| An Bewegung mangelt es uns nicht – wohl aber am Widerstand |
Die vorliegende Ausgabe von Gesundes Tier steht unter dem Titel "Bewegung, bitte!". Eine Aufforderung, die wohl jeder von uns kennt. Wir sprachen zu diesem Thema mit Werner Kieser – einem, der über das Thema Bescheid wissen muss. Denn er ist der Begründer von KIESER TRAINING.
Heute war ich – wie jeden Tag – eineinhalb Stunden mit meiner Hündin Volta unterwegs, erst im Wald, dann am Fluss. Intensives Gehen, jedoch nicht Joggen, denn wir Menschen sind keine Lauftiere. Zudem nehme ich in Gebäuden konsequent die Treppe statt den Aufzug. Nun steht in den Unterlagen von KIESER TRAINING zu lesen, dass wir eigentlich gar nicht an Bewegungsmangel leiden. Sind hier Ärzte, Krankenversicherer und die Gesundheitsbehörden auf dem falschen Weg, wenn sie uns ständig predigen, wir sollten uns mehr bewegen? Ja, das sind sie, wie so oft. Denken Sie nur an die Cholesterin-Hysterie, bei der über Jahrzehnte das Fett verteufelt und überall vor Fettkonsum gewarnt wurde. Man ging sogar soweit, die Nahrungsmittel in den Läden mit "low fat" zu beschriften. Bis die seit Jahren von unabhängigen Fachleuten kommunizierte Tatsache endlich öffentlich wurde: Das Problem sind nicht die Fette, sondern die Kohlehydrate, vorab der Zucker. Das Wissen war schon lange vorhanden, aber die Zuckerlobby war eben stärker. Können Sie das an einem Beispiel veranschaulichen? Astronauten haben mehr als genug Bewegung. Es sind junge und kräftige Menschen. Trotzdem schwinden ihre Muskeln, und die Knochen lösen sich auf. Was ihnen fehlt, ist der Widerstand der Erdanziehung, den wir hier auf der Erde täglich zu überwinden haben. Bewegung als solche hat keine Qualität; diese erhält sie erst durch den Widerstand, den sie überwindet. Die dazu notwendige Muskelanspannung muss von ausreichender Höhe und Dauer sein, damit die Muskeln und Knochen sich entwickeln, respektive erhalten bleiben. Kieser Training macht nichts anderes, als diesen Widerstand individuell zu dosieren und zu applizieren. Was ist für Sie "richtige" Bewegung?
Bewegung fördert also auch Beweglichkeit? Genau. Die Erhöhung der Beweglichkeit ist ebenfalls ein Effekt des korrekten Krafttrainings. Ein Beispiel: Unser Gesäßmuskel betätigt das Hüftgelenk. Dieses hat einen Ausschlag von rund 110 Grad. Wenn man geht, läuft, Rad fährt – welche Sportart auch immer man betreibt – werden diese wichtigen Muskeln aber höchstens bis 40 Grad gedehnt, also etwas mehr als ein Drittel. Ist der Widerstand bei der Bewegung groß genug, wird im Gesäßmuskel zwar ein Trainingseffekt erzielt, jedoch nur innerhalb dieser 40 Grad. Der Muskel wird unvollständig trainiert und entwickelt eine Dysbalance. Die Folge sind unausgeglichene Kraftverhältnisse, keine Verbesserung der Beweglichkeit. Ein korrektes Training begegnet diesem Effekt gezielt. Dann machen Sie einen Unterschied zwischen Fitness-Studios und Krafttraining nach Kieser? Was die Fitness-Studios alles anbieten, ist mir nur unvollständig bekannt. Uns geht es um die Lösung eines Problems, das unsere Lebensqualität maßgeblich bestimmt: Wir verhindern die so genannten Atrophie-Syndrome unseres Bewegungsapparates, also seine kontinuierliche Rückbildung. Die Evolution hat kein Interesse daran, dass wir älter als etwa 25 Jahre werden. Denn dann haben wir unsere Gene weitergegeben und sind "nutzlos" geworden. Was heißt das für den Körper?
Also doch Fitnesstraining? Soweit ich informiert bin, bieten Fitness-Studios Ausdauertraining und Krafttraining gleichzeitig an, also erst aufs Laufband, dann an die Kraftgeräte. Das ist natürlich Unsinn, denn mit der einen Trainingsform macht man den Effekt der anderen zunichte. Wenn schon Ausdauertraining, dann einige Stunden nach oder vor dem Krafttraining. Aber für das Ausdauertraining benötigen wir keine Studios mit teuren Quadratmetern in der Innenstadt. Das Ausdauertraining soll draußen gemacht werden. Geht es aber lediglich um den gesundheitlich wichtigen Effekt auf das Herz-Kreislaufsystem, reicht das Gehen mit dem Hund oder das gelegentliche Zuhauselassen der Autoschlüssel. Und das Ganze hat noch einen Vorteil: Man muss sich dabei nicht auch noch "verkleiden"... Was wäre die perfekte Trainingsform für unseren Körper und unsere Gesundheit? Das perfekte Training muss die Muskeln von ihrer maximalen Dehnung bis in die vollständige Kontraktion überschwellig trainieren. Damit erreichen wir eine ganze Menge: Zunächst werden muskulär bedingte Dysbalancen korrigiert, die die häufigste Ursache für Rückenbeschwerden sind. Daneben wird durch die Stärkung der Knochenstrukturen Osteoporose verhindert und deren Weiterentwicklung unterbunden. Schließlich ist korrektes Krafttraining entscheidend für die Therapie von Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes Typ 2 und verbessert ganz allgemein Verhältnis von Körpergewicht und Kraft. Das heißt, dass man leichter an sich selber trägt. Es sind ja unsere Muskeln, die den ganzen Tag unser Gewicht fortbewegen müssen. Ohne Kraft geht da gar nichts – wird würden uns nicht von der Stelle rühren. Umschreiben Sie kurz, was aus Ihrer Sicht ein sinnvolles Training ausmacht. Wöchentlich zweimaliges Krafttraining zu je etwa 30 Minuten im eben beschriebenen Sinne im Abstand von zwei Tagen Gleichzeitig sollte die Gehstrecke auf etwa eine Stunde täglich erhöht werden. In mehr als der Hälfte unserer Haushalte leben Haustiere mit uns. Wir neigen ja dazu, allzu oft menschliches Verhalten auf unsere Tiere zu übertragen. Wir sprachen bis jetzt von der menschlichen Bewegung. Können Sie dazu auch etwas bezüglich der Tiere allgemein und unserer Haustiere sagen? Im Unterschied zu uns Menschen sind Hunde Lauftiere und brauchen eben entsprechenden "Auslauf". Wobei hier Rasseunterschiede beachtet werden müssen: Rottweiler beispielsweise sind eher Sprinter, während Windhunde für längere Strecken geeignet sind, da ihre geringere Muskelmaße weniger Sauerstoff braucht.
Ja, sie heißt Volta. Und ich habe noch eine Katze. Machen Sie deshalb Kraftübungen? Es ist ja ein starker und großer Hund, den man ohne genügend Kraft nicht so einfach halten und führen kann? Anders rum: Weil ich Kraftübungen mache, kann ich einen solchen Hund halten! Aber Spaß beiseite: Rottweiler sind nicht schwieriger zu führen als andere Hunde, vielleicht mit Ausnahme von Hirtenhunden, die offenbar "autonomer" sind. Wie kommt denn Ihr Hund zu "genügend Kraft"? Volta hat den genetischen Vorteil eines starken Bewegungsapparates. Beim Spielen hat sie ausreichend Kraftreize. Der Vorgängerin von Volta, Tessa, baute ich einmal eine Kraftmaschine, einen Zugapparat, den sie mit den Zähnen fasste und ein Gewicht hochzog. Doch wenn es oben war, ließ sie es einfach los, so dass es nach unten sauste und einen Riesenkrach machte. Mit Rücksicht auf meine Nachbarn stellte ich das Training so um, dass ich die Kraftmaschine spielte, was Tessa offensichtlich auch besser gefiel. Apropos Krafttraining: Muss man die Muskeln aufwärmen und nach dem Training mit Dehnübungen wieder lockern? Das "Aufwärmen" erfolgt beim Krafttraining etwas anders als zum Beispiel vor einem 100 Meter Sprint. Da beim Krafttraining jeder Muskel oder jede Muskelgruppe separat trainiert wird, sind die ersten 40 bis 50 Sekunden das Aufwärmen für diesen Muskel, bevor er den Maximalanstrengungen der letzten 10 Sekunden der Übung ausgesetzt wird. Beim 100 Meter-Sprinter findet diese Maximalanstrengung sofort ab Startblock und für alle Muskeln gleichzeitig statt. Wie wichtig ist nun das Aufwärmen? Allgemein wird dem Aufwärmen zuviel Bedeutung gegeben. Die Forschung zeigt folgendes: Eine leichte Erhöhung der Kerntemperatur der Muskeln von den normalen 37 Grad auf etwa 39 Grad erhöht die Leistungsbereitschaft. Übersteigt die Temperatur jedoch 39,5 Grad, verschlechtert sich die Leistung. Bei 42 Grad gerinnt das Muskeleiweiß, was tödlich ist. Darum bekämpfen wir das Fieber. Die idealen 39 Grad werden sehr schnell erreicht beim Krafttraining und stellen auch bald ein Limit dar. Wir konnten in Versuchen feststellen, dass bei Ende einer Übung, also beim vollständigen Versagen des Muskels, die Übung gleich wieder fortgesetzt werden konnte, wenn dem Muskel ein eiskalter Wickel aufgelegt wurde. Das Dehnen erhöht die Beweglichkeit in den Gelenken, trägt aber gemäß neuerer Forschung weder zur Leistungssteigerung noch zur Verletzungsprophylaxe bei. Haben Sie schon mal beobachtet, ob Ihr Hund „sich aufwärmt“ und nach dem Laufen „stretching“ macht? Bei der Katze habe ich tatsächlich eine so genanntes "pre-stretching" beobachtet, also eine Vor-Dehnung. Wenn die Katze zu einem Spurt auf einen Vogel in der Wiese ansetzte, wippte sie kurz auf den Hinterbeinen und schoss dann los. Diese Kurz-Dehnung erhöht die sofort verfügbare Kraft durch den "myotatischen Reflex". Es ist der Dehnungsreflex, den der Arzt bei uns Menschen mit dem Hämmerchen testet, indem er unterhalb der Kniescheibe auf die Sehne klopft und ihn damit auslöst. Ein "Aufwärmen" ist offenbar weder bei der Katze noch beim Hund nötig. Die Bereitschaft zum Angriff oder zur Flucht wird durch den Hormonschub unmittelbar hergestellt und bedarf keiner Vorbereitung. Hatte Ihr Hund schon Verletzungen, die eine gezielte Kräftigung der Muskulatur nötig machte? Unsere Tessa, die ich eben erwähnt hatte, musste sich einer Kreuzbandoperation unterziehen, was eine Kräftigungstherapie nötig machte. Wie haben Sie dies als „Muskel-Papst“ gemacht? Ihr habe ich eben diese Hunde-Kraftmaschine gebaut. Es funktionierte aber nicht, weil Tessa nicht verstand, die Übung vom Dehnen bis zur vollständigen Kontraktion auszuführen. Deshalb kräftigten wir ihre Muskeln durch Spielen. Was machen Sie in Sachen Gesundheit, Prävention und Prophylaxe für Ihren Hund? Der Hund muss einfach genügend Spielmöglichkeiten mit anderen Hunden haben. Das ist das beste Training für den Hund, und dafür sorgen meine Frau und ich. Sie sind jetzt 70, schließen eben ein Studium ab, sind fit und sprühen nur so vor Vitalität. Was sind Ihre nächsten Projekte? Ich bin neben dem Studium in der Entwicklung neuer Problemlösungen für das Krafttraining involviert, das heißt im Prototypenbau neuer Maschinen. Im Vordergrund stehen Fußmaschinen, denn die Füße sind nach dem Rücken das größte orthopädische Problem. Dazu kommen Beckenbodenmaschine und eine "Kopf- Drehmaschine" für die Halsmuskulatur, die auch für das Gesicht formgebend sowie zahnmedizinisch von Bedeutung sein wird. Nach meinem Masterabschluss habe ich vor, ein Buch zu einem philosophischen Thema zu schreiben. Also nicht das kleinste Anzeichen, sich zurückzulehnen und aufzuhören? Dazu habe ich genügend Gelegenheit, wenn ich tot bin. Was möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern zum Schluss noch ans Herz legen? Was nicht gebraucht wird, verkommt. Das gilt für die Muskeln und Knochen wie für das Hirn. Interview: Dr. Christian Ruetz WERNER KIESER 1940 wird Werner Kieser im Kanton Aargau geboren, lernt Schreiner und arbeitet später auch als Eisenleger. 1958 erleidet er beim Boxen eine Rippenfellquetschung. Statt der vom Arzt verordneten sechsmonatigen Pause trainiert Kieser mit Hanteln. Die Rehabilitationszeit verkürzt sich zum Erstaunen des Arztes erheblich. Der Boxer beginnt mit der Erforschung der Wirkung von Krafttrainings. 1966 eröffnet Kieser sein erstes Kraftstudio mit selbst gebauten Kraftmaschinen und "tonnenweise Metall". 1967 erfolgt dann die Gründung der Kieser Training AG – das Hobby wird zum Beruf. 1978 rüstet Werner Kieser den Trainingsbetrieb vollständig mit den damals revolutionären Nautilus-Maschinen aus Amerika aus und wird ab 1980 Generalimporteur für Europa. 1980 wendet seine Ehefrau, Dr. med. Gabriela Kieser, die von Arthur Jones entwickelte Rückentherapie erstmalig in Europa für medizinische Kräftigungstherapie an. Sie wird – fast zufällig – zum festen Bestandteil des Trainingskonzepts von Kieser Training. 1981 beginnt Werner Kieser mit der Unternehmensexpansion mittels Franchising. Heute bestehen 139 "Kieser Training". Über 300'000 Kunden arbeiten dort am systematischen Aufbau und Erhalt ihrer Muskeln. 2011 Der 70-jährige schließt in diesem Jahr sein Philosophie-Studium mit dem Master ab, schreibt Bücher und will das Netz an Betrieben weiter ausbauen. |







Herr Kieser, wie und wie oft bewegen Sie sich?
Zuerst anders herum: Es gibt keine "falschen" Bewegungen. Bewegung ist Mobilisierung der Gelenke. Will man damit aber einen Trainingseffekt erzielen, zum Beispiel einen Kraftzuwachs oder eine erhöhte Beweglichkeit in den Gelenken, muss die Bewegung vollständig durchgeführt werden. Wir bezeichnen dies als full range, und meinen die vollständigen Dehnung in die komplette Kontraktion.
Physiologisch gesehen geht es ab 25 nur noch bergab: Die Muskeln schwinden, die Knochen werden porös. Aber es kommt noch schlimmer: Meist sind wir mit dem Alter auch schwerer geworden, und es sind eben nicht alles Muskeln, die wir über die Zeit angesetzt haben. Man glaubte lange, dass dies die ehernen Gesetze der Natur seien: alt gleich altersschwach. Erst seit 1990 weiß man, dass die Muskeln und damit die Knochen bis ins hohe Alter trainierbar sind.
Sie haben selber eine Rottweilerhündin?