähnlichem,  um  diese „Unart“ zu beenden bzw.  zu  korrigieren,  denn  die meisten Reiter und zum Teil auch die Trainer sind sich dem eigentlichen Problem ihres Pferdes gar nicht bewusst. Die Pferde  wiederum  reagieren  nach  ihren  Möglichkeiten  mit  Abtauchen, sich verkriechen, hinter der Senkrechten gehen, verkanten  und  über  die  Schulter wegdriften.  Sie  können  sich  einfach nicht tragen und die Linien halten. Das geht so weit,  dass die Pferde nicht mehr gerade gerichtet geritten werden können. Einreiten, Halten  und Grüßen wird in der Dressuraufgabe  zum  ersten  Problem,  denn  die  Pferde  stehen  nicht  gerade.  Springpferde haben in der Dreierkombination  Probleme.  Man  spricht  hier  von  ,,Seitenwind“,  denn  auch  sie  können  die  Linien  nicht  halten. Ich  habe  Pferde  in meiner Praxis erlebt, die bei  solchen  Aktionen  ihren Reitern durch ruckartiges Kopfhochschlagen die Nase  gebrochen haben. Und auch Reiter, die mit ihrem Bein am  Sprungständer hängen geblieben sind, was für den Reiter  auf jeden Fall schmerzhafter ist als für das Pferd.

Wie sehen Lösungen für Pferd und Reiter aus?

Fotos: © Kyle Bedell – FotoliaWie  kann  ich  feststellen,  ob  eine  Verspannung  des  Muskels vorliegt? Der Reiter hat mehrere Möglichkeiten und ich  möchte mit der einfachsten, dem Möhrchen-Test, anfangen:  Der Reiter nimmt sich eine ca. 20 cm lange Möhre und hält  sie dem Pferd vor die Nase. Mit langsamer Bewegung geht  er dann mit der Möhre Richtung letztem Rippenbogen. Hierbei ist es wichtig, dass er den Kontakt zur Nase des Pferdes  nicht verliert und gleichzeitig nicht zulässt, dass das Pferd  von der Möhre naschen kann. Ist der Rippenbogen auf gleicher Ebene wie die Nase erreicht, wird die Möhre in Richtung  Wirbelsäule bewegt. Erst hier darf das Pferd abbeißen. Das  gleiche nun auf der anderen Seite. Jede Übung findet auf  jeder Seite 3–5 Mal statt. Es kommt nicht auf die Anzahl der  Übungen an, sondern darauf, dass die Übung exakt ausgeführt wird. In der Praxis habe ich oft festgestellt, dass es viel  leichter aussieht, als es ist. Begonnen und beendet wird die  Übung immer mit der Seite, die dem Pferd am leichtesten  fällt. Pferde mit Problemen kommen nicht am Bauch an. Sie  versuchen dem Druck auszuweichen. Es sieht aus, als wollte  ein  kleiner  Hund  seinen  Schwanz  greifen,  bekommt  ihn  jedoch  nicht.  Die  Pferde  weichen  also  aus.  Hier  hat  es  sich  bewährt,  sie  an  eine Wand  zu  stellen,  damit  ein „im Kreislaufen“ nicht möglich ist. Um  einen guten Erfolg zu erzielen, sollten diese  Übungen vor  und  nach  dem  Reiten wiederholt werden.  Sie  haben  zum  Ziel,  das  Pferd  aufzudehnen.

Eine  andere  sehr  beliebte  Methode  ist  es,  dem  Pferd  die  Möhre zwischen die Beine zu halten, sodass es von dort abbeißen kann. Das ist leichter als gedacht, denn der gewollte  Effekt besteht darin, die Möhre so zu halten, dass das Pferd  den Kopf gerade halten muss und nicht verkantet. 
Als weitere Möglichkeit kann man für den Brachiocephalicus, auf dem sich der Stresspunkt 2 befindet, noch folgende Dehnungsübung anwenden: Eine effektive Dehnung erreicht man, wenn man mit beiden Händen das Vorderfußwurzelgelenk  umfasst  und  mit  einer  leichten  Bewegung  rückwärts/abwärts Spannung auslöst. Diese Spannung wird  maximal  5  Sekunden  gehalten  und  dann  langsam  gelöst.  Hierbei  ist  es wichtig,  dass  diese  Bewegung  parallel  zum  Pferdekörper ausgeführt wird. Achten Sie als Therapeut auf  den Rücken. Pferde, die es unangenehm empfinden, neigen  schnell mal dazu, mit einer ruckartigen Bewegung die Position zu verändern, was dem Rücken nicht gut tun würde. Eine  andere  Option  ist  es,  den  betroffenen  Muskelansatz  mit  leichten  Zirkelungen  und  leichtem  Druck  zu  entspannen. Hier haben sich Massagen mit Massageölen bewährt. Die o.g. Dehnungsübungen gebe ich als Hausaufgaben immer den Reitern auf. 3 Massagebehandlungen sollten ausreichend sein, um einen positiven Effekt zu erzielen.
Betroffen  von  diesen  Problemen  sind  meiner  Erfahrung  nach insbesondere Freizeitpferde, Dressurpferde und Fahrpferde, weniger die Springpferde.  Betroffene  Pferde  können  die  kurzen  Wendungen  nicht  mehr  absolvieren  und  neigen  dazu,  vorbeizulaufen  bzw.  „Seitenwind“  in  Kombinationen  zu  haben.  Pferde,  die  Probleme mit dem Muskel haben, sollten erfahrungsgemäß 7  Tage lang nicht longiert werden. Auch sollte kein Kringel geritten werden. Angebracht sind Ritte ins Gelände oder Läufe in der Führanlage. Im Anschluss daran kann das ganz normale Training wieder beginnen.

3. Stresspunkt

Der 3. Stresspunkt liegt auf dem vielästigen Muskel (Multifiduscervicus), der sich über dem Arm-Kopf-Muskel (Brachiocephalicus) befindet. Die Hauptaufgabe dieses Muskels ist  das Abwenden des Kopfes. Pferde, die Probleme mit diesem Muskel haben, können sich nicht zu einer Seite stellen,  da der Muskelansatz auf der anderen Seite liegt. Das bedeutet, dass ein Pferd, das sich nicht links stellen lässt, Probleme am Muskelansatz auf der rechten Seite hat. Sie brechen ebenfalls über die Schulter weg.
Ich werde oft gefragt, warum ich auf der anderen Seite des  Problems  arbeite.  Der  Grund  ist,  dass  das  Problem  immer  entgegengesetzt liegt. So lässt sich das Zusammenspiel von  Muskelansatz und Funktion und das Ende eines Muskels in  der Komplexität seiner Biomechanik erkennen. Großen Erfolg  hat man, wenn man in den Bereich des Venenwinkels mit der  flachen Hand greift und mit dem Handrücken, dem Muskelverlauf  folgend,  eine  Druckmassage  ausführt.  Erleichtert  wird diese Massage, wenn das Pferd den Kopf zur behandelnden Seite dreht. Ein Massageöl, das durchblutungssteigernd und schmerzlindernd wirkt, ist dabei von Vorteil (z. B.  Rosskastanie, Gänseblümchen). Bei Sportpferden aber bitte  an Doping denken und immer erst nachfragen.
Beim Stresspunkt 3 können Sie auch Möhren für die Dehnungen verwenden, ebenso die oben angeführten Übungen. Beide Muskeln liegen am Pferdehals nebeneinander. Wenn  das Pferd das mag und es zulässt, lässt sich auch ein elektrisches Massagegerät gut anwenden. Wärme mit Rotlicht  oder Strom ist ebenfalls eine gute Möglichkeit, um Muskelprobleme zu beheben.

Fortsetzung folgt

Wir haben damit alle Stresspunkte des Kopfes und Halses  behandelt, sodass wir beim nächsten Mal zur Schulter übergehen können.

CORNELIA LEETZCORNELIA LEETZ

AGRARÖKONOMIN, TIERHEILPRAKTIKERIN EIGENE PRAXIS IN GROSS DRATOW

 

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